Bloodbuzz Ohio Aldrin / The Roads Not Taken.

Dirk, wie ist die Luft da oben: Rossmann-Parkplatz am Springpfuhl/Marzahn © Kai von Kröcher, 2020

 

She was looking so right in her diamonds and frills, all those big city nights in those high rolling hills. +++ Eine Litfasssäule im berüchtigten Lichtenberger Nazi-Kiez rund um die Weitlingstraße. Aus dem Replacement-Bus-Fenster Richtung Marzahn gestern fiel mir ein Kinoplakat ins Auge: The Roads Not Taken. ‘Muss ich mir unbedingt merken”, dachte ich so bei mir und machte ein wackliges Foto. +++ Am eigentlichen, dem vom Feeling her “echten”, Helene-Weigel-Platz oben am Rathaus Marzahn. Jedenfalls winkte ein Parkbank-Typ mich zu sich heran. Fragend tippte ich mir demonstrativ an die Brust und drehte mich sicherheitshalber noch einmal um, aber hinter mir stand niemand. Der Typ auf der Parkbank zeigte mir seine Perspektive, den Blick von der Bank auf den Brunnen der Generationen mit den Hochhäusern im Hintergrund. “Sie müssen genau von hier gucken, dann ist der Papierkorb verdeckt.” Ich sagte, sowas könne man heutzutage alles mit Photoshop wegmachen, das sei kein Problem. Dass er für so was aber überhaupt ein Auge hatte, das strich ich ihm lobend aufs Brot. Auch dass er die Fluchten der Häuser dahinter betonte, das fand ich bemerkenswert, irgendwie. Was ich aber am Allererstaunlichsten fand, das wird Sie jetzt vielleicht gar nicht so recht interessieren: Dass hier das Straßenpflaster nämlich noch im Original belassen war und nicht längst ausgetauscht worden ist. Das war mir nämlich vor einer Weile mal so durch den Kopf gegangen, dass das die wohl vielleicht charakteristischste Eigenschaft der BRD ist – alles neu pflastern. +++ Stimmt. +++ Die Skulpturen da in Marzahn erinnerten mich übrigens an Der nackte Mann auf dem Sportplatz von Konrad Wolf. +++ Etwas zum Schmunzeln wollte ich heute noch loswerden. Neulich stand ich mit meinem Sohn am Ufer des Urbanhafens, und ein komischer Vogel stand da recht nahe am Wasser. Tatsächlich ein Vogel, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich sagte zu Otto: “Ob das vielleicht der Kormoran ist – das könnte er sein, oder?” Er überlegte ganz kurz, dann sagte er sehr überzeugt: “Ja.” Und dann – er spricht ja noch nicht so viel. Dann zeigte er mit dem Finger auf meinen Kopf, da wäre ich vor innerlicher Rührung beinahe zersprungen… (Den allerdings verstehen Sie jetzt nur, wenn Sie die letzten Monate hier immer schön aufmerksam und nicht etwa abgelenkt bei der Sache waren…)

 

Überschrift inspired by: Neil Armstrong (* 5. August 1930 in Wapakoneta/Ohio; † 25. August 2012 in Cincinnati/Ohio), Astronaut

Überschrift also inspired by: Buzz Aldrin (* 20. Januar 1930 in Montclair/New Jersey), zweiter Mensch auf dem Mond

Überschrift also inspired by: Bloodbuzz Ohio © The National, 2010

Bildunterschrift inspired by: Dirk, wie ist die Luft da oben © Sportfreunde Stiller, 2004

Lyrics: Hollywood Nights © Bob Seger & the Silver Bullet Band, 1978

Wege des Lebens (Originaltitel: The Roads Not Taken) © Sally Porter (Drehbuch/Regie), UK/USA, 2020 (ab 13. August im Kino)

Helene Weigel (* 12. Mai 1900 in Wien; 6. Mai 1971 in Berlin/Hauptstadt der DDR), Schauspielerin, Intendantin des Berliner Ensembles und Ehefrau

Brunnen der Generationen: Skulpturenensemble am Helene-Weigel-Platz von Rolf Biebls, eingeweiht 1990

Der nackte Mann auf dem Sportplatz (mit u.a. Kurt Böwe, Ursula Karusseit) © Konrad Wolf (Regie), DDR 1974

Doppelhochhaus Helene-Weigel-Platz 6/7: Plattenbau von Wolfgang Ortmann und Hartmudt Pautschhat (Architekten), erbaut 1985

 

Sie blöde Sau / … und die Brandstifter.

