Moves Like Jagger / Kannawoniwasein.

Angry: Jürgen Stalin – Weltwunden © Kai von Kröcher, 2003/2022

 

While Angry from Manchester writes to complain about all the repeats on TV. +++ Weil ich mit Otto so wenig fernsehe – selbst unser geliebtes Dekker-Video This Here Island haben wir ewig nicht mehr geschaut. Manchmal so’n Zeichentrickdingens mit einem Trecker und einem tanzenden Pferd, da geht uns beiden das Herz auf. Ansonsten lebt Otto in einem Tal der Ahnungslosen. Um durch Entzug nun aber nicht künstlich Sehnsüchte zu wecken, hatte ich neulich gesagt, wir gehen ins Kino. Haben uns beide sehr drauf gefreut, gestern sind wir dann los. In gleißender Nachmittagssonne ins Moviemento am Zickenplatz: Kannawoniwasein, mein Sohn konnte den Titel schon fehlerfrei aufsagen. So saßen wir also in Saal 3, außer uns noch ein anderer Father mit Son. Der Film ging auch gleich werbefrei los, und bald merkte ich, mein Sohn fühlt sich nicht wohl. Er verkrampfte mehr und mehr, hängte sich eng an mich ran. Nach zwanzig Minuten war für ihn Schluss – der Film sei ihm zu krass, flüsterte er mir ins Ohr. Zurück im Foyer, boxte ich ihm aufmunternd den Bizeps, der sei ja schließlich auch erst ab sechs – und er in einer Woche erst fünf! „Ja“, sagte er: „Nächstes Mal gucken wir einen Film, der ab vier ist!“ +++ Einige meiner Freunde wünschen Mick Jagger auf nichts weniger als den elektrischen Stuhl – mich aber hatte das Video vorgestern geflasht! Das kam aus vollkommen heiterem Himmel. Mit Synchronizitäten im Alltag kenne ich mich ja meisterhaft aus, da hätte es mich nach meinem Traum auch nicht gewundert, wäre zum Beispiel Ron Wood plötzlich tot oder so. Mit einem neuen Song allerdings hätte ich nun weiß Gott nicht mehr gerechnet, und dann gleich so ein Brett! Das Riff setzte mich direkt unter Strom, zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren habe ich in der Wohnung getanzt. Die Rückenschmerzen sind plötzlich weg, die alten Moves wieder da – mein Vater drückt mir den BMW-Schlüssel in die Hand, an einem brütend heißen Junimorgen im Jahre 1982 fahre ich mit vier meiner Freunde auf der Autobahn nach Hannover. Niedersachsenstadion, erste Reihe, Vorprogramm Peter Maffay: „Halllo Rrrrockerrr!“ +++ Anders als Kannawoniwasein hat Otto das Angry-Video begeistert verschlungen. Die Typen seien in Wirklichkeit jetzt steinalt, hatte ich ihm erklärt. Man sehe hier Aufnahmen von früher – auch den verstorbenen Charlie Watts an den Drums, Mick Taylor, Bill Wyman natürlich (der ja der Stiefvater seiner eigenen Stiefmutter ist, doch das hätte ihn nur unnötig verwirrt). Otto hat das Video analysiert, auf unserem Bett dann die blonde Amibraut in dem roten Mercedes Cabrio nachgespielt. Wenn er ein bisschen älter ist, nehme ich ihn mit ins Olympiastadion – don’t get angry with me!

 

Überschrift inspired by: Moves Like Jagger © Maroon 5, 2011

Überschrift also inspired by: Kannawoniwasein (Roadmovie) © Stefan Westerwelle (Regie), D 2023

Bildunterschrift: Angry © The Rolling Stones, 2023

Lyrics: Nothing Ever Happens © Del Amitri, 1989

This Here Island © Dekker, 2019

Das Lied über die Tiere (Zeichentrick) © Lidia Gottmann (Autorin), 2017

Father and Son © Cat Stevens, 1970

 

 

Du fährst zu oft nach Heidelberg / But your dreams may not.

