One Of These Days / Netflix Couch Potato (Part two)

Shine a Light: Mein Sohn damals als Licht-Double (52 mm/f 5.6) © Kai von Kröcher, 2023

 

Heute ist wieder einer der verdammten Tage, die ich kaum ertrage, und mich ständig selber frage. +++ Das wird Sie vielleicht wundern, aber ich streame jetzt auch. Normalerweise muss ich ja nicht immer ganz vorn mit dabei sein, dafür bin ich bekannt. Nicht die Atombombe reiten, wenn sie in knapp 10.000 Metern ausgeklinkt wird. Aber zumindest streame ich jetzt. +++ Die Geschichte mit dem Fotoshoot und dem verschollenen Telezoom: Es war ein grauer Tag Ende Oktober vor so ungefähr zweieinhalb Jahren. Porträts einer Frau für deren Webseite sollte ich machen. Für die Aufnahmen hatte sie einen Institutsrohbau im nordöstlichsten Ortsteil Buch organisiert. Mit meinem Sohn hatte ich ausgemacht, dass er mir als Assistent etwas zur Hand geht. +++ Als ich vor Jahren einmal im Krankenhaus lag – das hatte damals zuerst ja ziemlich dramatisch ausgesehen, sich im Verlauf meines Aufenthaltes aber als eher harmlos relativiert. Jedenfalls teilte ich das Zimmer mit einem jüngeren Typen, den hatte es wesentlich schlimmer erwischt. Er litt eh schon an Diabetes, nun war auch noch irgendein Krebs, glaube ich, dazugekommen. Seine Tages- und Lebensplanung im Allgemeinen erschien mir alles andere als spontan: Bevor etwas bei ihm auf den Teller kam, bestimmte er anhand irgendwelcher Tabellen immer erst einmal die exakte Nährstoffzusammensetzung oder so. Den ganzen Tag saß seine Freundin an seinem Bett, und gemeinsam zerbrachen sie sich den Kopf und rechneten sich einen sogenannten Wolf. Als er entlassen wurde, gaben die Ärzte ihm mit auf den Weg, er solle sich unbedingt erstmal schonen. Da sah er mich an und meinte verschwörerisch: „Kein Problem, ich bin ein Netflix-Couch-Potato!“ Wir schrieben das Jahr 2016, und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. +++ Mein Sohn jedenfalls freute sich sehr auf die Fotos, und motiviert bis in die Haarspitzen trugen wir mein Kamera-Equipment nach unten zur Straße. Kurz darauf kam die Frau in ihrem Honda Civic um die Ecke gebogen und sammelte uns ein für die Weltreise nach Buch. In ihrem Kofferraum sah es aus wie auf dem Wertstoffhof, meine Ausrüstung verschwand zwischen Einwegflaschen aus Kunststoff und anderem Müll. +++ Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen: Natürlich boykottiere ich nach wie vor Netflix und Disney Plus und was es da alles so gibt, doch bin ich auch nicht mehr der beinharte Verfechter des linearen TV – vor nun längerer Zeit schon hatte ich mir einen Bibliotheks-Ausweis geholt, Streaming 3.0! Da leihe ich mir jetzt immer Flatrate-mäßig Filme aus, die ich im Kino verpasst habe, und die ich schon immer mal sehen wollte. Für heute habe ich mir Bastian Günthers One Of These Days besorgt. Den hatte ich zwar schon – is‘ klar! – bei seiner Premiere gesehen, doch längst ist die Erinnerung daran zu einem klaustrophobischen Farbrausch in Gelb zusammengeschmolzen. +++ Jedenfalls waren wir gerade beflügelt dabei, in den fahrenden Pfandautomaten zu klettern, da sagte sie auch schon übertrieben mitfühlend zu meinem Sohn: „Waaaaas – du musst da jetzt mitkommen und die ganze Zeit mit uns rumhängen?! Das ist doch total langweilig! Naja, vielleicht finden wir irgendwas zum Spielen für dich …“ +++ Was ist eigentlich der Unterschied zwischen One of those Nights und One of these Days – außer, dass das eine stockfinster ist und das andere hell? Und ist Ihnen überhaupt einmal aufgefallen, dass das englische brilliant wesentlich logischer über die Lippen geht als das deutsche brillant? +++ Erst einige Monde nach dem Fototermin in Berlin-Buch brauchte ich mein 80 – 200er Telezoom wieder, doch nun war es nirgendwo mehr zu finden. Ich weiß nicht, wie oft insgesamt ich die üblichen Ecken der Wohnung durchsucht habe – und so sehr ich auch hoffte, das Objektiv blieb verschwunden: Vielleicht hatte ich es irgendwo in den Winkeln des Rohbaus stehengelassen, vielleicht war es vom Schwarzen Loch ihres Kofferraums verschluckt worden.

