Haircut 100 / die Verwandlung.

Herbst – the Dark Side of the Moon © Kai von Kröcher, 2019

 

Out upon the ocean waves subside. +++ Gestern ist uns vielleicht was passiert, Otto und mir – kennen Sie Kafka? +++ Beim Aufwachen heute wurde mir klar: in all den Jahren, auch früher nicht – nicht ein einziges Mal habe ich je drüber nachgedacht, was Haircut 100, also der Bandname – was der wohl für eine Bedeutung, welchen Hintergrund hat. +++ Aber fangen wir vielleicht einfach ein kleines Stück weiter vorn an: Über das Wochenende nämlich war meine Nichte zu Besuch gewesen, Ottos Cousine aus den Bergen sozusagen. Und nicht einmal nur ‘sozusagen’: Ich glaube, die haben da alles so um die Zwei- bis Dreitausender – ein hochgelegenes Kerbtal mit fünf Dörfern und ringsherum Zwei- bis Dreitausender! Ottos Cousine jedenfalls musste dann gestern wieder zur Bahn, und beim Umsteigen am Alex – ich bin ja nun wirklich nicht der Gunnar Schupelius des Internet-Blogs, aber wenn Sie im Rollstuhl sitzen oder mit dem Kinderwagen unterwegs sind: Katastrophe! Jedenfalls stehen wir da schon eine ganze Weile, und der Fahrstuhl fährt voll vorbei von oben nach unten – und dann wieder voll vorbei von unten nach oben. Und vor uns erst noch eine Reihe Mütter mit ihren Kindern, dann endlich stehen wir auf der Pole Position, sagt man das so? Um das mal abzukürzen, hier kommt jetzt ein gewisser Niko oder Nico ins Spiel. Beziehungsweise kommt er fluchend, einen leeren Puppenwagen vor sich her schiebend, mit einer Bierflasche in der Hand direkt auf uns zu geschlurft. Dann drängelt er sich zwischen uns und den Fahrstuhl. Ich bin nun wirklich nicht überheblich gegenüber Menschen, bei denen es im Moment vielleicht gerade nicht so gut läuft. Aus der Situation heraus jedoch verhielt ich mich eher undifferenziert – ich sagte : “Verpiss dich hier, du Idiot!” +++ Okay, die Geschichte wird sich noch etwas ziehen, vielleicht spulen wir schon mal ein paar Kapitel vor. Als wir nämlich die Nichte bzw. Cousine in den Zug zurück in die Berge gesetzt hatten, da sind Otto und ich wieder zum Alexanderplatz. Otto liebt den Fernsehturm, und aus meinem Küchenfenster sehen wir nur den oberen Teil der Antenne. Ich finde das trotzdem erstaunlich mit seinen gerade mal vierzehn Monaten: Er bringt diese Antennenspitze nämlich schon mit dem kompletten Fernsehturm in Zusammenhang, und das nicht erst seit gestern. +++ Lange Rede, kurzer Sinne: Am Alex steht ja zurzeit gerade der Weihnachtsmarkt, und ohne zu übertreiben darf man mich gern den Gunnar Schupelius der Weihnachtsmärkte nennen. Zumindest, was den am Alexanderplatz angeht. Jedenfalls steht da dieses große Kinderkarussell, und ich habe erst mit Otto ein paar Runden im Kinderwagen drumherum gedreht, dann sind wir in den DM-Markt. +++ Am Alex gibt es übrigens zwei DM-Märkte, und der eine hat – aber das wusste ich seinerzeit nicht und habe mich da einmal dumm und dämlich gesucht: der eine hat nämlich keine Babynahrungsabteilung, was eher merkwürdig ist für einen Drogeriemarkt, aber egal. Auf dem Rückweg jedenfalls blieben wir wieder am Karussell stehen – und diesmal kaufte ich uns beiden ein Ticket. Die Fahrkartenverkäuferin meinte, von null bis hundert – hier dürfe ein jeder mitfahren! +++ Wow, wir haben uns in eine Kutsche gesetzt, das war super: Um uns herum Pferde aus Holz, und während wir uns drehten, sahen wir die Kugel des Fernsehturms am Himmel oben vorbeiziehen und die Trambahnen über den Platz und den Fernverkehr hinten am Bahnhof und die ganzen bescheuerten Leute und alles! +++ Und jetzt aber geht die Geschichte wieder in ihre Niederungen: Weil die Begegnung mit Niko unten am Fahrstuhl nämlich nicht so schön gewesen ist – Niko hatte angefangen, mich wüst zu beschimpfen und meinen Kindern den Tod zu wünschen, was ich schon mal für einen ganz großen Fehler hielt. Die Security-Leute, die ihn mit Namen ansprachen, was ich übrigens sehr menschlich und nett fand, die haben sich dazwischengestellt und versucht, die Sache zu