Den Wald vor Bäumen / … ein Konsumkritiker räumt einen Fehler ein.

Brutally finnish: Gin-Werbung auf der Karl-Marx-Straße © Kai von Kröcher, 2020

So riecht Neukölln: U-Bhf. Schönleinstraße © Kai von Kröcher, 2020

So riecht Neukölln: U-Bhf. Schönleinstraße © Kai von Kröcher, 2020

So riecht Neukölln: U-Bhf. Schönleinstraße © Kai von Kröcher, 2020

So riecht Neukölln: U-Bhf. Schönleinstraße © Kai von Kröcher, 2020

Nur eine Reflexion: Das alte C&A-Kaufhaus in der Schaufensterscheibe des neuen © Kai von Kröcher, 2020

Rathaus Neukölln: Das Leben ist eine Karl-Marx-Straße © Kai von Kröcher, 2020

 

Die mit dem Kaufhauspunk und hannoveranischem Rock’n’Roll: ihr wählt doch sonst auch immer das Falsche, wenn ihr die Wahl habt. +++ Vielleicht hätte ich mir besser ein Auto gekauft, einen Toyota Corolla vielleicht – davon hätte ich mehr Ahnung gehabt: Aber dass man sich einfach kein Huawei-Handy “holt”, wenn Mann eh schon Apple zu Hause hat – auf diese geile Idee kam ich ganz ohne Quatsch erst gestern Mittag. Und ein bisschen frustriert dachte ich da so im Stillen: ‘Dir kann man beim Gehen aber auch echt die Schuhe besohlen!’ +++ Andererseits hatte ich mir bei meinem Vertragsabschluss immerhin so gedacht: ‘Wenn ich jetzt schon mit Kinderarbeit d’accord gehe, dann will ich wenigstens nicht immer nur Apple supporten!’ +++ Don’t think twice. +++ Ich dachte immer, der Song sei von Elvis, der konnte ja echt gut singen. Das Original aber ist von Robert Dylan, man lernt nie aus. +++ Apropos: Neulich hatte ich mir mal so eine Liste angesehen, die beliebtesten Vornamen des Jahres 2019. Nicht, dass Otto plötzlich noch so was wie Cindy ist oder Mandy und solche Schosen. Kinder sollten schließlich etwas Besonderes sein. Otto fand sich zu meiner Verwunderung dann trotzdem noch ziemlich weit vorn, nämlich auf Platz 244. Noch um einiges erstaunlicher aber fand ich: Nur elf Chartplatzierungen dahinter, nämlich auf Rang 255, fand sich mein eigener Name – Kai. Das hat mich dann wieder überrascht. Ich hatte immer Bedenken, Kai klänge den jungen Leuten mittlerweile vielleicht so im Ohr wie bei uns früher Heinz oder Horst. +++ Aber mitnichten! +++ Horst dürfte meiner Einschätzung nach übrigens das nächste ganz große Ding werden. +++ Ist aber letztlich auch schnuppe, das mit dem Smartphone. Habe bis vorgestern mit meinem hellblauen Nokia TA-1034 gelebt und trotzdem aus Frust nicht gleich die AfD gewählt. Und mit dem neuen Teil will ich nur hin und wieder mal ein Foto bei Instagram reinstellen, das ist nämlich der momentan heißeste Scheiß. Und dass ich beim nächsten Mal nachts in Chemnitz nicht mit einem Falk-Plan herumirre. +++ Hatte ich die Geschichte erzählt, wie ich damals den Bahnhof gesucht habe, weil nachts da ein DJ ankam? Und den Bahnhof gab es in meinem Plan nicht? Da kriegt Mann dann irgendwann doch irgendwie kalte Füße, eine verflixt unangenehme Situation. +++ Handyfotos machen mir keinen Spaß, aber immerhin habe ich endlich jetzt einmal den U-Bahnhof Schönleinstraße fotografiert: der riecht zwar atemberaubend nach Pisse, die Werbeflächen aber sehen seit einem Jahr ganz hervorragend aus… +++ Und nun als Letztes die Frage: Schönleinstraße – riecht der nach Kreuzberg oder Neukölln?