 

 

Überschrif inspired by: One Of These Days (Filmdrama) © Bastian Günther (Drehbuch/Regie), D 2020

Überschrift also inspired by: Netflix, US-amerikanischer Streaming-Anbieter, seit 1997

Bildunterschrift inspired by: Shine a Light (Konzertfilm) © Martin Scorsese (Regie), USA 2008

Bildunterschrift also inspired by: Shine a Light © The Rolling Stones, 1972

Lyrics: Sie ist weg © Die Fantastischen Vier, 1995

Book of Brilliant Things © Simple Minds, 1984

Amerika-Gedenkbibliothek | gegründet: 1954 | Zentral- und Landesbibliothek | Blücherplatz 1 | 10961 Berlin

Ingeborg-Drewitz-Bibliothek | Grunewaldstraße 3 | 12165 Berlin

Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain“ | Freizeitforum Marzahn | Marzahner Promenade 55 | 12679 Berlin

 

 

Kein Gott, keine Uhr und kein gutes Buch / This train terminates here (Part one).

Those were the days, my friend – we thought they’d never end © Otto G., 2025

 

Jede Nacht eine neue Reise bis ans Ende der Welt und weiter – über die Wolken, unter die Gleise. +++ Aber haben Sie sich in den vergangenen Jahren mal bewusst die U-Bahnhöfe angesehen? An vielen Stationen sind die großflächigen Werbetafeln lange schon überlebensgroßen Fotografien gewichen, müssen Sie mal drauf achten. +++ Gestern kam hier ein neues Objektiv ins Haus geflattert. Ein gebrauchtes Telezoom aus dem Jahre 1987 in etwa. Das hatte ich mindestens dreimal vorher schon besessen gehabt. Mit dem einen hatte ich mich im Winter vor einigen Jahren im vereisten Hinterhof auf die Klappe gelegt. Kamera lässig über der Schulter, Hände in den Manteltaschen, und zack – ausgerutscht, Objektiv futsch: das war jetzt ziemlich verzogen und ließ sich nicht mehr vernünftig fokussieren. Die gleichen Objektive zuvor oder danach ähnliche Schicksale. +++ Mein intuitiv favorisierter Untergrundbahnhof dürfte wohl Jannowitzbrücke sein, rein von den historischen Bildern her. Oben haben wir heute ein Foto, das hatte mein Sohn vorigen Herbst dort von mir geschossen: Da stehe ich vor einer Aufnahme der Brücke über die Spree, die dem U-Bahnhof einst seinen Namen gab: Jannowitzbrücke. +++ Komischerweise hatte ich immer gedacht, Those Were the Days von Mary Hopkin wäre ein Song, den Paul McCartney geschrieben hat. Damit hätte ich bei jeder Quizshow im Fernsehen zu punkten geglaubt. Und völlig daneben gelegen: Paul McCartney produzierte den Song zwar seinerzeit in den Abbey Road Studios. Ursprünglich geschrieben hatte ihn aber ein Russe, Boris Fomin nämlich: Дорогой длинною (Entlang der langen Straße), mit einem Text von Konstantin Podrevsky. Ein findiger (bis möglicherweise auch windiger) Amerikaner namens Eugene Raskin hat dem Lied dann einen englischen Text verpasst und gilt seither landläufig als dessen Komponist. +++ Kulturelle Aneignung par exellence, Sergei Lawrow soll ziemlich erbost darüber gewesen sein. +++ Jedenfalls stehe ich auf dem Foto (oben) unten im U-Bhf. Jannowitzbrücke und scheine mit einer Fernbedienung herumzufuchteln. Durch die raffinierte Kameraperspektive werde ich auf der Aufnahme zurück ins Jahr etwa um 1935 katapultiert, da müsste ich nachschauen. Von der Nazizeit einmal abgesehen, sah die Brücke selbst seinerzeit wesentlich sinnlicher aus als heute. +++ Um aber noch einmal auf die ursprüngliche Story zurückzukommen: Bei einem Fotojob vor zweieinhalb Jahren – da muss ich mein Tele, begünstigt durch welche Torheit auch immer, tatsächlich verbummelt haben. Fünfundzwanzig Zentimeter lang und knapp zwei Kilo schwer – irgendwann war es einfach nicht mehr da, und das habe ich ohne Quatsch Monate später erst festgestellt. +++ Dieser Post muss demnächst fortgesetzt werden, sonst wird er zu lang. Darin gibt es dann einiges über das Leben zu erfahren – Psychologie und Alltag …