Berliner Verlag: Rückansicht mit Treppenhaus © Kai von Kröcher, 2020

 

Rolling numbers, rock and rollin’, got my KISS records out. +++ Als ich da Montagabend jedenfalls unter den Bäumen vorm Eastgate Einkaufszentrum am Rande Marzahns gedankenverloren herumsaß – ich habe Ihnen das mit der Musik und dem Hören ja versucht zu erklären: Jedenfalls kam mir I Want You to Want Me von Cheap Trick in den Sinn – und dass ich jahrelang auf den Song reingefallen war. Ein billiger Hütchenspielertrick, sozusagen. Nämlich hatte ich früher immer geglaubt, tonal bewege das Stück sich von Anfang bis Ende immer weiter nach unten. Eine Endlosspirale, und ich seinerzeit hatte mich immer gefragt, wie lang wohl die Basssaiten von denen sein müssen. +++ Dreiundzwanzig Jahre ist das jetzt übrigens her, dass ich da auf dem Foto oben damals gearbeitet hab: Berliner Verlag, die Fotoredaktion dürfte im dreizehnten Stock gewesen sein. Mit den Kollegen jedenfalls hing man immer mal wieder im Treppenhaus ab, das ist eine der wenigen Erinnerungen daran. Und viele der älteren Mitarbeiter wohnten Allee der Kosmonauten. +++ Neulich im bildungsbürgerlichen Nachtprogramm lief Fitzcarraldo. Als Spätgebärender war ich leider schon fix und alle, und nach zwanzig Minuten ging ich ins Bett. Was ich mich als konsumkritischer Mensch aber gefragt habe: Wie hätte Kinski zum Beispiel den brasilianischen Präsidenten begrüßt, wäre der ihm damals im Dschungel begegnet? +++ Die Allee der Kosmonauten waren ja nicht nur eine christliche Band – sie führt einen letztendlich auch nach Marzahn. Und da schließt sich der Kreis: Ich hatte den vorigen Post nämlich gerade gepostet, da lief kurze Zeit später im Hintergrund hier in der Küche das Radio. Eine Moderatorin, deren Name mir neu war, kündigte an: kommenden Sonntag den ganzen Tag lang die 100 besten Songs der 70er Jahre. Sie meinte, einer der Songs, die ganz knapp an der Hundertermarke vorbeigeschrammt seien, wäre I Want You to Want Me auf Platz 106, und dann wälzte sie noch ein bisschen was zu der Historie dazu aus. Da kam ich mir vor wie ein Scharlatan – falls Sie verstehen, warum.

 

Überschrift inspired by: Mein liebster Feind (Dokumentarfilm) © Werner Herzog (Drehbuch/Regie), UK/D/FIN/USA 1999

Überschrift also inspired by: Biedermann und die Brandstifter (Drama) © Max Frisch, 1948

Lyrics: Surrender © Cheap Trick, 1978

Klaus Kinski (* 1926 in Zoppot/Danzig; † 1991 in Lagunitas/Kalifornien, USA)

Suspicious Mind / Quadrophenia.

Beliebte Einkaufsmeile der Jugend: Berlin-Mitte am Fuße des Forum-Hotels © Kai von Kröcher, 2020

 