 

Lyrics: Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt © Jan Delay, 2001

Don’t Think Twice, It’s All Right © der King, 1971 (Cover)

Absolute Giganten © Sebastian Schipper (Regie), D 1999

Clever und Smartphone / Der letzte Fortschrittsverweigerer knickt ein.

Corona Days: Neulich am Hohenzollerndamm © Kai von Kröcher, 2020

 

Speak to me like the winds outside. It’s broken up, pushing us – hear the rain fall, see the wind come to my eyes. +++ Kinderarbeit, und drauf gekackt – man kommt halt nicht mehr daran vorbei…

 

Überschrift inspired by: Clever & Smart (Mortadelo y Filemón, Comic-Serie) © Francisco Ibáñez, seit 1958

Überschrift also inspired by: Huawei P30

Lyrics: The Sky is Broken © Moby, 1999

Auskunft der Engel / From Genesis to Revelation.

Erste Buntstiftzeichnungen auf Papier: Otto im Mai dieses Jahres © Kai von Kröcher, 2020 (Repro)

Erste Buntstiftzeichnungen auf Papier: Otto im Mai dieses Jahres © Kai von Kröcher, 2020 (Repro)

Erste Buntstiftzeichnungen auf Papier: Otto im Mai dieses Jahres © Kai von Kröcher, 2020 (Repro)

 

Le truc du flash, le chic d’occase, maison en ruine, trafic en phase. +++ Das Beste, was ich in der Braunschweiger Zeitung in vermutlich einhundert Jahren jemals gelesen habe, fand sich letzte Woche an einem Frühstückstisch zufällig in eben jener Metropole zwischen Harz und Heide. Im vorigen Jahr irgendwann hatte ich etwas pathetisch angedeutet, ich habe “meinen Frieden” mit der Löwenstadt geschlossen. Ich könnte Ihnen nicht einmal sagen, was die Stadt an der Oker mir in den Jahrzehnten davor hatte angetan haben müssen – nur schnürte es mir vor Unbehagen stets den Hals zu, sobald ich auch nur eine der altbekannten Einfallstraßen – ich will Ihnen nicht Ihre Zeit stehlen mit aufgeblasenem Geschwätz. +++ Heute hier ein paar Arbeiten meines geschätzten Sohnes: Buntstiftzeichnungen, allesamt etwa vom Mai dieses Jahres – ich hatte sie irgendwann an die Wand gehängt, und jetzt stehe ich manchmal abends versonnen davor. +++ Besitzt von Ihnen da draußen einer eines dieser neuartigen Smartphones – oder haben Sie anderweitig bereits Erfahrungen damit gesammelt? Die Verwendungsmöglichkeiten scheinen mir doch wesentlich umfangreicher als zum Beispiel noch bei meinem Nokia TA-1034, wie denken Sie in dem Fall? +++ Wir waren neulich in Braunschweig, wie Sie unschwer zwischen den Zeilen herauslesen konnten. Tatsächlich merkwürdig, dass ich einige Ecken bis dahin überhaupt nicht kannte. Vielleicht bin ich immer nur durch die Fußgängerzone gelaufen – kein Wunder, dass ich die Stadt immer bescheuert fand. +++ Leif in Concert Vol. 2 scheint ja ein dufter Kinofilm zu sein, die Lügenpresse überschlägt sich in Tönen. Erinnert mich daran, wie vor schon längerer Zeit – vom Feeling her muss ich da selber noch hinter dem Tresen der Gaststätte der Herzen. Volker Hauptvogel jedenfalls – he’s a good friend of mine, it’s true. Der war damals immer zu irgendwelchen Dreharbeiten gefahren – vor meinem geistigen Augen saß er in einer Szene im Keller des Yorckschlösschens zwischen den Bierfässern. Unter Beifall jedenfalls ist der Film jetzt gerade frisch angelaufen. Und auf dem Soundtrack findet sich dann sogar auch mein Lieblingssong der Progpunkgruppe Mekanik Destrüktiw Komandöh: Berlin nämlich – in der grandiosen Mauerstadt-Aufnahme von ’79 in etwa. +++ Den Text habe ich übrigens nie richtig verstanden, das machte den Song nur noch besser. +++ Und in der Braunschweiger Zeitung letztens hatte gestanden, das soll hier nicht unter den Tisch fallen: Dass sich die Weltbevölkerung nämlich entgegen früherer Prognosen ab einem der relativ nächsten Jahre langsam wieder zurückentwickelt – also, rein von der Anzahl der Menschen her so betrachtet…

