War is over / Kristmast in der großen Stadt.

GNADENBRINGENDE WEIHNACHTSZEIT (Triptychon) © KAI VON KRÖCHER, 2018

Heute bei Das lustige Füßchenspiel mit Otto und seinem Papa: Mosi ist weitergezogen, Kai von Kröcher macht eine Entdeckung, Helmut Kohl will die Füßchen aufessen, um die Ecke biegt der Typ von AnnenMayKantereit. +++ AnnenMayKantetereit-Typ (Stimmlage wie Christian Kohlund): “Kann ich mal heute hier pennen?” +++ Okay, Otto hatte von Lego zu Weihnachten sich den Großstadtschlachthof gewünscht – mit Abladerampe und Kälbertötungsbox. Fand ich zwar irgendwie besser als irgendwas mit Computer. Am Ende bekam er dann aber das Wallstreet-Set von Playmobil, das halte ich für pädagogisch doch wesentlich wertvoller. +++ So, jetzt muss ich Schluss machen, das mit der Entdeckung erzähl’ ich beim nächsten Mal.    

Überschrift inspired by: Happy Xmas (War Is Over) © John Lennon, 1971

Oft gefragt © AnnenMayKantereit, 2016

Ohne Mosi nix los / Liebesgrüße vom BND.

SPUK IM HOCHHAUS (Triptychon, Farbe) © KAI VON KRÖCHER, 2018

Achtung: In einer Gastrolle tritt heute der verstorbene Münchner Modeschöpfer Rudolph Moshammer im Lustigen Füßchenspiel auf – meinem oberflächigen Eindruck nach ein wohltägiger Mensch. +++ Was bisher geschah: Helmut Kohl möchte die Füßchen vom kleinen Otto sprechen, das sei leider nicht möglich, entschuldigt der dicke Walfisch. +++ Der dicke Walfisch: “Aber warum wollen Sie denn die kleinen Füßchen sprechen?” Kohl: “Die sind beide so süß, ich möchte sie gerne essen.” Walfisch: “Herr Bundeskanzler!” Kohl: “Pfälzer Babypfüßchen.” Auftritt Rudolph Moshammer: “Ssupperssuppi!” (to be continued) +++ Der oder das Blog erleidet momentan furchtbare Lesereinbußen, auch Sie als Heuschreckenkapitalist werden sich diesen infantilen Unfug kaum länger noch bieten lassen +++ Jedenfalls, wenn ich Otto die Windel wechsle, wir beide lieben das – ganz ohne Quatsch. Ich frage dann immer, ob er Mitarbeiter beim BND ist – schöne Grüße aus Pullach… +++ Versteht er natürlich nicht, er kennt nur Stadion der Weltjugend. 

Überschrift inspired by: Rudolph “Mosi” Moshammer (* 1940 in München, † 2005 in Grünwald), dt. Modesdesigner, Autor und Inhaber einer Boutique

Überschrift also inspired by: Bundesnachrichtendienst (BND), Hauptsitz in Berlin (seit 2018) und Pullach im IsartalRudolph “Mosi” Moshammer (* 1940 in München, † 2005 in Grünwald), dt. Modesdesigner, Autor und Inhaber einer Boutique

Bildunterschrift inspired by: Spuk im Hochhaus (Kinderserie) © Fernsehen der DDR, 1981/82

Das politische Bild / Berlin, Hauptstadt der DDR.

HAUPTSTADT DER DDR © KAI VON KRÖCHER, 2018

Helmut Kohl (Stimme nasal verstellt, wie Helge Schneider): “Guten Tag, mein Name ist Kohl, äh, also Helmut Kohl, ich würde gerne einmal mit den Füßchen vom kleinen Otto sprechen.” Der dicke Walfisch (Tonlage in etwa wie Christian Kohlund): “Guten Tag, Herr Kohl! Da werde ich Sie wohl leider enttäuschen müssen, mit den Füßchen vom kleinen Otto können Sie heute nicht sprechen…” Helmut Kohl: “Ach, wie schade, sind die Füßchen verreist? Dann komme ich vielleicht morgen einfach noch einmal vorbei?” +++ Also, zumindest die Fotos rechts oder links; das sieht doch aus, irgendwie, wie damals im Herbst: der 4. November ’89, Berlin-Alexanderplatz. +++ Finden Sie nicht?!

Dialog: Das lustige Füßchenspiel mit Otto und seinem Papa © sein Papa, 2018

Poverty is picturesque / Bilder gegen den Hunger.