deeskalieren. Und als unser Fahrstuhl dann endlich kam, gerade noch rechtzeitig, da schrie die Frau unter den Security-Leuten plötzlich auf: “Mensch, Nico – was machst du denn da?!” Und Nico oder Niko stand ohne Quatsch neben dem nächsten Eisenstützträger mit heruntergelassenen Hosen und kackte im Stehen gemächlich einen matschigen Haufen, er hatte uns seinen Po zugedreht. Sicherlich deshalb hatte er sich beim Fahrstuhl vordrängeln wollen, das tat mir jetzt leid – Otto schlief. +++ Und nun kommt der (für Sie) lustige Teil der Geschichte: Um uns ein nochmaliges Aufeinandertreffen mit Nico zu ersparen, fuhren Otto und ich eine Station mit der S-Bahn bis Jannowitzbrücke und stiegen dort um. Auch von dort hat man einen sehr schönen Blick auf den Fernsehturm, und ich liebe die alten Fotos unten in der U-Bahnstation. +++ Bevor es gleich aber lustig werden kann, kommt erstmal kurz noch eine recht finstere Episode – wer da etwas zarter besaitet ist, der möge noch einmal vorspulen: Als wir unten aus dem Fahrstuhl stiegen, fiel mir im Augenwinkel etwas in einer Nische auf, das konnte ich erst nicht so recht einordnen. Man ist ja nun schon etwas hartgesottener geworden in all den Jahren hier unterwegs. Otto zum Beispiel haut so schnell nichts um, aber er guckte eh irgendwo anders hin. Und als ich genauer hinsah, und das musste ich ehrlich gesagt mehrmals tun. Da saß nämlich einer im Rollstuhl, dem fehlten ein oder zwei Beine. Und oben herum konnte ich nicht so recht erkennen, was das genau war, was ich da sah. Mit einer Spritze stocherte er in seinem Arm herum, bloß konnte man den Arm nicht mehr als Arm identifizieren. Da fehlte in etwa ein ganzes Pfund Fleisch, alles war offen und blutig, wie nach einem Bombenattentat. Man sah den komplett nackten Knochen. Und da bohrte er jetzt mit der Spritze drin rum auf der Suche nach einem Einstichloch, oder wie man das nennt. +++ Und dennoch wird es (für Sie) jetzt recht lustig: Mit der Frage nämlich, ob Heroin wirklich so geil ist, dass man da alles super findet und erste Sahne gut drauf ist und denkt, was für ein schöner Tag  – obwohl man unten irgendwo in der U-Bahn lebt und aussieht wie ein schlecht bezahlter Komparse aus einem Horrorfilm mit ein oder zwei fehlenden Beinen und einem Arm, der einem bei lebendigem Leibe wegfault. Mit diesen Gedanken im Kopf also stieg ich in die U8, und man muss dazusagen, es war einer der neuen Züge, die haben wohl anscheinend ein anderes Beschleunigungsverhalten als die Wagen der alten Baureihe, das war mir vorher nie aufgefallen. Ferner sollte ich noch erwähnen, dass Otto von seiner Cousine zu Weihnachten schon vorab einen sportlichen Kinderwagen geschenkt bekommen hat, der rollt wesentlich leichter als unser alter verbogener. Das alles sollte man wissen. Ich stieg also ein auf den letzten Drücker und zog aus Bequemlichkeit die Bremse am Kinderwagen nicht an. Dann wollte ich gerade sanft in die Hocke gehen, mit Otto das Kinderkarussell noch einmal Revue passieren zu lassen. Und genau in diesem Moment zog die Bahn an. Ich verlor die Balance, versuchte, mich am Kinderwagen festzuhalten – doch der ist echt leichtgängig und machte sich selbstständig! Ich also kippte in Zeitlupe nun rückwärts der Länge nach in den Gang und blieb auf dem Rücken liegen. Ich dachte, wie peinlich, und wollte schnell wieder aufstehen. Da aber hatten mich vom Feeling her schon drei Männer von hinten gepackt und wollten mir aufhelfen. Aufgeregt schrie einer: “Kommen Sie, setzen Sie sich hin!” Ich kam mir vor wie ein alter Zausel, der einfach mal kurz in der U-Bahn umfällt. Ich wollte mich aufstützen, die Situation irgendwie retten. Ruderte mit den Händen aber in der Luft, die hielten mich ja in ihrem elenden Polizeigriff. Ich fluchte: “Jetzt lassen Sie mich endlich los!” Dann stand ich auf und versteckte mich voller Scham hinter Otto. +++ Ob die weiße Altersmatte für Hundertjährige wirklich so frisch und kreativ rüberkommt, wie es mir bisher immer vorkam – ich muss da mal drüber nachdenken.