 

Überschrift inspired by: Berlin – sterbende Stadt © Mekanik Destrüktiw Komandöh, 1983

Überschrift also inspired by: Police and Thieves © The Clash, 1977 (Cover)

Lyrics: Spacer 4L © Graf Tati & Cécile Dupaquier, 2020

Yorckschlösschen | Yorckstraße 15 | 10965 Berlin

Leif in Concert Vol. 2 (mit u.a. Luise Heyer, Klaus Manchen, Florian Bartholomäi, Gerdy Zint, Volker Hauptvogel, Jule Böwe, Tilo Prückner, “Gotti” Gottschild) © Christian Klandt (Regie), D 2020

Sie blöde Sau / … und die Brandstifter.

Berliner Verlag: Rückansicht mit Treppenhaus © Kai von Kröcher, 2020

 

Rolling numbers, rock and rollin’, got my KISS records out. +++ Als ich da Montagabend jedenfalls unter den Bäumen vorm Eastgate Einkaufszentrum am Rande Marzahns gedankenverloren herumsaß – ich habe Ihnen das mit der Musik und dem Hören ja versucht zu erklären: Jedenfalls kam mir I Want You to Want Me von Cheap Trick in den Sinn – und dass ich jahrelang auf den Song reingefallen war. Ein billiger Hütchenspielertrick, sozusagen. Nämlich hatte ich früher immer geglaubt, tonal bewege das Stück sich von Anfang bis Ende immer weiter nach unten. Eine Endlosspirale, und ich seinerzeit hatte mich immer gefragt, wie lang wohl die Basssaiten von denen sein müssen. +++ Dreiundzwanzig Jahre ist das jetzt übrigens her, dass ich da auf dem Foto oben damals gearbeitet hab: Berliner Verlag, die Fotoredaktion dürfte im dreizehnten Stock gewesen sein. Mit den Kollegen jedenfalls hing man immer mal wieder im Treppenhaus ab, das ist eine der wenigen Erinnerungen daran. Und viele der älteren Mitarbeiter wohnten Allee der Kosmonauten. +++ Neulich im bildungsbürgerlichen Nachtprogramm lief Fitzcarraldo. Als Spätgebärender war ich leider schon fix und alle, und nach zwanzig Minuten ging ich ins Bett. Was ich mich als konsumkritischer Mensch aber gefragt habe: Wie hätte Kinski zum Beispiel den brasilianischen Präsidenten begrüßt, wäre der ihm damals im Dschungel begegnet? +++ Die Allee der Kosmonauten waren ja nicht nur eine christliche Band – sie führt einen letztendlich auch nach Marzahn. Und da schließt sich der Kreis: Ich hatte den vorigen Post nämlich gerade gepostet, da lief kurze Zeit später im Hintergrund hier in der Küche das Radio. Eine Moderatorin, deren Name mir neu war, kündigte an: kommenden Sonntag den ganzen Tag lang die 100 besten Songs der 70er Jahre. Sie meinte, einer der Songs, die ganz knapp an der Hundertermarke vorbeigeschrammt seien, wäre I Want You to Want Me auf Platz 106, und dann wälzte sie noch ein bisschen was zu der Historie dazu aus. Da kam ich mir vor wie ein Scharlatan – falls Sie verstehen, warum.

 

Überschrift inspired by: Mein liebster Feind (Dokumentarfilm) © Werner Herzog (Drehbuch/Regie), UK/D/FIN/USA 1999

Überschrift also inspired by: Biedermann und die Brandstifter (Drama) © Max Frisch, 1948

Lyrics: Surrender © Cheap Trick, 1978

Klaus Kinski (* 1926 in Zoppot/Danzig; † 1991 in Lagunitas/Kalifornien, USA)

Suspicious Mind / Quadrophenia.