SINFONIE EINER GROßSTADT © KAI VON KRÖCHER, 2018

Blur like a rocket, torch like a dying sun. +++ Als ich gestern so abends, die Dämmerung setzte gerade novemberlich ein. Kottbusser Tor leuchtete, Weihnachten stand zögerlich hinter der Tür. So langsam, sagte ich mir, langsam solltest du dich endlich einmal nach einer geringfügig bezahlten Nebentätigkeit umsehen – sonst liegt in diesem Jahr nichts unter dem Baum. +++ Das Bild oben also besteht aus drei verschiedenen Fotos: Alexanderplatz, Otto-“Anne”-Braun-Straße, Friedrichstraße – zwischen den Aufnahmen liegen nicht ganz fünf Minuten. +++ How did he make it? +++ Erinnert ein wenig an den Spirit der Zwanzigerjahre, Hermann am Karstadtplatz soll ja im Original übrigens auch wieder aufgebaut werden…

Überschrift inspired by: Already Over Me © The Rolling Stones, 1997

Überschrift also inspired by: Hunger © Florence and the Machine, 2018

Bildunterschrift: Die Sinfonie der Großstadt (experimenteller Dokumentarfilm) © Walther Ruttmann (Schnitt und Regie), D 1927

Lyrics: Silvery Sometimes (Ghosts) © The Smashing Pumpkins, 2018

The Joshua Three / Bilder gegen den Klimawandel.

SEA OF LOVE No. I (Berlin-Friedrichstraße) © KAI VON KRÖCHER, 2018
SEA OF LOVE No. II (Berlin-Friedrichstraße) © KAI VON KRÖCHER, 2018
SEA OF LOVE No. III (Berlin-Friedrichstraße) © KAI VON KRÖCHER, 2018

Come with me, my love, to the sea, the sea of love.

Überschrift inspired by: The Joshua Tree © U2, 1987

Bildunterschrift/Lyrics: Sea of Love © der Itschie-Bob, 1981 (Cover)

Vagina Dialoques / You’re laughing, we’re carving your name in a tree.

SCHWERE SEE (REVISITED) I © KAI VON KRÖCHER, 2018

SCHWERE SEE (REVISITED) II © KAI VON KRÖCHER, 2018

»Kann man ihn nicht ein bisschen hin und her tragen oder schaukeln?«, fragt Pinneberg. »Ich glaube, ich habe mal gehört, das macht man, wenn kleine Kinder schreien.« »Das fang nur an!«, sagt Lämmchen empört. »Dann können wir überhaupt nichts anderes mehr tun als hin und her zu laufen und ihn wiegen.« »Aber vielleicht heute einmal, wo es sein erster Tag bei uns ist«, bittet Pinneberg. »Er soll es doch nett haben bei uns!« »Ich will dir was sagen«, sagt Lämmchen und ist sehr energisch. »Das fangen wir gar nicht erst an. Hör zu, die Schwester hat gesagt, das Beste ist, ihn durchbrüllen zu lassen, die ganzen ersten Nächte wird er brüllen. Wahrscheinlich …«, schränkt sie das Gesagte mit einem Blick auf ihren Mann noch ein. »Es kann ja auch anders kommen. Und man soll ihn auf keinen Fall aufnehmen. Schaden kann ihm das Brüllen nichts. Und dann gewöhnt er sich daran, dass er durch Brüllen nichts erreicht.« »Naja«, sagt Pinneberg. »Ich finde es aber ziemlich roh.« +++ In einem Punkt muss ich dem Donald Trump, ich finde den ja eigentlich nicht wirklich gut. Aber in der einen Sache, da hat er mal echt keinen Unsinn erzählt: im Winter ist es kälter als im Sommer. +++ Okay, ich hatte neulich geschrieben, den Otto erzögen wir streng nach neuester nationalsozialistischer Erziehungslehre, das war natürlich gelogen. Wer möchte sich ernsthaft vorstellen wollen, sein kleiner Murkel würde später womöglich einmal so wie der Höcke. +++ Bei dem Krawattenbild neulich, da dachte ich hinterher, könnte auch gut und gern eine weibliche Scheide sein: “Muschi aus Spannbeton” – würde sich super verkaufen. +++ Ginge es nur ums Verkaufen, wäre ich Gebrauchtwagenhändler geworden, das sagte ich schon. +++ Vorgestern ist etwas Großartiges im Leben eines jungen Vaters passiert: Die Gewordene kam abends nach Hause und wollte wissen, was wir den Tag lang so getrieben hätten. “Lustiges Füßchenspiel”, sagte ich – und aus der Erinnerung schlüpfte ich noch einmal in die verschiedenen Rollen und spielte das Spiel in seinem kompletten Dialogverlauf nach. Auftretende Personen: der kleine Otto, Ottos Füßchen (“Rechts” und “Links”), der dicke Walfisch, Helmut Kohl. Und als ich so meine Stimme verstellte, fing Otto plötzlich zum ersten Mal in seinem Leben an, aus vollstem Herzen zu lachen – am Ende lag dann die ganze kleine Familie unter dem Tisch. +++ Das interessiert Sie als Haifischkapitalisten da draußen natürlich nur herzlich wenig, das ist mir schon klar!