 

Überschrift inspired by: Fantastic Day © Haircut One Hundred, 1982

Überschrift also inspired by: Die Verwandlung (Erzählung) © Franz Kafka, 1912

Bildunterschrift inspired by: The Dark Side of the Moon © Pink Floyd, 1973

Lyrics: Silver Moon © David Sylian, 1986

Gunnar Schupelius (* 1963 in Berlin-Wilmersdorf), Kolumnist der BZ

Mein Kind schlägt mich / Herbstfotografien mit dem Dieter Nuhr der Fotografie.

Selbstporträt am Fenster © Kai von Kröcher, 2019

Sonne über dem Landwehrkanal © Kai von Kröcher, 2019

Landwehrkanal im Herbst © Kai von Kröcher, 2019

Böcklerpark neulich im Regen © Kai von Kröcher, 2019

 

Found my name in the graveyard, says you’ve looked insane. +++ Mein Rechtschreibprogramm kennt Dieter Nuhr nicht. +++ Puh, gestern Abend lief erst so ein Fernsehdrama um Kindesmisshandlung im ZDF, anschließend eine Reportage dazu. Einigermaßen deprimiert saß ich im Sessel und war wenigstens froh, dass es bei uns zu Haus genau andersrum läuft: Otto nämlich neigt zu häuslicher Gewalt gegen seine Eltern, spontan schiebt er mir manchmal den gestreckten Finger durch eines der Nasenlöcher bis hoch ins Gehirn – schreie ich auf, halb wahnsinnig vor Schmerz, überschüttet er mich auch schon mit einem sadistischen Lachen. +++ Heute endlich mal wieder Herbstfotos – wenn ich also der Anton Bruckner der Fotografie bin, jetzt habe ich wieder den Faden verloren. Wenn Dieter Nuhr der Friedrich Merz des Kabaretts ist, dann wäre ich im Gegenzug gern der Dieter Nuhr der Fotografie. Leider komme ich da etwas zu spät: Der Dieter Nuhr nämlich ist selbst schon der Dieter Nuhr der Fotografie – seine Bilder hängen zum Beispiel in einer Gladbacher Bank. +++ Jedenfalls steht Otto eher auf knorrige Musik: Als wir gestern vom herbstlichen Nachmittagsspaziergang zurückkamen, befahl er am Küchentisch wieder sofort, dass ich das Radio anstelle, er ist da sehr streng. Streng – aber mit Herz! Es lief gerade ein Song, wo ich erst dachte, das sei vielleicht eine verzerrtere Ausgabe der Frau von Lance Armstrong. +++ Das war das einzige Mal übrigens in dem Jahr damals, dass ich mir leidenschaftlich immer die Tour de France angesehen habe. Ich hasse das eigentlich, nachmittags vorm Fernseher zu sitzen und mir irgendeinen Sportmist