Beliebte Einkaufsmeile der Jugend: Berlin-Mitte am Fuße des Forum-Hotels © Kai von Kröcher, 2020

 

I’ll get home early from work if you say that you love me. +++ Gestern, am späteren Vorabend, hatte ich mich für ein halbes Stündchen auf eine der Bänke neben dem Eastgate Einkaufszentrum gesetzt. Warum, werden Sie fragen – das Eastgate Einkaufszentrum liegt neben der Bundesstraße 158 am Rande Marzahns, und frühestens auf den zweiten Blick weiht es einen in das Geheimnis seiner Schönheit ein. +++ Ich hatte mich also unter die jungen Bäume mit Blick auf den Busbahnhof platziert, ganz unverbindlich wollte ich etwas herausfinden: Anscheinend aber werde ich nicht beschattet – oder aber Bolsonaro hatte die Creme seiner besten Leute geschickt, die ich der Reihe nach für Bürger Marzahns, Passanten, Besucher des Eastgate Einkaufszentrums oder für Kinder zu halten glaubte. +++ Ich wog mich also in Sicherheit und tat genau das, was nur wenige Marionetten in diesem Land tun: Ich dachte nach. Ich dachte nach über meinen Sohn Otto und seine Begeisterung für Bagger. Was so nicht ganz stimmt, doch dafür müsste ich etwas ausholen. +++ Schon in seinen Säuglingstagen hatte ich oft den Kinderwagen zwischendurch einfach mal angehalten und Otto die Pflanzen am Rande des Gehwegs befühlen lassen. Und so weiter und so fort, das übliche Blabla: Ich wollte mit ihm an der Hand nicht durch die Welt hetzen – ich habe immer versucht, seinen Blick für die Dinge zu schärfen. Und heute – stellen Sie sich zum Beispiel die Abenddämmerung vor, da erkennt er auf dreihundert Meter Entfernung einen Bagger im Nebel, wie er die Zähne seiner Baggerschaufel hinter einem verrosteten Bauzaun hervorlugen lässt. Er zeigt dann ins vermeintliche Nichts und triumphiert: “Da!” – und ratlos steht man lange Zeit auf dem Schlauch und so weiter. +++ Das Foto heute gefällt mir ausgesprochen gut: die Stadt auf dem Bild würde ich gern mal bereisen. +++ Jedenfalls saß ich so da vor dem Eastgate und vom Hundertsten kam ich langsam ins Tausendste. Ich dachte darüber nach, ich war früher auch immer ein Adlerauge gewesen. Doch langsam werden die Augen jetzt immer schlechter. Was für einen Fotografen nicht zwingend von Nachteil sein muss. Über so etwas dachte ich jedenfalls nach. Und dass ich immer extremstens gut hören konnte – der interessanteste Ansatz hier vor dem Eastgate: Mein Gehör nämlich ist wahnsinnig gut, wenn es um Alltagsgeräusche geht. Was aber das musikalische Hören betrifft, sind meine Ohren – ein brillantes Bild fiel mir ein, wissenschaftlich außerordentlich relevant: Musikalisch betrachtet laufe ich nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Sonnenbrille herum und versuche, die Landschaft um mich herum zu beschreiben. +++ Was auch immer Sie jetzt mit dieser Information anfangen werden – ich fand den Gedanken sehr wichtig…

 

Überschrift inspired by: Quadrophenia – Spielfilm nach dem gleichnamigen Konzeptalbum der Rockgruppe © The Who, 1973 bzw. 1979

Überschrift also inspired by: Suspicious Minds © Elvis Presley, 1969

Lyrics: I Want You to Want Me © Cheap Trick, 1977

Eastgate | Marzahner Promenade 1A | 12679 Berlin

 

 

Leipziger Tropfen / Ist das hier das Endspiel von Rio.

Good Luck: Karl-Marx-Allee mit Kino International* und Strausberger Platz © Kai von Kröcher, 2020

 

On a clear day you can see West L.A., even downtown. +++ Haben Sie Günther Fischer auch immer mit Hans Zimmer verwechselt? Merkwürdig, oder? +++ Was mir neulich beim Corona-Spaziergang auch so durch den Kopf ging: Wo sind eigentlich die alten Straßenlaternen geblieben? +++ Das Bild heute, es sieht ein bisschen “photogeshopped” aus – keine Ahnung, warum. Das Bild jedenfalls, ich möchte es meinem Sohn widmen: Otto scheint mir der weltgrößte Fan jener Spezies Bagger** zu sein. +++ Christoph Kramer hatte ich neulich in einem Spot irgendwo gesehen. Das hat mich gefreut. Prominente erinnern daran, dass die Erde brennt. Würde ich hier auch gerne noch einmal drauf hinweisen. Auch wenn Sie jetzt vielleicht spötteln, dass das nichts bringt…