 

 

Überschrift inspired by: Wir brauchen nichts © Tele, 2007

Überschrift also inspired by: Get the Fuck Out of Here (Bandansage) © BVG, ca. seit 2020

Lyrics: Mario © Tele, 2007

Those Were the Days © Mary Hopkin, 1968 (Cover)

Sergei Lawrow (* 21. März 1950 in Moskau), mutmaßlich verschollener russischer Außenminister

 

Lay your body down upon the midnight snow / They say a snow year’s a good year.

Once Upon a Time in the West: Mit dem Sohn letzten Samstag im Grunewald © Kai von Kröcher, 2026

 

Did you ever want to be alone, be all white in decent snow. +++ Ich hatte nicht auf die Uhr geschaut, aber lass es vielleicht fünf Minuten gewesen sein. Fünf Minuten ungefähr, nachdem ich am Dienstag meinen Post abgesetzt hatte. Sagt man das so – einen Post absetzen? Wie einen Funkspruch: Mayday, Mayday? Oder neuerdings eine Fernsehshow? +++ Seit einigen Jahren nun schon lässt mich der 8. Januar offenen Mundes staunen über die Tatsache, dass exakt an diesem einen Tag zwei der wohl größten Größen der Musikgeschichte beide Geburtstag hatten. Und zudem wäre auch noch der Kaiser, kein Geringerer als Franz Beckenbauer nämlich – fast wäre auch noch der Kaiser an genau diesem Datum verstorben. Die Wahrscheinlichkeit einer solch kosmischen Konstellation scheint in etwa so fabulös, als hätte, sagen wir mal, ich gemeinsam Geburtstag mit Lothar Matthäus und Sergei Wiktorowitsch Lawrow. Und ich weiß nicht, wie es bei Lothar Matthäus aussieht, aber genau wie Lawrow habe auch ich einst Gitarre gespielt: D7, D7, D7 – frei nach Peter Bursch. Mein Sohn übrigens wurde geboren am 53. Jahrestag, da die englische Popgruppe The Rolling Stones die Berliner Waldbühne seinerzeit legendär zu Kleinholz verarbeitet hatte. +++ Jetzt habe ich aber doch ein bisschen den Faden verloren: Jedenfalls ungefähr fünf Minuten, nachdem ich den Post vorgestern abgesetzt hatte, schickte mir Richard David Precht eine Freundschaftsanfrage auf Facebook.

 

Überschrift inspired by: Snowbound © Genesis, 1978

Bildunterschrift inspired by: Spiel mir das Lied vom Tod (Once Upon a Time in the West, Italo-Western) © Sergio Leone (Drehbuch/Regie), I/USA 1968

Lyrics: Decent Snow © Super 700, 2012

Elvis Aaron Presley (* 8. Januar 1935 in Tupelo, Mississippi; † 16. August 1977 in Memphis, Tennessee), US-amerikanischer Musiker und Schauspieler

David Bowie (* 8. Januar 1947 in London; † 10. Januar 2016 in New York City), brit. Musiker, Sänger, Produzent, Schauspieler

Franz Beckenbauer (* 11. September 1945; † 7. Januar 2024 in Salzburg), dt. Fußballspieler, Funktionär, Trainer, Kaiser, Schauspieler

Lothar Matthäus (* 21. März 1961 in Erlangen), dt. Fußballspieler und -trainer, Fernsehexperte

Sergei Lawrow (* 21. März 1950 in Moskau), mutmaßlich verschollener russischer Außenminister

Peter Bursch’s Gitarrenbuch, Voggenreiter Verlag/Bonn 1975

Wer bin ich – und wenn ja, wie viele ? (Sachbuch über die Philosophie) © Richard David Precht, Goldmann Verlag/München, 2007 

Hold on tight during the Riot / Die Lage ist komplex, aber nicht ernst.