anzugucken, aber dieses legendäre Duell mit Jan “Ulle” Ullrich gegen Lance Armstrong – wo Lance Armstrong irgendwo bei so ‘ner Bergetappe kurz vor Schluß bei irgendeinem Idioten am Straßenrand mit dem Lenker in der Einkaufstasche hängen bleibt und sich voll auf die Klappe legt mit blutenden Knien. Und Ulle, der alte Drogist, der bis dahin geführt hat – Ulle hält an und wartet auf Armstrong, und Armstrong streckt ihm humorlos die Zunge raus und zieht schnurstracks an ihm vorbei und gewinnt die Tour zum einundachtzigsten Mal. +++ Im Radio jedenfalls, da musste ich nachsehen: Das war der Song einer jungen Frau namens Pip Blom, Otto geriet förmlich außer Rand und Band – The Shed hieß der, der ist wirklich nicht schlecht…

 

Überschrift inspired by: Stumme Schreie (Fernsehdrama) © Johannes Fabrick (Regie)/ZDF, D 2019

Überschrift also inspired by: Dieter Nuhr (*1960 in Wesel), Kabarettist und Komiker

Lyrics: The Shed © Pip Blom, 2018

Anton Bruckner (*1824 in Ansfelden/Oberösterreich; † 1896 in Wien), österreichischer Komponist der Romantik

Friedrich Merz (*1955 in Brilon), dt Lobbyist

Lance Armstrong (*1971 in Plano/Texas), Ehemann von Sheryl Crow

Jan Ullrich (*1973 in Rostock), dt. Radrennfahrer

No, you won’t fool the Children of the Revolution / Kleinkind for Future.

Der kleine Held © Kai von Kröcher, 2019

 

Autuum’s here and the time is right for fighting in the street, boy. +++ BREAKING NEWS! +++ Nun denn, aus gegebenem Anlass heute jedenfalls wird der (oder das) Blog hier bestreikt – unser feiner Herr links-grün versiffter Sohn (Foto, oben) entführt die Eltern gegen Mittag zur weltweiten Klimademo, irgendwo ganz bestimmt auch in Ihrer Nähe…

 

Überschrift inspired by: Children of the Revolution © T. Rex, 1972

Überschrift also inspired by: Fridays for Future © Greta Thunberg, 2018

Lyrics inspired by: Street Fighting Man © The Rolling Stones, 1968

Klimastreik | Berlin | Brandenburger Tor | 12:00 Uhr

Klimastreik | Braunschweig | Schlossplatz | 10:00 Uhr

Klimastreik | Hamburg | Jungfernstieg | 12:00 Uhr

Klimastreik | weltweit…

An der Horst / Aliens unmasked.

Aliens incognito, Berlin-Hauptbahnhof © Kai von Kröcher, 2019

Aliens unmasked, Berlin-Hauptbahnhof © Kai von Kröcher, 2019

 