 

Überschrift inspired by: Leipziger Tropfen – Straßenleuchte, zweilampig © VEB Leuchtenbau Leipzig, ca. 1960er

Überschrift also inspired by: Christoph Kramer (Borussia Mönchengladbach, nach seiner Gehirnerschütterung im WM-Endspiel 2014 zum Schiedsrichter)

Lyrics: Celebrate © Anderson .Paak, 2016

Ennio Morricone (* 10. November 1928 in Rom; † 6. Juli 2020 in Rom), Komponist

 

*außerhalb des Bildrandes, links

**hier: Radlader

Fatigue de l’été / I can feel the Fear in the Western World.

Der Sommer einst im Südosten: La Dupaquier, Tati © Kai von Kröcher, 2020

 

Is it wrong to understand the fear that dwells inside a man. +++ Neulich am Sonntag im hiesigen Radio – sie spielten die einhundert besten fremdsprachigen Lieder. Bei Platz Numero 81 hatte ich zufällig kurz einmal reingezappt: Mina mit Se telefonando sagte mir gar nichts, klang aber vom Feeling her nach sehr großem Gefühl. Wie Dummköpfe es gerne tun, imitierte ich im Playback den Pathos schmachtender Sänger, vor Gänsehaut schossen mir Tränen ins Auge, Otto spielte mit Duplosteinen zu meinen Füßen. Deutlich konnte ich den eigenen Kopf hinter seiner frühpubertären Stirn arbeiten sehen – sollte es tatsächlich sein, dass ein Bub heutzutage mit noch unter zwei Jahren schon den eigenen Vater infrage stellt? +++ Fremdsprachige Lieder: außer Englisch, natürlich – das wäre sonst Quatsch. +++ Der beste fremdsprachige Song allerdings, meiner Meinung nach, definitiv: Das Video kam gestern per Post. Da reift eine Sängerin heran von internationalem Rang, das prophezeie ich einfach mal. Zeitloser französischer Elektropop einmal mehr also aus der Reichenberger Ecke Ohlauer Straße: Fatigue de l’été – eine Produktion aus den Corona-Studios der Herren und Damen Tati/Dupaquier. +++ So sieht es mal aus. +++ Wieso eigentlich sagen selbst intelligent wirkende Menschen – warum sagen die wie unter Zwang immer “franntzössíesch”, wenn es um irgendetwas aus Fronnkraaisch geht – das macht man doch auch nicht mit Englisch oder mit Polnisch oder mit Afrikanisch oder mit – okay, mit Schwyzerdütsch oder mit Holländisch oder Japanisch vielleicht? +++ Im Schein der untergegangenen Abendsonne gestern war ich noch einmal ans Ufer getreten, sonst ist der Sommer bald wieder vorbei. Jemand rief meinen Namen und bremste sein Fahrrad knapp von hinten in mich hinein: Ob ich bereits wieder umarme? (In Zeiten der Auflagen im Zusammenhang mit Corona/Anm.d.Red.) “Du bist die Erste seit Monaten”, sagte ich, dann schloss ich die Hoffnung der erotischen Club-Literatur vorsichtig in den begrüßenden Arm. +++ Auf der Admiralbrücke in respektvoller Höhe flog später der sagenumwobene Kormoran über mich hinweg, diesmal pinkelte er mir nicht auf den Kopf. Am nordwestlichen Ende der Brücke spielte einer auf seinem Kassettenrekorder T. Rex.

 

Überschrift inspired by: Fatigue de l’été © Graf Tati & Cécile Dupaquier, 2020

Überschrift also inspired by: Fear in the Western World © Ultravox, 1977

Lyrics: Cosmic Dancer © T. Rex, 1971

Mina © Se telefonando, 1966 (orchestrated and conducted by Ennio Morricone)

M (Roman) © Anna Gien/Marlene Stark, Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft, 2019

La deuxième vague / What I know is all Quicksand.