Bei dieser Gelegenheit noch einmal das hier: Bastian Günther, Anhalter Steg/Kreuzberg © Kai von Kröcher, 2021 (Oktapolare Fotografie)

 

Justified, hey hey, all bound for Mu Mu Land. +++ Seit einiger Zeit, Sie ahnen es schon. Seit einiger Zeit führe ich ein geheimes Doppelleben, das mich regelmäßig nach Charlottenburg, äh, führt. Vorgestern am Vormittag, goldene Spätsommersonne über der Spree, zwei schüchterne Viertklässler stellen sich mir in den Weg: „Haben Sie kurz einen Moment Zeit?“ Hatte ich eigentlich nicht, doch die Jungs waren sehr höflich. „Es geht auch sehr schnell, nur eine Umfrage für die Schule: ‚Was sehen Sie als die größte Herausforderung in Ihrem Leben?'“ +++ Dass Indiens Abhängigkeit von russischem Öl künftig abnehmen wird, davon berichtet die Berliner Zeitung in ihrer Online-Ausgabe vom vergangenen Freitag: „Indiens Ölminister Hardeep Puri prognostiziert nun, dass die Abhängigkeit seines Landes von russischem Öl abnehmen werde. ‚Unsere Abhängigkeit von russischem Öl wird stark abnehmen‘, sagte der indische Politiker in einem Bloomberg-Interview.“ +++ Wo die Kultur neuerdings hier doch auffallend kurz kommt: Kürzlich kriegte ich Post aus Austin/Texas. Regisseur Bastian Günther schreibt, sein neuer Tatort aus Frankfurt laufe kommenden Sonntag im linearen TV um 20:15 Uhr. Den Namen der Folge weiß ich nicht, aber soweit ich mich erinnere, wird es der letzte Auftritt von Brix und Janneke als Ermittlerteam sein. Hinter der Sache verbirgt sich allerdings noch eine weitere tragische Fahrradketten*-Geschichte, wie einzig am Ende das Leben sie schreibt: Ursprünglich nämlich hatte der Autor dieser Zeilen hier, Ihr alter Kupferstecher also. Der hatte beim Dreh in Frankfurt am Main wieder die Standfotos schießen sollen, so hatten wir uns das gedacht. Statt aus Berlin nun aber immerzu einen alten Zausel einfliegen und unterbringen zu müssen, entschied sich die Produktionsfirma dann letztlich für die kostengünstigere Variante und nahm einen Fotografen aus Hessen. +++ Lange keine, wie hieß das noch mal? Wenn zwei Dinge zufällig gleichzeitig geschehen, die irgendeine geheimnisvolle Verbindung haben? Duales System? Kurz vorm Aufwachen jedenfalls heute am Morgen. Ich habe geträumt, was ich in abgewandelter Form häufiger träume: Ich war Mitglied der Rolling Stones und es war wenige Minuten vor Auftritt im Berliner Olympiastadion. Charlie Watts lebte noch, ich trug eine Art rotgestreiften Pyjama aus Seide. Ich hampelte mich backstage etwas warm, wackelte mit dem Hintern, ich war Mick Jagger. Das merkwürdige allerdings: wir würden an diesem Abend ausschließlich Rammstein-Songs spielen – Row Zero, you know. Eröffnen aber wollten wir die Show eigenartigerweise mit Justified & Ancient von The KLF! +++ Und was passiert, als ich kurz nach neun heute früh den Haussender im Radio einschalte? Die Moderatorinnen erzählen, am heutigen Mittwoch werde in Hackney (London) das erste reguläre Studio-Album der Rolling Stones seit achtzehn (!) Jahren vorgestellt.

 

Überschrift inspired by: Du fährst zu oft nach Heidelberg (Erzählung) © Heinrich Böll, 1977

Überschrift also inspired by: Father and Son © Cat Stevens, 1970

Lyrics: Justified & Ancient © The KLF, 1991

Tatort – Erbarmen © Bastian Günther (Drehbuch, Regie)/Michael Kotschi (Kamera)/Hessischer Rundfunk, 2023

* „Hätte, hätte, Fahrradkette“ (Zitat) © Peer Steinbrück, 2013 (ist das nicht schon viel länger her?)