Back in the Day: Heizkraftwerk Lichterfelde (Corona-Version) © Kai von Kröcher, 2020

 

Berlin is tough but sincere – please show respect and be kind to each other. +++ Hatten Sie in der Vergangenheit auch zunehmend das Gefühl, die deutsche Filtertüte habe in ihrer Zuverlässigkeit – also, dass sie unten am Falz andauernd aufreißt und man vom Feeling her den Mund ständig voller Kaffeepulver hat? +++ Aus aktuellem Anlass habe ich mal ein Bild hervorgesucht: Da lag der Sohn mit einer Bronchiengeschichte gerade im Krankenhaus. Das kam damals häufiger vor, scheint in den ersten Jahren gar nicht so ungewöhnlich. Er bekam dann kaum Luft, armer Wurm. Irgendwann war es weg, die Ärzte hatten es so prophezeit. +++ Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hatte ein Auto gemietet, weil wir genau an dem Wochenende eigentlich in die Löwenstadt zwischen Harz und Heide hatten reisen wollen. Es hatten sich die Corona-Days über das Land gelegt, und irgendwie war mir der Zutritt zum Krankenhaus nicht gestattet. Da lag er da also unten in Zehlendorf, nur seine Mutter als Begleitperson durfte das Zimmer mit ihm teilen. Ich meinerseits stromerte währenddessen mit dem höherklassigen Mietwagen im südlichen Westen der Hauptstadt umher, hier und dort hielt ich Zeitgeschehen in meiner Kamera fest. +++ Ich mag dieses Bild (oben). Und sollten auch Sie einmal Lost in Lichterfelde-Ost unterwegs sein – vermutlich werden Sie völlig zu Recht feststellen, dass es das Heizkraftwerk in dieser optischen Form nicht mehr gibt. +++ Neulich hatte ich mich übrigens gerade gefragt, wer damals das Lied Prost, Onkel Albert gesungen hat. Heutzutage lässt sich ja so was im Internet schnell herausfinden, aber dazu bin ich wohl noch immer eine Spur zu sehr oldschool. +++ Apropos: Wie finden Sie, als Muttersprachler:in, den neuen Slogan der BVG? Berlin sei hart aber herzlich – und dass man nicht in der Gegend herumlaufen soll wie ein stumpfsinniger Idiot?

 

Überschrift inspired by: Hold On Tight During the Ride (Slogan im Bus) © BVG, 2025

Überschrift also inspired by: I Predict a Riot © Kaiser Chiefs, 2004

Überschrift also inspired by: Donald Trump (* 14. Juni 1946 in New York City), POTUS und Träger des FIFA-Friedenspreises 2025

Überschrift also inspired by: Eins, zwei, drei (One, two, three, Ost-West-Komödie mit Horst Buchholz, James Cagney und Lilo Pulver) © Billy Wilder (Drehbuch, Regie), USA 1961

Lyrics: Berlin is tough but sincere (Slogan im Bus) © BVG, 2025

Brandanschlag auf Kabelbrücke am Kraftwerk Lichterfelde, 3. Januar 2026

Klinikum Emil von Bering | Walterhöferstr. 11 | 14165 Berlin

L.Ost (Lichterfelde-Ost) © Von Wegen Lisbeth, 2021

Heizkraftwerk Lichterfelde | Ostpreußendamm 61 | 12207 Berlin

Kuckuck (Restaurant und Gaststätte) | Drakestraße 63 | 12205 Berlin

Prost, Onkel Albert © Manuela, 1971

Hart aber herzlich (Hart to Hart, Fernsehserie mit Robert Wagner, Stefanie Powers, Lionel Stander) © ABC, USA 1979 – 1984 

 

 

 

Heißer Sand und ein verlorenes Land / Damals bei uns daheim.

Oktapolare Fotografie: Heinrich-Heine-Straße © Kai von Kröcher, 2021

 