Ich verpulver’s tags, du verbrennst es nachts – so wird’s gemacht. +++ Heute morgen gab es unten vorm Fenster ein schönes Gezänk: Ein Vogel, vom Feeling her ein Kaventsmann von einem Bussard, der hatte sich gerade auf den Sturzflug hinunter zum Gehweg unter den Bäumen am Ufer gemacht. +++ Immer diese elenden Bandwurmsätze. +++ So ein Bussard jedenfalls, das wusste ich nicht. Der macht in Aktion nämlich ähnliche Klappergeräusche wie Flipper, der kluge Delfin. +++ Heute früh träumte ich, Otto habe die Bundeskanzlerin Angelika Merkel interviewt, das fand ich im Schlaf recht erstaunlich. In Expertenkreisen lobte man die sehr menschliche Gesprächsführung – ich dagegen staunte eher darüber, dass er schon Wörter wie “Seiteneingang” kannte – mit seinen gerade einmal knapp über elf Monaten… +++ In letzter Zeit muss ich häufig an meinen Zivildienstfreund beim Arbeiter-Samariter-Bund denken, an Kulle: Wir nannten uns gegenseitig “Kulle”, das fanden wir überlegen. Er jedenfalls, Kulle, der fuhr nebenbei auch noch Taxi, und da gab er gern die Geschichte von An der Horst zum Besten. An der Horst nämlich war eine Straße am finsteren Stadtrand von Braunschweig, da gab es eine Mau-Mau-Siedlung. Mit seinem Taxi hatte er da ab und zu eine Fuhre hin gehabt. Jetzt erzählte er oft die Geschichte, er musste da mal einen in der Bude abholen. Oder auch reinbringen, das ist ja am Ende auch erstmal egal. +++ Jedenfalls war das im Winter – damals in Braunschweig waren die Winter noch kalt, sehr kalt. Und irgendwie habe ich mir innerlich immer an den Kopf gefasst, wenn ich das hörte, so behämmert konnte doch echt keiner sein: Während dieser langen Winter in Braunschweig nämlich, so erzählte mein Kumpel Kulle. Da hatten die in ihrer Wohnung immer noch so ‘nen Bollerofen, und da haben die ohne Quatsch ihre sämtlichen Türen verheizt – selbst die zum Treppenhaus. +++ Und jetzt also der Amazonas, okay. +++ Der Bussard, ich war mir später dann nicht sicher und musste den googeln: Könnte gut auch ein Habicht gewesen sein oder ein Falke. Der jedenfalls stürzte sich flippernd auf irgendwas, das ich unter den Bäumen nicht wirklich erkennen konnte. In dem Moment fingen sechs oder mehr Krähen einen Sturm im Wasserglas an – ein irres Getöse, da drehten sogar ein paar Radfahrer um und zeigten mit Fingern und gafften. Die Krähen griffen den Bussard an, so viel war zu sehen. Der aber blieb locker und irgendwann hob er ab und flog mit seinem geschlagenen Beutetier, einer schwarzgrauen Krähe, davon. +++ “Mau-Mau-Siedlung wurden in Teilbereichen der Bundesrepublik Deutschland ab Anfang der 1950er bis in die 1970er Jahre hinein soziale Elendssiedlungen genannt, die am Rand kriegszerstörter deutscher Städte, häufig auch aus Trümmersteinen, oder als Baracken errichtet worden waren. Der Begriff ‘Mau-Mau-Siedlung’ wurde im Rheinland, dem Ruhrgebiet, Bergischen Land, Braunschweig, Hamburg, Ingolstadt, München und Berlin gesichert verwendet. Bewohnt wurden diese zu großen Anteilen von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie Ausgebombten, die der Arbeiterklasse entstammten.” (Wikipedia)

 

Überschrift inspired by/Lyrics: Wir zwei © The Horst, 2015

Überschrift also inspired by: Aliens unmasked © Kai von Kröcher, 2019

Flipper: amerikanische Fernsehserie um einen klugen Delfin © NBC, USA 1964 –1967

Jair Bolsonaro (*21.3.1955 in Glicério/Bundesstaat SãoPaulo), brasilianischer Staatspräsident

Amazona © Roxy Music, 1973

Ghost in the Machine / Little Man, What Now.