Überschrift inspired by: The Vagina Monoloques (Theaterstück) © Eve Ensler, 1995

Überschrift also inspired by: Aural Sculpture © The Stranglers, 1984

Textauszug aus: Kleiner Mann – was nun? (Roman) © Hans Fallada/Rowohlt Verlag, 1932

Hans Fallada (bürgerlich Rudolf Ditzen, *1893 in Greifswald, †1947 in Berlin), dt. Schriftsteller

Björn Höcke (*1972 in Lünen), dt. Politiker

Helmut Kohl (*1930 in Ludwigshafen, †2017 ebenda), dt. Bundeskanzler

White tie, white noise / I know it’s gonna happen someday.

SCHLANGENBADEN (Krawattenversion) © KAI VON KRÖCHER, 2018

No colours anymore, I want them to turn black. +++ Puh, das Leben kann ziemlich öde sein – fragen Sie Charlie Watts, der kann Ihnen ein Lied davon singen: Immer am selben Bild herumschrauben, da schlafen einem auf Dauer die Füße ein. +++ Da Otto irgendwann ganz sicher nach einer neuen Winterjacke aus lebend gerupfter Canada Goose-Daune verlangen wird – okay, ich hör ja schon auf. +++ Aber mal ganz ohne Quatsch: Erst kommt der Hummer, dann die Moral: Aktuell bin ich gerade am Überlegen, ob ich nicht Krawatten-Designer werden soll. Das Motiv aus der Schlangenbadeanstalt unten in Wilmersdorf – der Schlips böte sich doch für feierliche Anlässe förmlich an. +++ “Förmlich” ist gut. +++ Apropos, kurz vor Weihnachten 1995, das ist jetzt auch schon wieder 23 Jahre her, kann das sein? Da war ich nämlich tatsächlich, das fällt mir jetzt ein. Da musste ich runter nach Mailand. Ich sollte einen Fernsehbeitrag machen über einen italienischen Krawattenhersteller, der trug selbst keinen Schlips, das sollte der Aufhänger sein. +++ Das war vielleicht ein Fiasko, sage ich Ihnen. +++ Mein Kameramann fuhr einen alten Jaguar, an jeder Seite ein Tank. Der Krawattenhersteller selbst kam natürlich mit Krawatte zum Dreh, ich musste ihn erst noch schnell überreden. Er hatte ein paar Jahre in Deutschland gelebt, ich führte das Interview also als Gimmick auf Deutsch. Beim Sichten des Materials stellten wir hinterher fest, man verstand fast kein Wort. Zwischendrin rief ständig der Redaktionsleiter auf meinem Diensthandy an, ob er schon was zum “Thema Sex” gesagt hätte. Der Typ war ein stilvoller älterer Herr, ich würde ihn ganz bestimmt nicht zum “Thema Sex” befragen. +++ Sat.1 nehme den Beitrag ohne Sex aber nicht ab, tobte der Chefredakteur. Dann brach der Winter über Italien ein, auf der Autobahn glaubte ich ständig, der Kameramann würde den Jaguar jeden Moment in die Leitplanke setzen. +++ Am Ende ging aber alles gut: Sat.1 nahm den Beitrag nicht ab, und so wurde ich erst einmal Schuhverkäufer.

Überschrift inspired by: Black Tie, White Noise © David Bowie, 1993

Überschrift also inspired by: I Know It’s Gonna Happen Someday © David Bowie, 1993

Lyrics: Paint It, Black © The Rolling Stones, 1966

Sex

Amoureux solitaires dans une ville morte / Dreams of bathing a Snake.