There’s no hiding in memory, there’s no room to avoid. +++ Was ich mit Weihnachten so für Musik verbinde? Im Ernst? Warum fragen Sie mich hier solche Sachen? +++ Aber interessant, wenn man zufällig und ganz nebenbei Dinge erfährt. Über Personen des öffentlichen Lebens zum Beispiel, die man für gewöhnlich reflexartig verspotten würde. Oder war Ihnen bekannt, dass Manfred Nidl ohne Quatsch sieben Sprachen spricht und seine Schlager in zwölf Sprachen gesungen hat? +++ Okay, Weihnachten Nummer eins wohl ganz klar Love Me Do von den Beatles! Gleich mit dem ersten Ton der Mundharmonika – das wird auf ewig gleichbedeutend mit dem Heiligen Abend für mich sein. Meine ein Stückchen ältere Schwester besaß schon einen kleinen Plattenspieler, als ich gerade zu laufen begann. Könnte vom Feeling her einer von Philips gewesen sein. Den baute sie an Weihnachten immer neben dem Weihnachtsbaum auf. Damit, und das fällt mir in diesem Moment erst auf, war sie tatsächlich der erste DJ in unserer Familie. Über den Heiligen Abend spielte sie sich durch ihre 7″-Singles-Sammlung: Love Me Do, hundertmal, von den Beatles, die waren damals der neueste Schrei. Dann Tommy Roe, glaube ich, mit dem Song Sheila – dazu ließ es sich gut auf dem imaginären Besenstiel durch die Stube galoppieren. Tiefstens eingebrannt ebenfalls Georgia on My Mind von dem auf anheimelnde Art erkältet klingenden Ray Charles – da krabble ich wie von Zauberhand sofort wieder als Nesthäkchen neben dem Tannenbaum über den pieksigen Perser, habe Kerzenduft um die Nase und stopf‘ mich mit Lebkuchen und Spekulatius voll. +++ Weiß nicht, warum heute das Bild mit der Heinrich-Heine-Straße – diese Art blaues Raster stört irgendwie. +++ Neben weiteren englischen Titeln gab es durchaus auch deutsche: Connie Francis beziehungsweise Mina an vorderster Stelle – Heißer Sand, ein Lied um einen verwegenen Tino oder so und um die Liebe, und dass es einmal schöner war. Geheimnisvoll arabisch-orientalisch, erzählt es von einer abenteuerlichen Begebenheit in einem unbekannten Land. Und löste damit das wohl erste Fernweh meines Lebens aus. +++ Aber wozu wollten Sie das jetzt eigentlich alles wissen? +++ Und wo wir hier gerade in solch besinnlicher Runde beisammen sind (und wenn mich mein Schultschetschenisch nicht allzu sehr an der Nase herumführt): Bei den Kadyrows zu Hause in Tsentaroi in der Region Kurchaloyevsky liegt in diesem Jahr Reinhard Meys Nein, meine Söhne geb’ ich nicht in der Christmas-CD-Edition auf dem Gabentisch.

 

Überschrift inspired by: Heißer Sand © Mina, 1962

Überschrift also inspired by: Damals bei uns daheim (Kindheitserinnerungen) © Hans Fallada, 1941

Lyrics: The Carpet Crawlers © Genesis, 1974

Freddy Quinn (* 27. September 1931 in Wien als Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl, später Nidl-Petz, auch Manfred Quinn), österr. Sänger und Schauspieler

Love Me Do © The Beatles, 1962

Sheila © Tommy Roe, 1962

Georgia on My Mind © Ray Charles, 1960 (Coverversion)

Heißer Sand © Connie Francis, 1966 (Coverversion)

Ramsan Kadyrow (* 5. Oktober 1976 in Tsentaroi, Region Kurchaloyevsky/UdSSR), tschetschenischer Bluthund

Nein, meine Söhne geb ich nicht © Reinhard Mey, 1986

All is quiet, all is quiet / Vorweihnachtszeit ist nicht linear.

Oktapolare Fotografie: Schaubühne – Zeit ist nicht linear © Kai von Kröcher, 2023

 

Look to the future now, it’s only just begun. +++ Als der jungsche Nachbar eben so gegen vier Uhr früh nach Hause kam und erst noch ein bisschen in Küche und Bad herumkraspelte – das Haus stammt aus dem Aufbauprogramm der Fünfzigerjahre, die Stadt hatte andere Sorgen als Schallisolierung: Da kochte ich mir also direkt einen Kaffee und setzte mich an meinen Laptop am Fenster. +++ Vollmond. +++ Kennen Sie das auch, dass die Leute vor Weihnachten herumjammern, man habe zu wenig Zeit, was für ein Stress? Was sollen die Menschen von vor vor 13,8 Milliarden Jahren denn sagen – damals gab es noch gar keine Zeit! +++ Man sagt, die Zeit mache nur vor dem Teufel halt – und wissen Sie, was die Schüler in zweihundert Jahren über uns sagen werden, falls es dann noch Schule und so. Jedenfalls werden sie sagen: „Was für Idioten!“ +++ Die Neue Nationalgalerie zeigt aktuell „eine 24-stündige Videoarbeit, die anhand eines Jahrhunderts Filmgeschichte den realen Zeitverlauf synchron nachzeichnet.“ Da könnte man mal vorbeischauen, wenn man – 😀 – Zeit hat. +++ Meinem Sohn hatte ich neulich von der Theorie zu erzählen versucht, Zeit verlaufe nicht linear. Die Naturwissenschaften und ich – wir waren nicht immer das, was man landläufig „per Du“ nennt. +++ Apropos: Die Idee mit dem Kalender für 2027 finde ich tatsächlich nicht schlecht. (Achtung, jetzt gleich hier der politische Witz!) Gerüchten zufolge nämlich soll Jensi-Boy Spahnemann bereits eine Bestellung über 4,8 Millionen Stück davon in der Schreibtischschublade zu liegen haben. +++ Wären Sie im Dritten Reich damals eigentlich auch im Widerstand gewesen?