 

What Is It About Me / Da kam mal einer an und meinte, biste nicht.

Datsun Sunny: Wo die 80er noch 80er sind © Kai von Kröcher, 2023 (Handyfoto made in China)

 

Und das Schloss, von dem er sprach, war ein Vorhängeschloss an dem Keller, in dem er sich erschoss. +++ Haben Sie je darüber nachgedacht, wie es wäre, würde ich das Lied Stay On These Roads von a-ha mit einer ein bisschen tieferen Stimme neu interpretieren – ich war ja mal Sänger in den Achtzigerjahren? +++ Die eigentliche Geschichte kommt gleich noch. +++ Ich kam also aus dem Markendiscounter an der urbanen Straße, wollte die Einkäufe gerade auf den Gepäckträger wuchten. Letzte Woche allerdings schon. Von hinten eine Stimme: „Bist du nicht der Papa von …“ Da geht es normalerweise um meinen Sohn, bist du nicht der Sohn von Otto, äh, der Vater. Ich drehte mich um, der Christian von der taz stand vor mir, ich sagte: „Was?“ „Bist du nicht der Papa von Rattelschneck?!“ +++ Hm, eigentlich nicht. +++ Wie komme ich drauf, ich hatte heute etwas Zeit. Ging in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, war ja nicht alles schlecht. In all den Jahren nie hier gewesen, stand ich nun in dem Hof, wo man Oberstleutnant Stauffenberg und seine Komplizen damals erschoss. Aus dem 29er Bus kann man einfach mal aussteigen und kurz darüber nachdenken, ob man nächstes Mal wirklich wieder AfD wählen muss. +++ Ein Hauch von Geschichte umwehte mich in dem Hof, da plötzlich nannte man meinen Namen: „Kai?!“ Die argentinische Elektro-Performerin hatte ich hier jetzt gerade nicht erwartet, aber sie war es – eine großartige Überraschung! +++ Später kam ich noch an dem roten Datsun in perfekter 80er-Jahre-Kulisse vorbei (Foto), ich hätte ihn aufessen können. +++ Eigentlich aber hatte ich ja von meinem Besuch im Prinzenbad Kreuzberg neulich mit Otto erzählen wollen. Vorher nämlich hatte ich noch vollmundig verkündet, ich würde die Sachen diesmal da einschließen, sonst kann man ja gar nicht in Ruhe ins Wasser. Die Schlösser kriege man an der Kasse, sagte uns ein Security-Typ, alles klar. Habe dann acht Euro dafür hinterlegt, ein Vorhängeschloss Marke Burgwächter. Und jetzt kommt der Witz, Baden war auch okay: Jedenfalls ging ich am Ende zur Kasse und wollte meine acht Euro wieder einlösen: „Nee, das ham Se doch gekauft – wir verleihen hier keine Schlösser!“ +++ Verstehen Sie? +++ Und ich dachte schon, das wäre das Doofste gewesen, was mir an dem Tag hätte passieren können. +++ Wir drehten noch eine Runde zum Späti, dann wollte mein Sohn auf den Spielplatz. Da dann endlich bemerkte ich: das Handy war mir irgendwo aus der Badehose gefallen – weg, futschikowski, verschwunden. Wir also den gesamten Weg noch einmal, ähem, abgelatscht, inklusive Späti – nichts. Mittlerweile auch das Prinzenbad schon geschlossen. You can check in any time you like, but you can never leave – oder so ähnlich, nur genau andersrum. Allerdings ließ uns eine unerwartet nette Mitarbeiterin wieder rein. Ich sagte, mein Handy ist weg. Versuchsweise tippte sie meine Nummer in ihr Telefon, dann sagte sie: „Zweimal geklingelt, dann weggedrückt.“ Puh, das ist aber eine lange Geschichte. +++ To cut a long story short: Am Ende war mein Handy gefunden worden, ein weiterer Serurity-Typ drückte es mir in die Hand. Eine tolle Wendung – und wenn Sie jetzt denken, was für eine lange Geschichte: Was glauben Sie denn, wie lang diese bescheuerte Story mir wohl eigentlich vorgekommen sein mag?! +++ Prinzenbad rules!