I’ll get home early from work if you say that you love me. +++ Gestern, am späteren Vorabend, hatte ich mich für ein halbes Stündchen auf eine der Bänke neben dem Eastgate Einkaufszentrum gesetzt. Warum, werden Sie fragen – das Eastgate Einkaufszentrum liegt neben der Bundesstraße 158 am Rande Marzahns, und frühestens auf den zweiten Blick weiht es einen in das Geheimnis seiner Schönheit ein. +++ Ich hatte mich also unter die jungen Bäume mit Blick auf den Busbahnhof platziert, ganz unverbindlich wollte ich etwas herausfinden: Anscheinend aber werde ich nicht beschattet – oder aber Bolsonaro hatte die Creme seiner besten Leute geschickt, die ich der Reihe nach für Bürger Marzahns, Passanten, Besucher des Eastgate Einkaufszentrums oder für Kinder zu halten glaubte. +++ Ich wog mich also in Sicherheit und tat genau das, was nur wenige Marionetten in diesem Land tun: Ich dachte nach. Ich dachte nach über meinen Sohn Otto und seine Begeisterung für Bagger. Was so nicht ganz stimmt, doch dafür müsste ich etwas ausholen. +++ Schon in seinen Säuglingstagen hatte ich oft den Kinderwagen zwischendurch einfach mal angehalten und Otto die Pflanzen am Rande des Gehwegs befühlen lassen. Und so weiter und so fort, das übliche Blabla: Ich wollte mit ihm an der Hand nicht durch die Welt hetzen – ich habe immer versucht, seinen Blick für die Dinge zu schärfen. Und heute – stellen Sie sich zum Beispiel die Abenddämmerung vor, da erkennt er auf dreihundert Meter Entfernung einen Bagger im Nebel, wie er die Zähne seiner Baggerschaufel hinter einem verrosteten Bauzaun hervorlugen lässt. Er zeigt dann ins vermeintliche Nichts und triumphiert: “Da!” – und ratlos steht man lange Zeit auf dem Schlauch und so weiter. +++ Das Foto heute gefällt mir ausgesprochen gut: die Stadt auf dem Bild würde ich gern mal bereisen. +++ Jedenfalls saß ich so da vor dem Eastgate und vom Hundertsten kam ich langsam ins Tausendste. Ich dachte darüber nach, ich war früher auch immer ein Adlerauge gewesen. Doch langsam werden die Augen jetzt immer schlechter. Was für einen Fotografen nicht zwingend von Nachteil sein muss. Über so etwas dachte ich jedenfalls nach. Und dass ich immer extremstens gut hören konnte – der interessanteste Ansatz hier vor dem Eastgate: Mein Gehör nämlich ist wahnsinnig gut, wenn es um Alltagsgeräusche geht. Was aber das musikalische Hören betrifft, sind meine Ohren – ein brillantes Bild fiel mir ein, wissenschaftlich außerordentlich relevant: Musikalisch betrachtet laufe ich nach Einbruch der Dunkelheit mit einer Sonnenbrille herum und versuche, die Landschaft um mich herum zu beschreiben. +++ Was auch immer Sie jetzt mit dieser Information anfangen werden – ich fand den Gedanken sehr wichtig…

 

Überschrift inspired by: Quadrophenia – Spielfilm nach dem gleichnamigen Konzeptalbum der Rockgruppe © The Who, 1973 bzw. 1979

Überschrift also inspired by: Suspicious Minds © Elvis Presley, 1969

Lyrics: I Want You to Want Me © Cheap Trick, 1977

Eastgate | Marzahner Promenade 1A | 12679 Berlin

 

 

Open Passageways / Der letzte Kranich vom Brandenburger Tor.

This is the place even angels don’t understand: Landsberger Allee / Marzahner Brücke © Kai von Kröcher, 1999

 

Ah, things ain’t what they used to be, no no. +++ Heute vor 75 Jahren ist “der Russe” von Osten her über Marzahn in Berlin einmarschiert, Sie haben sicher davon gehört: Mit dem Nazispuk war bald darauf Schluss. +++ Das Foto hier heute, der Scan, fiel mir gestern zufällig so in die Hände. Während der Isolation geht man halt alte Festplatten durch; was man die Jahre schon tun wollte. +++ Damals war ich noch beinharter Vertreter der analogen (und unscharfen) On Camera-Fotografie – kann sein, dass das gar nicht so heißt. Das war eine Art Dogma, das Bild musste 1:1 ohne Nachbearbeitung fertig sein. +++ Wenn es das überhaupt gibt, aber das ist eine ganz andere Geschichte. +++ Jedenfalls experimentierte ich mit verschiedenen Filmen herum, die wurden unterschiedlich entwickelt. Das hier war ein Agfa-Negativfilm, den Namen weiß ich jetzt nicht. Der wurde leicht überbelichtet und dann als Diafilm entwickelt. Daher die Farben. Der rote Lichteinfall, da hatte ich in der Straßenbahn nach Marzahn gesessen, das weiß ich noch ganz genau. Ich dachte mir so: Jetzt reiße ich ganz kurz die Kamerarückwand auf, mal seh’n, was passiert. +++ Landsberger Allee, Höhe Marzahner Brücke. Sah im April ’45 anders aus. Muss ich auch echt nicht dabei gewesen sein, damals – da hätte ich mir in die Hosen gemacht. +++ Sporadisch lese ich übrigens gerade ein Buch: Für meinen Umzug neulich hatte ich mich vom Ballast befreien wollen, kistenweise Bücher an karitative Einrichtungen. (Danke, Hardy, übrigens noch einmal!) Und dann steht da dieses eine Buch im Regal, und da habe ich absolut keine Erinnerung mehr, wie es dort hingekommen ist. Wie ein verlassener junger Hund an der Autobahnraststätte. +++ Was ich ja eigentlich erzählen wollte: Neulich ging ich mit Otto und seiner Mama den Landwehrkanal entlang, Richtung Osten. Der Himmel, wie seit “den Maßnahmen” beinah fast immer – der Himmel in reinstem Electric Blue. Es ging gegen Abend, und aufgeregt zeigte Otto plötzlich nach oben und sagte: “Da!” Genau in diesem Moment zogen die beiden Kormorane von neulich über uns ihre Bahn. +++ Mehr wollte ich nicht erzählen…