AMOUREUX SOLITAIRES © KAI VON KRÖCHER, 2018

You make a fool of death with your beauty. +++ Man kennt mich als aufrechten Dissidenten, als Kunstskeptiker aber werde ich öffentlich bisher noch nicht wahrgenommen. Zu Recht, doch das soll sich bald ändern: Gerade nämlich kam mir ein bahnbrechender Einfall. +++ Western kann man tatsächlich gut ohne Ton sehen, das hätten Sie nicht gedacht! +++ In Zukunft werde ich keine neuen Bilder mehr machen und werde damit die Kunstwelt revolutionieren. +++ Sagt man das so? +++ Apropos: Karl Lagerfeld, und ich hoffe, ich kriege das ungefähr noch zusammen. So schwer ist es nun auch wieder nicht: Karl Lagerfeld nämlich hat mal gesagt, und ich dachte, da scheint mir wirklich was dran zu sein. Man muss, sagt Karl Lagerfeld – man muss sein Geld zum Fenster hinauswerfen, damit es zur Tür wieder hereinkommt. +++ Cool. +++ Mein Denkfehler bei der Sache allerdings war, er meinte wohl eher nicht, man soll sich abends am Späti mal eine Flasche Rotwein leisten für 13 Euro, und dann setzt man sich schön vor den Fernseher; ich glaube, das meinte er nicht. +++ Das Bild heute, das trug jedenfalls mal den Arbeitstitel Amoureux solitaires – Bloglesern mit der Gnade der frühen Geburt, denen wird da was klingeln. +++ Schade, die Idee ist wirklich gut: Bis an sein Lebensende immer und immer wieder nur noch dasselbe Foto in immer neuen Variationen.

Überschrift inspired by: Amoureux solitaires © Lio, 1980

Überschrift inspired by: How to bath a snake

Lyrics: Hunger © Florence and the Machine, 2018

Karl Lagerfeld (*1933 in Hamburg), in Paris lebender dt. Modeschöpfer, Designer, Fotograf

Bad in der Schlange / This town ain’t big enough for the both of us.

SCHLANGENBADENER STRAßE (MAGRITTE) © KAI VON KRÖCHER, 2018

SCHLANGENBADENER STRAßE (ROBERT MITCHUM) © KAI VON KRÖCHER, 2018

Bodies, I’m not an animal. +++ Soll ich Ihnen mal was verraten? In meinem Kopf ist kein Platz für Steve McQueen und Clint Eastwood gleichzeitig. Denke ich an den einen, fällt mir der andere nicht mehr ein. Oder halt umgekehrt – ein merkwürdiges Phänomen. +++ An den Song Bodies, um vielleicht doch noch ganz kurz vor dem Weihnachtsgeschäft auf den Zug mit dem – wie nennt man das, wenn man im Internet was über Babies schreibt und sich direkt einen zweiten Flatscreen-Bildschirm davon kaufen kann? Den Song Bodies jedenfalls von den Sex Pistols habe ich manchmal am Wickeltisch auf den Lippen, wenn Otto zum Beispiel den Body vollgespuckt hat. Zwar geht er jetzt regelmäßig zum Spanisch, aber ansonsten benimmt er sich oft wie ein Kind. +++ Was wollte ich sagen? +++ Die Bilder heute, daran würde ich eines Tages verzweifeln, dachte ich oft. Das Foto selbst ist ja schon von Anfang September, da hatte ich mich ein bisschen in Steglitz herumgetrieben. Schlangenbadener Straße, ich alter Abenteurer. Ist das noch Steglitz, oder ist das schon Wilmersdorf? +++ Okay. +++ Irgendetwas daran erinnert mich jedesmal an Magritte, dieses Bild mit der Melone. Aber ich frage Sie ernsthaft, wo sehen Sie da einen Hut? +++ Jedenfalls, in der Filmsendung auf radioeins gestern hatten sie etwas über die neue Regiearbeit Steve McQueens gefachsimpelt. Ich lasse das Radio immer in der Küche laufen, wenn ich nebenan über den Bildern sitze, man versteht meistens nur Bahnhof. Dann aber fiel mir ein, der echte Steve McQueen hat sich doch längst in die See streuen lassen. +++ Der Song Bodies jedenfalls, und das wusste ich nicht. Der Song Bodies dreht sich um eine Frau aus Birmingham, die hat ihr Kind abtreiben lassen. Und Johnny Rotten, wie ich ihn damals noch nannte. Johnny Rotten und seine Freundin, die hatten gerade ein Ungeborenes verloren. Und Johnny hat einen Song darüber gemacht, anscheinend weder contra Abtreibung noch pro – wenn Sie das interessiert, können Sie das googeln, das empfehle ich in solchen Fällen immer. Einfach “sex pistols bodies abortion” eingeben – aber nehmen Sie Ecosia, das ist nachhaltiger, wo hier schon eh alles den Bach runtergeht. +++ Okay, letzte Nacht jedenfalls, etwa um zwölf, da schaltete ich spontan den Fernseher ein und erwischte genau den Anfang von einem Western mit Steve McQClint Eastwood: Hängt ihn höher hieß der, ich ließ ihn komplett ohne Ton laufen – Otto lag schlafend in meinem Schoß und träumte von Das lustige Füßchenspiel mit Otto und seinem Papa