Extraterrestres internationaux: Graf Tati & Cécile Dupaquier (Müggelschlösschen) © Kai von Kröcher, 2020

 

Aliens international: The Boy with the Postcard in his Hands (Berlin-Hauptbahnhof) © Kai von Kröcher, 2019

 

Les mots derrière lesquelles je disparais – tu sais, je sais. +++ Je länger ich auf dieses Bild oben starre, desto seltsamer kommt es mir vor. +++ Zum Glück sind Tati und Cécile nicht die Gallagher-Brüder! +++ Gedankenverloren betrachtete ich gestern Abend, es begann gerade zu dämmern. Heute dann dürfte meiner Zeitrechnung nach ja sogar der längste Tag des Jahres sein – eine Gelegenheit für ein Bier vor der Szenegaststätte der Herzen? +++ Der Text zu Carte postale wurde ja übrigens auch eines Abends neulich auf der Terrasse der Gaststätte geschrieben, im Ping-Pong-Verfahren sozusagen. +++ Jedenfalls saß ich zu Hause und sah mir die Zeichnungen meines hervorragenden Sohnes an. Viele Eltern finden ihre Kinder sicherlich super, Otto allerdings ist ein Genie: Da muss ich tatsächlich schon etwas Gas geben, wenn ich dem rechtzeitig noch etwas Antiquarisches entgegenstellen will. +++ Äquatorial-antizipierendes. +++ Schon bevor wir vergangenen Montag runter in den Südosten fuhren, hatte ich eine Vorahnung gehabt: Dass die Aufnahmen vielleicht Ausgangsmaterial für eine Zweite Welle sein könnten. +++ Mühsame Handarbeit übrigens – heutzutage macht sowas ein jeder Depp mit dem Handy Smartphone. +++ Apropos ‘Letzte Welle’: Im Gegensatz zu anderen Bürgern und Bürgern mache ich mir ja meine Gedanken. Und neulich dachte ich darüber nach, dass wir unter Umständen die vielleicht letzte Generation sein könnten, die in Old Motherfuckerin Erde hier noch einen brauchbaren Planeten vorfindet. Und ob das denn gleich so einen negativen Beigeschmack haben muss. Ob das nicht eher etwas Außergewöhnliches ist: zu den Auserwählten sozusagen zu gehören. Und deshalb will ich der Nachwelt noch schnell ein paar Bilder hinterlassen. Auch wenn das, in Clemmies Worten gesprochen, ein elendes Paradoxon wäre. +++ Aber vielleicht werden sie (die Bilder/Anm.d.Red.) ja in tausenden von Jahren dann von den Leuten von Outer Space irgendwie ausgegraben und ins Museum gestellt. +++ Breaking News (16:47): Und hier schnell noch das allerneueste Werk von Tati und Cécile, bitte hier klicken! +++ Spacer 4L (und da schließt sich dann für heute endlich der Kreis…!)

 

Überschrift inspired by: La deuxième vague © Covid-19, 2020 

Überschrift also inspired by: What I Know Is All Quicksand © Giant Rooks, 2020

Bildunterschrift inspired by: The Man with the Child in His Eyes © Kate Bush, 1978

Lyrics: Carte postale © Graf Tati & Cécile Dupaquier, 2020

club49 | Ohlauer Straße 31 | Berlin-Kreuzberg

Outa-Space © Billy Preston, 1971

Avenue Louise Bordes / Ein Sommer mit Nicole.

All along Müggelschlösschenweg: Graf Tati & Cécile Dupaquier © Kai von Kröcher, 2020