 

Überschrift inspired by: What Is It About Me © Lola Young, 2023

Überschrift also inspired by: Rudi © Herwig Mitteregger, 1983

Lyrics: Er hieß nicht von Oertzen © Hildegard Knef, 1963

Stay On These Roads © a-ha, 1988

Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg (* 15. November 1907 auf Schloss Jettingen; † 21. Juli 1944 in Berlin), dt. Berufsoffizier der Wehrmacht

Da geht der Punk ab © Yasmin Gate, 2014

Schlösser rechts, Seen links © Zensor Rec., 1982

Hotel California © Eagles, 1976

To Cut a Long Story Short © Spandau Ballet, 1980

Der letzte erträgliche Sommer / I Don’t Wanna Be Buried In a Pet Sematary.

Fiktives Vinyl: Lisa Hardcore – Eklat © Kai von Kröcher, 2022/23

 

Das ist ein gutes Gefühl, frei zu sein. +++ Gestern, haha – gestern waren Otto und ich am Gendarmenmarkt. Eigentlich hatten wir ganz woandershin wollen, aber Sie wissen ja selbst. Wir saßen also auf einer Bank, mein Sohn löffelte Vanilleeis aus dem Lafayette. Da reifte in uns der spontane Entschluss, direkt mal den Turm des Französischen Doms zu besteigen. Überhaupt waren hier an der Französischen Straße auffallend viele Franzosen unterwegs; ich fragte mich, ob es da einen Zusammenhang gab. Und an der Kasse fragte ich, man ist ja nicht Krösus. Ob es vielleicht eine Ermäßigung gäbe. „Naja“, meinte die junge Frau hinter dem Schalter: „Ihr Sohn sieht ja nicht aus, als wäre er schon sechs Jahre, dann ist der Eintritt sowieso frei. Und für Rentner kostet es auch nichts.“ Ich sah sie kurz an – da versank sie hinter dem Dingens, das sei ihr jetzt aber wahnsinnig unangenehm. +++ Schwamm drüber. +++ Wir stiefelten los. Der Aufzug war defekt, Aufzüge sind eh für Verlierer (und Rentner). Und obwohl das Gemäuer von außen jetzt erstmal gar nicht so imposant erscheint, zieht sich der Aufstieg doch gar nicht so übel. Abwechselnd schauten wir nach unten und spürten Stromstöße in den Knien, oder wir schauten hinauf zu den sechzig Glocken im Dachstuhl und hofften, die würden nicht etwa losläuten, wenn wir gerade dort oben sind. Nach ungefähr sechzehn, siebzehn Minuten vielleicht – ich habe nicht auf die Uhr geschaut. Wir hatten es irgendwann also geschafft und traten auf die Aussichtsplattform nach draußen. Was aber heißt Plattform – man kann einmal ganz um den Turm herumgehen. Wir traten also nach draußen, ich sagte: „Guck mal, die Kirche am Südstern“. Mein Sohn sagte: „Und da ist der Flughafen Tempelhof!“ Die ganze Stadt lag uns hier zu Füßen – er aber maulte: „Papa, ich will wieder runter – ich muss pullern.“ +++ Okay. +++ Und jetzt wird der Sohn bald Markenklamotten im Schrank haben müssen, damit er im Vorschulalter nicht schon jegliche Chance verspielt. Neulich auf einmal dann diese Mail: „Guten Tag, aufgrund Ihres Profils auf Indeed denken wir, dass Sie sich gut für die Stelle als Tierbestatter (m/w/d) eignen würden. Bitte reichen Sie bei Interesse eine Schnellbewerbung ein.“

 

Überschrift inspired by: Der große Sommer (Roman) © Ewald Arenz, 2021

Überschrift also inspired by: Pet Sematary © Ramones, 1989

Lyrics: Leider nur ein Vakuum © Udo Lindenberg & das Panik-Orchester, 1974

Narzisten / Feelings That We Thought We’d Never Lose.