Überschrift inspired by: This Town Ain’t Big Enough For Both of Us © Sparks, 1974

Lyrics: Bodies © Sex Pistols, 1977

Widows © Steve McQueen (Regie), UK/USA 2018

Million Dollar Baby © Clint Eastwood (Regie), USA 2004

Hang ‘Em High (w/ Clint Eastwood) © Ted Post (Regie), USA 1968

Andrea Sawatzki / and the Wiremen.

AND THE WIREMEN (MARIE-ANTOINETTE, BERLIN) © KAI VON KRÖCHER, 2018

Merkst du denn, wie weit der Horizont sich neigt / das leise Zittern, wenn das Schiff ganz langsam in die Höhe steigt / wie eine alte Frau, die sich mit Mühe aus dem Sessel hebt. +++ Das lustigste an der Geschichte mit Dellwo, das hatte ich ganz vergessen. Ich hatte gestern nicht mehr gewusst, wohin mit all diesen Infos. Die Massen an Text immerzu, das ganze Geschwafel – die Menschen wollen Fakten, Sex und schnelles WLAN, sie sehnen sich förmlich danach. +++ Im übrigen bin ich mir sicher, die Empörung wäre wesentlich größer, stünde in fünf Jahren nicht der Klimakollaps vor der Tür, sondern in fünf Jahren gäbe es noch immer kein flächendeckendes – wie heißt das Internet der Zukunft? K5, oder so? +++ Keine Ahnung: Weltuntergang jedenfalls egal, Hauptsache Breitbandkabelanschluss für alle und überall! +++ Aber lustig an der Sache mit Dellwo nämlich war: Als ich endlich kapiert hatte, nicht der Schauspieler Schüttauf käme zum Filmabend als Podiumsgast, sondern der Dellwo, das ehemalige Mitglied der RAF – als menschenscheuer Fotograf kriegte ich da gleich wieder kalte Füße: Wenn der Terrorist ist, dachte ich so, wahrscheinlich schnauzt der mich sofort an, wenn ich ihn fotografiere. +++ Stattdessen war er dann dann umwerfend sympathisch – wenn ich da im Vergleich an die Nasse-Meyfarth denke… +++ Okay. +++ Jedenfalls spielten am Montag die Wiremen in Berlin. Eigentlich And the Wiremen, aber ich sage immer “die Wiremen”. So richtig warm geworden war ich mit denen bisher nicht, irgendwie spürte ich da immer so eine Art intellektuelle Kälte. Zwischen den Strophen meinte ich immer heraushören zu können, ich sei sowieso nicht gebildet genug, ihre Musik zu verstehen. +++ Naja, ich kam gerade vom Fotografieren, das Bild Schwere See gestern zum Beispiel. Draußen war es sowieso ziemlich kalt, drinnen konnte es nicht noch wesentlich kälter sein. Die Wiremen waren einzig für diesen einen Abend aus New York nach Europa gekommen, spielten anfangs komplett Songs ihres kommenden Albums. Die Überraschung: Die neuen Sachen gefielen mir, da war plötzlich nichts mehr von der künstlerischen Überheblichkeit. Ich bin ja kein Musikkritiker: Selbst Thomas Stern, der am Mischpult gestanden hatte, meinte draußen bei einer After-Show-Zigarette, er könne sich den Unterschied zu den früheren Songs bisher auch nicht erklären.

Überschrift inspired by: Andrea Sawatzki (*1963 in Kochel am See), dt. Schauspielerin

Überschrift also inspired by: Night Cracks Harbour © And the Wiremen, 2019

Lyrics: Schwere See © Element of Crime, 1993