 

Überschrift inspired by: Peter und der Wolf (Пе́тя и волк) © Sergei Prokofiev, 1936

Überschrift also inspired by/Lyrics: Merry Xmas Everybody © Slade, 1973

Schaubühne | Lehniner Platz | Berlin-Charlottenburg © Erich Mendelssohn (Architekt), 1927 bis 1931  

Zeit macht nur vor dem Teufel halt © Barry Ryan, 1972

The Clock (Videoarbeit) | 29.11.2025 bis 25.01.2026 | Neue Nationalgalerie Berlin © Christian Marclay, ca. 2010

Jens Spahn (*16. Mai 1980 in Ahaus, westl. Münsterland), dt. Politiker

Time Waits for No One / Every Day is Silent and Grey.

Fiktives Vinyl: DJ Schkopau – Wenn es nicht aufhoert © Kai von Kröcher, 2022/2023

 

Down in space it’s always 1982, the joke we always knew. +++ Wie lange dieser Zustand damals wohl angedauert haben mag, der vor dem Urknall? Da muss das Universum, wenn ich das auf die Schnelle richtig verstanden habe. Zusammengepresst zu einem Stück Kohle – oder besser noch: ein Diamant! Aber die Frage allein ist natürlich schon Quatsch: Wenn es keine Zeit gegeben hat, kann etwas ja nicht, in welcher Form auch immer, gedauert haben. „Ein Paradoxon“, wie Clemmie nachts im Club, nach dreieinhalb Gläsern Elbling, mit diabolischem Grinsen immer zu fabulieren begann. +++ Neulich hatte ich etwas geschrieben, so von wegen, der M41er machte seinem Namen alle Ehre. Oder so. Gestern Nachmittag war ich fürs Wochenende einkaufen gewesen am Hermannplatz. Lebensmittelabteilung von Karstadt oder bei Lidl, das können Sie sich aussuchen. Als ich heraus kam, war es noch etwas zu früh für die Sportschau. Ich kam auf den gar nicht so uninteressanten Lösungsansatz, den M41er einfach ein Stück in die entgegengesetzte Richtung zu nehmen. Dorthin, wo es wehtut. Und dann zurück in die andere Richtung nach Hause – Reiseziel: Punktlandung Sportschau. +++ „Wo kommste so spät jewesen“, wie Schulfreund Ben Hacket in ostpreußischem (?) Dialekt seinerzeit immer wissen zu wollen pflegte. +++ Jedenfalls, ich setzte mich in den halbwegs leeren M41er Ziehharmonikabus Richtung Südosten. Ein Schatten von einem Mensch setzte sich neben mich und rauchte, heimlich unter den Sitz gebeugt, eine elektrische Zigarette. Dann aß er mit den Fingern eine Art Ziegenkopfsuppe aus einem Tuppertopf. Dann stand ich auf und schlich mich auf diese Drehscheibe da in der Mitte, wo man(n) sich immer vorkommt wie in einer Fernsehshow in den 70er Jahren: „Und hier ist er nun! Sie kennen ihn alle – begrüßen Sie mit mir, äh, Karl-Heinz Schibulski!“ +++ Ich fuhr also bis kurz hinter S-Bahnhof Sonnenallee, zu Füßen des neuen Estrel stieg ich aus. Freute mich auf einen leeren Bus in der Gegenfahrtrichtung. Genau an der Stelle, wo der neue Streckenabschnitt der A100-Stadtautobahn für logistische Komplikationen sorgt, genau an der Stelle war jetzt auch noch die Straße gesperrt. Der Verkehr wurde durch enge Neuköllner Wohngebietsstraßen umgeleitet. Ich wähnte mich in diesem Film mit dem Stau, keine Ahnung, wo ständig gehupt wird: Gefangen im M41er Bus für die Ewigkeit, Zeit existierte nicht mehr. Menschen erstaunlich gelassen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Endlich zu Hause, ging in der Sportschau gerade die Zweite Liga zu Ende, der Abend konnte beginnen.