Fiktives Vinyl: Jürgen Stalin – Künstler in die Produktion © Kai Heimberg (Foto)/Kai von Kröcher (Cover-Entwurf), 2018/2023

 

I really don’t understand the situation. +++ Neulich wurde ich von jemandem gefragt, den hatte ich vor fünfunddreißig Jahren wahrscheinlich zuletzt mal gesehen. Warum ich denn mit meinen Plattencovern nicht weitermache. Dabei war das alles eh aus einem Missverständnis geboren: Tage zuvor hatte ich eine What’sApp-Nachricht bekommen von ihm, er käme nach Berlin, und ob wir uns nicht auf einen Kaffee treffen wollten. Ich wunderte mich nicht schlecht – einst war er Sänger einer lokal sehr erfolgreichen New-Wave-Band im Braunschweig der Achtzigerjahre gewesen. Auch ich bin damals Sänger einer lokal sehr erfolgreichen New-Wave-Band in Braunschweig gewesen, bloß einer anderen. Miteinander zu tun hatten wir eigentlich nie wirklich gehabt. Jeder machte halt so sein New-Wave-Ding, und fünfunddreißig Jahre später nun aus heiterem Himmel eine Tasse Kaffee – warum nicht. +++ Um die Geschichte abzukürzen, sie aufzulösen, sozusagen: Eigentlich hatte er nämlich mit einem ganz anderen Kai einen Kaffee trinken wollen, nur eben statt dessen Nummer meine weitergeleitet bekommen. Das Missverständnis wurde leider nach einem Tag nur schon aufgeklärt, unser Chatverlauf bis dahin war leicht verwirrend gewesen – und im Nachhinein deshalb natürlich sehr lustig. +++ Schade, ich hätte gern sein Gesicht gesehen, wäre ich unverhofft zu dem verabredeten Kaffee in die Kantstraße gekommen – anstelle des anderen Kais. +++ Am Ende egal, wir haben uns dann zu dritt auf den Kaffee getroffen, und das war sehr erfrischend nach all dieser Zeit. Bei der Gelegenheit fragte er mich eben auch, warum ich denn mit meinen Plattencovern nicht weitermache. Ich holte ein bisschen aus und habe es ihm haarklein auseinanderklamüsert, wie man so sagt. +++ Der eigentliche Kai übrigens, von dem im Text hier die Rede ist, der hatte seinerzeit das Foto (oben) geschossen, da schließt sich der Kreis…

 

Überschrift inspired by: The Narcissist © Blur, 2023

Überschrift also inspired by: Barbaric © Blur, 2023

Lyrics: It’s No Game (Part 1) © David Bowie, 1980

To Cut a Long Story Short © Spandau Ballet, 1980

Staatsfeind No. 1 / What’s Love Got to Do with It.

Oktapolare Fotografie: Molkenmarkt mit Parochialkirche, Altes Stadthaus, Großer Jüdenhof, Nikolaikirche, Rotes Rathaus, Fernsehturm, Klosterruine © Kai von Kröcher, 2021

 