Ce sont les mots qui s’installent sur le blanc d’une carte postale, des mots qui sont jetés. +++ Als wir neulich im weißen R4 saßen, ziellos in Richtung Südosten. Ich sagte: “Wisst ihr, was ich heute Mittag gedacht habe?” Eine eher rhetorische Frage, woher hätten sie das schließlich auch wissen sollen – oder hätten Sie es etwa gewusst? +++ Okay. +++ Ein paar Tage vorher hatte ich Tati schon einmal so eine komische Frage gestellt: Ob er sich an Ein Sommer mit Nicole erinnere. Das war irgendwann mal eine Fernsehserie mit dem Berliner Schauspieler Klaus Dahlen gewesen – keine Ahnung, wie ich drauf kam. +++ Und jetzt halten Sie sich aber besser mal fest: Gerade nämlich wollte ich fabulieren, dass zu der Zeit – also als jene Serie im Fernsehen lief, dass da der Name “Nicole” hier in Deutschland noch gar nicht so verbreitet war. Und dass es demnach dann bestimmt um eine Sommerliebelei zwischen dem auffallend dicken Klaus Dahlen und einer charmanten Französin gegangen sein wird. Jetzt habe ich Klaus Dahlen allerdings mal gegoogelt. Und was ich nicht wusste, der ist ja seit einigen Jahren schon tot. Ich hatte ihn letztens tatsächlich noch als Statist (!) in Ein Mann will nach oben auf DVD gesehen. Und hatte mich eher gewundert: ich glaube, er hatte da nicht einmal Text. +++ War natürlich eh super besetzt, vielleicht eine Art Cameo-Auftritt? +++ Der Typ da in dem Stones-Video im letzten Post – spontan dachte ich so: der Mick Jagger unter den Scheibenputzern. +++ Jedenfalls habe ich Klaus Dahlen gegoogelt, eine Serie namens Ein Sommer mit Nicole gibt es anscheinend gar nicht, zumindest nicht mit Klaus Dahlen. +++ Naja. +++ Cécile und Tati hatte ich neulich mal vorgeschlagen, ein paar Fotos draußen zu machen. Ich will mich ein bisschen neu erfinden, das ist ja nun hoffentlich nicht verboten. Am Mittag bevor wir in den Südosten runterfuhren, da hatte ich mir fasziniert ihre neueste Lockdown-Produktion angehört, Carte postale nämlich (hier klicken). Klingt wie ein toller französischer Urlaubssong aus der Zeit, als meine Generation gerade die ersten Sommer allein in den Süden fuhr. +++ Ich hörte also Carte postale, und ich dachte so vor mich hin: Wenn ich jetzt irgendeinem erzähle, ich fahre mit den beiden heute in den Südosten und mache Fotos – der wird dann doch sagen: du spinnst!
Überschrift inspired by: Exile On Main St © The Rolling Stones, 1972
Überschrift also inspired by: Ein Sommer mit Nicole (13 tlg. dt. Familienserie mit Monica Ambs, Barbara Schöne, Klaus Dahlen) © Thomas Engel (Regie)/ZDF, D 1969
Bildunterschrift inspired by: All Along the Watchtower © Jimi Hendrix, 1968 (Cover)
Lyrics: Carte postale © Graf Tati & Cécile Dupaquier, 2020
Klaus Dahlen (* 23. Mai 1938 in Berlin; † 16. Mai 2006 in Baden-Baden), dt. Schauspieler
Ein Mann will nach oben (13 tlg. dt. Fernsehserie nach dem Roman von Hans Fallada – mit Mathieu Carrière, Ursula Monn, Rainer Hunold) © Herbert Ballmann (Regie)/ZDF, D 1978

Rocks Off / The Boy with the Thorn in his Side.

Neukölln, Weiße Siedlung: Wenn man vom Süden her von der Autobahn reinfährt © Kai von Kröcher, 2020

 