 

Überschrift inspired by: Time Waits For No One © The Rolling Stones, 1973

Überschrift also inspired by: Everyday Is Like Sunday © Morrissey, 1988

Lyrics: Slip Away © David Bowie, 2002

Wenn es nicht aufhoert © DJ Schkopau, 2023

club49 | Ohlauer Straße 31 | 10999 Berlin

Tim und Struppi – Reiseziel Mond (Objectif Lune, Comicband) © Hergé, 1953

Acht Milliarden Träumer / There Is No Time.

Fiktives Vinyl: Valérie Jusquart – Novitchok © Kai von Kröcher, 2010/2022

 

Jetzt müsste man ’nen Knopf haben, und alles bleibt, wie es ist. +++ Wir hatten ja neulich über Das Fahrrad gesprochen. Die letzten Tage musste ich daran denken, und ich habe mich gefragt: Was mögen wohl Ihre Höhepunkte des Films sein? Ich zum Beispiel liebe die komplette Anfangssequenz, die Kamera nimmt sich Zeit! Ganz toll, wo sie an der Ampel neben dem Laster stehen. Sagen wir mal, bis da, wo sie gerade im Kindergarten ankommen. Könnte ich mir, mit der Musik und ganz ohne Quatsch, in Dauerschleife angucken. +++ Twentyfourseven. +++ Apropos – durch den alltäglichen Alltag mit meinem Sohn erfahre ich nebenbei – nennen wir es ‚Dinge‘. Erfahre ich Dinge, die mir sonst verborgen geblieben wären. Die in der Schule entweder nicht behandelt worden sind, oder wo ich aus juveniler Überheblichkeit zum Beispiel nicht zugehört habe: Dass es in der Zeit, die noch vor der Zeit von vor 13,8 Milliarden Jahren liegt, keine Zeit gegeben haben soll. Ist das nicht verrückt: keine Zeit?! +++ Großartig finde ich auch die Szene, wo abends der Typ von der Versicherung bei ihr an der Tür läutet, um die dreizehn Mark Beitrag zu kassieren. Und ihr Kind fragt aus dem Off: „Mama, wer is’n das?“ Und der Typ von der Versicherung zeigt ins Dunkel, so ungefähr Richtung Kinderzimmer, und sagt wie nebenbei: „Soll schlafen!“ Und sie leicht unterschwellig genervt: „Ja, ja – ’soll schlafen’…!“ +++ Wussten Sie, dass Sergej Lawrow Geburtstag am 21. März hat, genau wie ich? Und Lothar Matthäus – wir drei?! +++ Aber das mit der Zeit finde ich wirklich krass – am Ende sind 13,8 Milliarden Jahre dann ja doch eben nicht unendlich lang, das ist im Prinzip überschaubar. Und nun stellen Sie sich das einmal vor: keine Zeit!

 

Überschrift inspired by: Acht Milliarden Träumer © Matthias Reim, 2021

Überschrift also inspired by: There Is No Time © Lou Reed, 1989

Filmzitat: Susanne (Heidemarie Schneider) zu Thomas (Roman Kaminski) in Das Fahrrad, DEFA-Film (Gruppe Babelsberg) von 1982

Das Fahrrad (sog. Frauenfilm mit Heidemarie Schneider, Roman Kaminski – und Anke Friedrich als Kind) © Evelyn Schmidt (Drehbuch/Regie)/DEFA, DDR 1982

Novitchok © Valérie Jusquart, 2022

Fade Away and Radiate / Famous Last Words of a Fool.