Tu es la vague. +++ Ich für meinen Teil bin ja jetzt eher einer von diesen gemächlichen Fahrradfaschisten, und da war ich nach längerer Zeit neulich mal wieder alleine am Molkenmarkt. ‚Uiii‘, werden Sie vielleicht denken. Aber ganz so beschaulich, wie Sie sich das vorstellen, ist das natürlich nicht. +++ Mein Sohn jedenfalls hat sich über die ersten Jahre immer mal wieder gerne ein Buch mit Bildern von Otto Nagel angeschaut. Zur Zeit dieser Bilder durfte er (Otto Nagel/Anm.d.Red.) schon nicht mehr in seinem eigenen Atelier arbeiten, da malte er auf der Straße. Vorausahnend hielt er fest, was kurze Zeit später dem Bombenhagel (und nach dem Krieg teilweise der Stadtplanung) zum Opfer fiel. Es gibt da auch dieses Bild vom Großen Jüdenhof, und dieser Große Jüdenhof – auf meinem Foto (oben) läge der etwa auf neun Uhr, rechts neben dem Plattenbau. +++ Ich finde mein Bild ja großartig, besonders wenn ich getrunken habe. Im Krieg stark getroffen, war der Große Jüdenhof nach Kriegsende jedenfalls zu einem Parkplatz eingeebnet worden – das fand man top, seinerzeit. Die alten Straßenverläufe der ganzen Gegend sollen ja nun nach und nach ungefähr rekonstruiert werden, was ich wiederum top finde! Und – lange Rede, kurzer Sinn. Jedenfalls stand ich da neulich an dieser Baustelle und staunte nicht schlecht: Die Akazie, die auch auf dem Gemälde von Otto Nagel schon zu sehen ist. Diese Akazie, 1938 gepflanzt, die im Krieg stark beschädigt worden war und lange als tot galt – als Stumpf steht sie inmitten der Asphaltwüste noch heute, und irgendwann fing sie dann an, wieder auszuschlagen. +++ Wie Sie wissen, bin ich ein unbestechlicher Beobachter der deutschen Medienlandschaft. Und regelmäßig beim Einkauf im Markendiscounter werfe ich einen interessierten Blick auf die Schlagzeile der Bildzeitung. Heute ist ja Jane Birkin gestorben. Und damals, als Tina Turner starb – auch schon wieder ein bisschen her. Da schoss mir so durch den Kopf: Mit ihrem Tod hatte sie geschafft, was vor ihr noch keinem in letzter Zeit gelungen war – mit ihrem Tod hatte Tina Turner Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck als Staatsfeind No. 1 von der Titelseite verdrängt. +++ Gerade habe ich endlich kapiert, was das überhaupt heißen soll, dieses „moi non plus“, dem Internet gilt mein Dank: Salvador Dalí einst soll nämlich gesagt haben: „Picasso ist Kommunist – und ich auch nicht.“ Verstehen Sie? Ich auch nicht, das ergibt in dem Zusammenhang natürlich erst einmal keinen Sinn. Oberflächlich betrachtet zumindest. Was das in diesem bekannten französischen Popsong aber zu suchen hat (Je t’aime … moi non plus/Anm.d.Red.), das kann ich Ihnen leider auch nicht erklären.

 

Überschrift inspired by: Der Staatsfeind Nr. 1 (Enemy of the State – Actionthriller mit Gene Hackman, Will Smith u.a.) © Tony Scott (Regie), USA 1998

Überschrift also inspired by: What’s Love Got to Do with It © Tina Turner, 1984

Lyrics: Je t’aime … moi non plus © Serge Gainsbourg & Jane Birkin, 1967

Der Große Jüdenhof (Ölgemälde, 61 x 77,5 cm) © Otto Nagel, 1942

Otto Nagel († 27. September 1894 in Berlin-Wedding; † 12. Juli 1967 in Berlin-Biesdorf), dt. Maler, Schriftsteller und Kommunist, erster Herausgeber der Satirezeitschrift Eulenspiegel

Berliner Bilder – Otto Nagel © Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin/DDR, 1970

Jane Birkin (* 14. Dezember 1946 in Marylbone, London; † 16. Juli in Paris), brit.-frz. Sängerin und Schauspielerin, Mutter u.a. von Charlotte Gainsbourg

Tina Turner (* 26 November 1939  als Anna Mae Bullock in Brownsville, Tennessee; † 24. Mai 2023 in Küsnacht, Kanton Zürich), urspr. US-amerikanische Soulsängerin – ab 2013 Schweizerin

Robert Habeck (* 2. September 1969 in Lübeck), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz stellvertretender Bundeskanzler

 

Der Mann, der die Welt aß / Finden Sie die acht Unterschiede.