… ’cause I’m not much cop at punching other people’s dads. +++ Das Bild heute erinnert mich irgendwie die ganze Zeit schon an das Video zu Rocks Off – das ich sehr super finde, auch wenn ich den Song nur manchmal ganz gerne mag: Super-8-Material, geschossen von Robert Frank größtenteils irgendwo in New York 1971, da spränge ich ohne jede weitere Frage direkt auf die Zeitmaschine. +++ Der Junge auf dem Spielplatz am Zickenplatz gestern, und spätestens jetzt ahnen Sie schon, wohin die Reise hier heute gehen wird. +++ Ist das noch Rock ‘n’ Roll, oder ist das bereits schon der Dings – nur so ein Spruch. +++ Der Junge jedenfalls wird so ungefähr um die vier Jahre gewesen sein, er fiel mir das erste Mal auf der Rutsche auf. Optisch ein angenehm anzuschauender Junge, aber er ging mir sofort auf den Zwirn. +++ Das wird echt eine ganz schlimme Geschichte, ich habe gestern Abend nicht einschlafen können. +++ Ich lag also gestern im Bett. Erst war ich direkt eingeschlafen, doch dann hatte Otto mir im Schlaf ein paar Tritte verpasst. Und plötzlich fiel mir der Junge vom Nachmittag wieder ein, und ich dachte, ich würde keine Sekunde in meinem Leben je wieder ruhig schlafen können. +++ Ist die Geschichte wirklich so schrecklich, wie sich das anbahnt? +++ Den Link zu Rocks Off finden Sie übrigens hier, vielleicht wissen Sie ja, was ich meine – sowohl was die Zeitreise angeht, als auch das Bild und den Song. +++ Erinnert mich daran, dass Bruce Springsteens Born to Run angeblich der beste Rocksong der Rockgeschichte sein soll – ich finde, der ist einfach ein Rocksong. +++ Aber zurück zu dem Kind auf dem Spielplatz. Otto war über die Hühnerleiter allein auf die Rutsche gestiegen, oben jedoch verließ ihn etwas der Mut. Ich reichte ihm meine Hände zur Sicherheit hoch, da fand er direkt seine alte Verwegenheit wieder. Allerdings kam in dem Moment dieser Junge von unten die Rutsche herauf Otto entgegen geklettert, was mich gleich ziemlich nervte: Ich schenkte ihm diesen Blick. +++ ‘Welchen Blick’, werden Sie fragen – diesen Blick halt. +++ Später dann war ich mit Otto am Buddeln, und plötzlich bekam ich hinterrücks Sand an den Kopf geworfen. Ich drehte mich um, und schon wieder dieser Junge stand da und grinste mich an. Ich sagte irgendwas so von wegen, du provozierst gern wohl Leute. Er grinste mich an, sagte: “Was?” Ich schenkte ihm diesen Blick, das müssen wir jetzt nicht noch einmal durchkauen. Ich dachte, dass er wohl irgendwie so ‘n kleiner Teufel ist, ich sagte: “Du kommst wohl nur her, um hier alle zu ärgern?” Frech grinste er mich an, sagte: “Was?” So langsam kam ich echt auf die Palme. Ich sagte so was in der Art wie: “Wieso sagst du immerzu ‘was’, willst du mich hier auf den Arm nehmen?” Er grinste mich an, zeigte an mir vorbei, sagte: “Meine Eltern sind dahinten.” Ich verdrehte die Augen, machte eine abwinkende Handbewegung und wandte mich wieder dem herrlichen Otto zu. +++ Ein paar der Kommentare zum Rocks Off-Video sind ja der Meinung, dass es sich bei dem Song um den besten der Band oder gar um den besten der Rockmusik handelt. Ich finde, der Song macht einem unter Umständen ganz gute Laune, mehr aber auch nicht. +++ Als ich am Abend so wach vor mich hin lag, fiel mir plötzlich der Junge wieder ein. Und mein Augenmerk fiel auf etwas Merkwürdiges, was ich auf dem Spielplatz zwar registriert – wo ich eben aber auch nicht weiter darüber nachgedacht hatte: Der Junge hatte an seinem einen Ohr nämlich, fast direkt am Gehörgang. Da hatte er so eine Art Wucherung, zwei auffällige kleine Höcker wie beim Kamel. Und nun zerbrach ich mir meinen Kopf. Ob der Junge vielleicht gehörlos oder so war. Und deshalb die ganze Zeit hier alleine gespielt hatte. Und mich mit Sand bewarf, weil er jemandes Aufmerksamkeit erregen wollte. War das provokantes Gegrinse vielleicht ein unbeholfenes Lächeln? Und vielleicht wollte er mich an seine Eltern verweisen, damit sie die Situation moderierten? +++ Auf einmal kam ich mir erbärmlich und scheiße vor, bin dann aber dennoch irgendwann eingeschlafen. Am späteren Nachmittag heute wollte ich eigentlich noch einmal mit Otto dorthin, den Jungen sehen, vielleicht alles ins Lot rücken. Doch dann kam plötzlich der Wolkenbruch… +++ Den Zickenplatz übrigens werden Sie im Stadtplan nicht finden – ist das nicht auch schon wieder irgendwie unheimlich?

 

Überschrift inspired by: Rocks Off © The Rolling Stones, 1972

Überschrift also inspired by: The Boy with the Thorn in his Side © The Smiths, 1985

Lyrics: Kooks © Davids Bowie, 1971

Future Legend © David Bowie, 1974

Born to Run © Bruce Springsteen, 1975