Das individuelle Weihnachtsgeschenk: Warum zum Beispiel nicht einmal die Band Tierkörperbeseitigung auf den Gabentisch? © Kai von Kröcher, 2012/2022

 

If you show and tell, then I’ll show and tell. +++ Meine moralische Überlegenheit ödet mich an. +++ Die Gruppe Tierkörperbeseitigung hatte sich früh einen Namen gemacht mit Auftritten auf niedersächsischen Ortsgruppentreffen der Jugendorganisation Die Falken. Mit spitzer Feder schauen sie Merz & Co. auf die Finger und nehmen kein Blatt vor den Mund. Unbedingt mal reinhören: Tierkörperbeseitigung bewegen sich fernab öffentlich-rechtlicher Heavy Rotation! +++ Okay. +++ Ganz klein auf dem Bild, hinten am Horizont, sieht man übrigens den Schacht Konrad. Leider bleibt dafür jetzt keine Zeit, doch war das auf dem Foto (oben) in der Tat ein typischer optischer Ausschnitt meiner Kindheit und Jugend, rechts geht es nach SZ-Lebenstedt. Die Wolke ist übrigens ohne Quatsch echt – so sah die Welt aus, bei uns damals. +++ Worauf ich allerdings dringlichst hinweisen möchte: Wir schreiben heute den 20. November – damit also unweigerlich letzte Gelegenheit, noch rechtzeitig zum Fest einen signierten Fine-Art-Print in Auftrag zu geben. Eine Auswahl an Motiven finden Sie hier: https://kaivonkroecher.de/startseite/fotografie/portfolio-fake-records-fiktives-vinyl. Unverbindliche Anfragen bitte an: vonkroecher@gmx.net

 

Überschrift inspired by: Fade Away and Radiate © Blondie, 1978

Überschrift also inspired by: Famous Last Words of a Fool © Dean Dillon, 1983

Lyrics: Show And Tell © Benjamin Booker ] Benjamin Evans & Kenny Segal, 2025

Schacht Konrad: als atomares Endlager vorgesehenes stillgelegtes Eisenerz-Bergwerk bei Salzgitter-Bleckenstedt und Salzgitter-Sauingen

Fiktives Vinyl: Salzgitter © Tierkörperbeseitigung, 2022

Nachtzug nach Nischni Nowgorod / What Ever Happened to Sergei Lawrow.

Das individuelle Weihnachtsgeschenk: Warum in diesem Jahr nicht einfach einmal Tibor Weitling? © Kai von Kröcher, 2007/2022

 

He got an ice pick that made his ears burn. +++ Schade eigentlich, dass morgen hier schon die Bestellfrist abläuft. Gerade habe ich Blut geleckt. Könnte bis Heiligabend noch so weitermachen, mein Schallplatten-Archiv ist nahezu unerschöpflich. +++ Seit Monaten, ganz ohne Quatsch, wenn nicht sogar noch viel länger. Seit Monaten frage ich mich, ob eigentlich noch niemand auf den Namen Hurricane gekommen ist. Verstehen Sie? Hurricane! Als Spitznamen für Harry Kane, Stürmer des FC Bayern. Hurricane. Ich dachte, vielleicht einfach zu abgedroschen. Oder nicht wirklich passend – Kane scheint doch eher der bescheidene Typ, harmlos schon fast. Kann kein Wässerchen trüben. Anders etwa als Haaland. Neulich hat es dann übrigens doch mal einer gesagt, irgendein Sportreporter: „Hurricane“, so ganz nebenbei. +++ Lawrow ist, was man so hört, nicht nur starker Raucher. Birgt ja durchaus gesundheitliche Risiken, sollte man nicht unterschätzen. Sergei Lawrow spielt ganz nebenbei auch Gitarre und schreibt Gedichte. In seiner Freizeit soll er gern Fußball spielen. +++ Mit den Plattenverkäufen, das ist ja immer so eine Sache. Erinnern Sie sich an das, ich glaube, es war das dritte. Das dritte Soloalbum von Mick Jagger? Mick Jagger – der Sänger der Rolling Stones, gewiss kein ganz Unbekannter. In den Achtigerjahren hatte er angefangen, auch eigene Platten zu machen. Anfangs lief das nicht schlecht, als aber die dritte LP auf den Markt kam – ich habe das jetzt nicht überprüft, die Zahlen stimmen möglicherweise gar nicht. Das dritte Album jedenfalls wurde veröffentlich, und am ersten Tag verkaufte es sich (meiner Erinnerung nach) weltweit siebenundzwanzig Mal. Ich müsste mich jetzt schon sehr irren, wenn ich mich täusche – aber googeln Sie doch einfach mal nach „Mick Jagger“!

 

Überschrift inspired by: Nachtzug nach Nischni Nowgorod © Tibor Weitling, 2022

Überschrift also inspired by/Lyrics: No More Heroes © The Stranglers, 1977

Sergei Lawrow (* 21. März 1950 in Moskau, UdSSR), russischer Außenminister