And you may find yourself in a beautiful house, with a beautiful wife © Bundesdruckerei, 2013

 

And you may ask yourself: “How did I get here?!” © Bundesdruckerei, 2023

 

On highway number nineteen the people keep the city clean. +++ Wissen Sie, was mir äußerst bedenklich erscheint? Mir fällt nichts dazu ein, zu den Ausweispapieren da oben – absolut nichts. Außer, dass die Michel-Piccoli-Frisur immer noch sitzt!

 

Überschrift inspired by: Der Mann, der die Welt aß (Film nach einem Theaterstück von Nis Momme Stockmann) © Johannes Suhm (Regie), D 2022

Überschrift also inspired by: Finden Sie die acht Unterschiede – habe ich auch vergessen, war das in der Hörzu?

Bildunterschrift inspired by: Once In A Lifetime © Talking Heads, 1980

Lyrics: Nutbush City Limits © Ike & Tina Turner, 1973

Jacques Daniel Michel Piccoli (* 27. Dezember 1925 in Paris; † 12. Mai 2020 in Saint-Philbert-sur-Risle), frz. Theater- und Filmschauspieler

Harvest Moon / Nothing’s Happening By The Sea.

Männer, die am Meer entlanglaufen und eine Zigarette rauchen (mit ihren Frauen) © Kai von Kröcher, 2002

 

White waves tumble down and gently roll back into blue. +++ Diverse Fachleute hatte Lars Wagner zu seinen Fotografien angeschrieben – und deren Antworten in der Ausstellung ausgehängt: Experten für Körpersprache, Weltumsegler, Psychologen, Evolutionsforscher etc. lässt er erläutern oder vermuten, weshalb Männer komplett anders am Ozean stehen und in die Welt hinausschauen als Frauen. +++ Beim Entfusseln des Dias (oben) hatte ich mich gerade an des Mannes linke Hand machen wollen – bis ich in der Vergrößerung überhaupt erst entdeckte, dass da gar keine Fussel ist, sondern er noch das brennende Streichholz in den Fingern hält: Momente der Weltgeschichte, die für immer verloren wären, hätte nicht jemand sie eingefangen und konserviert. +++ Eigentlich würde ich gern noch darüber schreiben, wie vier Typen auf der Brücke gestern gegen Abend (Admiralbrücke/Anm.d.Red.) Harvest Moon von Neil Young nachspielten und wie ich dasaß und hoffte, die würden nie wieder aufhören damit – aber für heute hatte ich Spargel und Kartoffeln eingekauft, da möchte ich mir jetzt gleich etwas auf den Herd zaubern. +++ Bevor die Spargelzeit wieder vorüber ist – das Leben zieht so schnell vorbei!

 

Überschrift inspired by: Harvest Moon © Neil Young, 1992

Überschrift also inspired by/Lyrics: Nothing’s Happening By The Sea © Chris Rea, 1983

Bildunterschrift inspired by: Männer, die aus Wasser schauen (Fotoserie) © Lars Wagner, 2017

Blue Skies / Tausende strömen nach Lanz‘ Verhaftung zu den Geldautomaten.

Männer, die aufs Wasser schauen (Foto-Serie, Postkarte zur Ausstellung) © Lars Wagner, 2017

 

 