 

Überschrift inspired by: Open Passageways © All Them Witches, 2015

Überschrift also inspired by: Der letzte Kranich vom Angerburger Moor © Juliane Werding, 1972

Bildunterschrift inspired by: Our Little Angel © Elvis Costello, 1986

Lyrics: Mercy Mercy Me / I Want You © Robert Palmer, 1991 (Cover/Medley)

Sound and Vision © David Bowie, 1977

Südbalkon / Amadeus, Amadeus.

Marzahn-Springpfuhl © Kai von Kröcher, 2019

Gonna get me a little oblivion, baby. +++ “Der Künstler formally not known begibt sich in bürgerliches Umfeld und kommt darin um.” +++ Mal ganz ohne Quatsch: Kinderwagen Walks ist doch sicher wieder kein richtiges Englisch, das kam mir doch gleich so verdächtig vor. +++ Von daher die gleiche Ansicht heute noch einmal – bloß ohne den Kinderwagen: Mit Photoshop lässt sich der nämlich “kinderleicht” rausretouchieren, den Unterschied werden Sie gar nicht bemerken! +++ Okay, Marzahn ist jetzt vielleicht nicht wirklich bürgerlich, aber, obwohl: Mein Patenkind zum Beispiel wohnt auch in Marzahn, was immer ich damit belegen will. Sie wohnt dort im Ortsteil Biesdorf, und was Sie vielleicht bisher nicht wussten: Biesdorf gemeinsam mit Kaulsdorf und Mahlsdorf bildet die immerhin größte zusammenhängende Ein- und Zweifamilienhaus-Siedlung der BRD! +++ Ein- und Zweifamilienhaus-Siedlungen stehe ich ambivalent gegenüber, wie man so schön sagt. In Ein- und Zweifamilienhaus-Siedlungen herumzulaufen und zu fotografieren, liebe ich auf der einen Seite wie mein eigenes, elendes Leben. Andererseits aber kann ich die Unmengen an Ein- und Zweifamilienhaus-Siedlungen in der zeitgenössischen Fotografie längst nicht mehr sehen, da überkommt mich sogleich eine bleierne Müdigkeit. +++ Auf meiner Webseite habe ich auch ein Bild zu dem Thema veröffentlicht, und zwar bei den Triptychonscha: https://kaivonkroecher.de/startseite/uncategorized/triptychen-2018

Überschrift inspired by: Südbalkon (Roman) © Isabella Straub, 2013

Überschrift also inspired by: Rock Me Amadeus © Falco, 1985

Lyrics: Perfect Blue Buildings © Counting Crows, 1993

Ghost in the Machine / Little Man, What Now.

Kinderwagen Walks (Marzahn-Springpfuhl) © Kai von Kröcher, 2019

 

Ach, auch Kinder gehen vorbei, sie gehören uns nur eine kurze Zeit – sechs Jahre? Zehn Jahre? Alles ist Alleinsein. +++ “Der Künstler formally not known kratzt an Oberflächen, kämpft gegen Verhaltensmuster.” +++ Das Foto entstand am Weltfrauentag neulich, da zeigte ich Otto kurz mal Marzahn. +++ Die Überschrift allerdings hat damit gar nichts zu tun, die gehörte zu einem Posts, den ich am Ende dann gar nicht geschrieben hab – keine Ahnung, worum es da gehen sollte.

Überschrift inspired by: Ghost in the Machine © The Police, 1981

Überschrift also inspired by/Textauszug: Kleiner Mann, was nun? (Gesellschaftsroman) © Hans Fallada, 1932