Ein Schritt nur, vor uns ist die See, dahinter liegt New York. +++ Das jedenfalls ist gestern passiert: Ich war gerade dabei, meinem Sohn eine halbherzige Standpauke zu halten, ungefähr am Büro der Partei. Wir waren auf dem Weg zu einer Ausstellung, da plötzlich sprach von hinten der geschätzte Autor meinen Namen. Beschämt lächelnd erklärte ich mich, ich hielte meinem Sohn gerade eine spießige Standpauke. Weil ich für die Finissage ihm extra ein frisches T-Shirt angezogen – und er es auf den ersten zweihundert Metern direkt wieder eingesaut hatte. +++ Kann man – in gerade mal fünf Wochen Blogabstinenz – blogposten verlernen wie Radfahren? +++ Der Autor schmunzelte, das sei aber eine Leistung. Das letzte Mal hätten wir uns wohl gesehen, da standen wir gemeinsam auf der Gästeliste der Sparks im SchwuZ. This Town Ain’t Big Enough for Both of Us. Der Vermutung bin ich eben kurz nachgegangen: Es gibt eine Konzert-Doku genau dieser Show auf arte, wir hatten uns damals leise über den Kameraassistenten amüsiert, der musste die komplette Konzertlänge lang die Kamera von links nach rechts und wieder zurück schieben, anderthalb Stunden, der Mitschnitt ist von 2017 – das passt. +++ Was zwei Tage vorher passiert war: Auf dem Nachhauseweg von der Spree in Charlottenburg ging mein Ehrgeiz auf ein kühles Feierabendbier, ich wollte gerade schnell in den Admiralbrückenspäti an der – Sie ahnen es schon. An der Admiralbrücke, im Augenwinkel, erkannte ich Sascha David Joao – trotz Dunkelheit und Ewig-nicht-gesehen. Ich hatte mal bei ihm ausgestellt – was ich allerdings nicht wusste: seit ein paar Jahren ist er Mitbetreiber einer Galerie in der Kohlfurther Straße, schräg gegenüber des Griechen in der Kreuzberger Weltlaterne. +++ Sascha David Joao meinte, die Ausstellung würde mir gefallen, und das tat sie dann auch: Der Fotograf Lars Wagner hatte in Portugal einst Männer undercover von hinten fotografiert, die auf den Atlantik schauen. Darüber könnte man eine psychologische Abhandlung schreiben – die Serie hatte es 2021 sogar in die mare geschafft, die Kulturzeitschrift der Meere. +++ Und so hatten Otto und ich auf den allerletzten Drücker die Fotos gestern gerade noch gesehen – morgen schon eröffnet die nächste Ausstellung…

 

Überschrift inspired by: Blue Skies (Roman, dt. Übersetzung) © T.C. Boyle/Hanser Literaturverlage München, 2023

Überschrift also inspired by: Tausende strömen nach Lanz‘ Verhaftung zu den Geldautomaten © das Internet, 2023

Überschrift also inspired by: Markus Josef Lanz (* 16. März 1969 in Bruneck, Südtirol), italienisch-deutscher Fernsehmoderator 

Lyrics: Vier Stunden vor Elbe 1 (dedicated to Helga Feddersen) © Element of Crime, 1991

Die Partei | Büro Friedrichshain-Kreuzberg | Admiralstraße | Berlin-Kreuzberg

Berlin © Ideal, 1980

Morgens leicht, später laut (Texte) © Detlef Kuhlbrodt/Suhrkamp, 2007

This Town Ain’t Big Enough for Both of Us © Sparks, 1974

Warum schauen Männer aufs Meer © Lars Wagner/mare, Ausgabe 140 (Juni/Juli), 2021

Sparks | live | SchwuZ | Rollbergstraße 26 | Berlin-Neukölln | 6. Oktober 2017

tunnel19 e.V. | Galerie für Fotografie | Kohlfurther Straße 42 | Berlin-Kreuzberg

Heraus zum 1. Mai Tai / On the Street.

ACAB: Opa erzählt vom Krieg (autofiktionale Erinnerung) © Kai von Kröcher, 1997

 

Ich bin einfach zu klein. Ich komme hier nicht weg.

 

Überschrift inspired by: Mai Tai – Cocktail mit J. Wray & Nephew-Rum, pipapo © Tahiti, ca. 1934 – 1944

Überschrift also inspired by: On the Street © Clara Luzia, 2017 

Bildunterschrift inspired by: Sympathy for the Devil © The Rolling Stones, 1968

Textauszug aus: Hast du uns endlich gefunden (autofiktionale Lebenserinnerung) © Edgar Selge, 2021