Kinderwagen Walks (Marzahn-Springpfuhl) © Kai von Kröcher, 2019

 

Ach, auch Kinder gehen vorbei, sie gehören uns nur eine kurze Zeit – sechs Jahre? Zehn Jahre? Alles ist Alleinsein. +++ “Der Künstler formally not known kratzt an Oberflächen, kämpft gegen Verhaltensmuster.” +++ Das Foto entstand am Weltfrauentag neulich, da zeigte ich Otto kurz mal Marzahn. +++ Die Überschrift allerdings hat damit gar nichts zu tun, die gehörte zu einem Posts, den ich am Ende dann gar nicht geschrieben hab – keine Ahnung, worum es da gehen sollte.

Überschrift inspired by: Ghost in the Machine © The Police, 1981

Überschrift also inspired by/Textauszug: Kleiner Mann, was nun? (Gesellschaftsroman) © Hans Fallada, 1932

Jet Airliner / Schön hausen.

SCHÖNHAUSER ALLEE / EBERSWALDER © KAI VON KRÖCHER, 2018

Der Bahnhof war voll von Menschen und die lächelten auf Tafeln. Bekamen ihre Züge, um dann auf reservierten Plätzen einzuschlafen. +++ Vielleicht mache ich jetzt einen großen Fehler, leider kann ich nicht offen sprechen. +++ Ich hatte “einfach mal wieder Bock”, ein Kunstwerk zu posten: die Schönhauser Allee am 15. November, da war Otto auf den Tag zwei Monate alt. Otto hieß ja auch ein wunderbarer Song der Band Man Behind Tree, das erwähnte ich schon. +++ Aber Themenwechsel, ich hatte irgendetwas so von wegen Christian Kohlund schreiben wollen, aber bloß was? Ich hatte den immer affig gefunden, er spielte in Urlaubsparadiesfilmen und – natürlich! – damals der Schwarzwaldklinik. Er verstellt immer seine Stimme, damit die Miezen voll auf ihn abfahren. Im Geheimen mache ich das manchmal nach, so eine brummelige, tiefe Stimme: “Hallo, brummel, brummel, ich bin der Christian Kohlund”, und dann muss ich jedesmal drüber lachen. Und jetzt neulich stand ich bei Kaiser’s Rewe am Kottbusser Tor, naja, ist schon eine Weile her. Jedenfalls stehe ich da so, und ich sehe mich unmotiviert um. Und dann steht da einer, und ich denke, der da sieht voll aus wie Christian Kohlund, der steht für den T-400 an, den störanfälligen Flaschenautomaten. +++ Haha, Sie wissen, was kommt! +++ Das Bild heute, da hatte ich mir ein BVG-Tagesticket gekauft, und nach drei Stunden war ich müde und wollte wieder nach Hause. Doch vorher machte ich noch ein Foto auf dem U-Bahnhof Schönhauser Allee – und dann noch eines auf dem U-Bahnhof Eberswalder, formally known as Dimitroffstraße. +++ Naja, natürlich war das mein eigenes Spiegelbild, da bei Kaiser’s, wo der Typ aussah wie Christian Kohlund. Und das Witzige: kurze Zeit später sehe ich im Fernsehen eine Schmonzette gesellschaftskritische Miniatur mit ebendiesem – ich glaube, er spielte darin einen Anwalt, der in einem riesigen amerikanischen Streamliner-Wohnwagen wohnt und natürlich astrein kocht – und die Miezen sind ihm selbstverständlich verfallen, sobald sie die Hütte betreten, keine Ahnung. +++ Ich kann Männer nicht leiden, die kochen können, außer meine Freunde. +++ “Airstream” heißen die Wagen, das habe ich gerade gegoogelt mit Ecosia – shining like a National Guitar. Auf jeden Fall fand ich Christian Kohlund in diesem Fernsehfilm auf einmal sympathisch und unwiderstehlich und hätte gerne mit ihm zu Abend gegessen. +++ Aber eigentlich hatte ich etwas ganz anderes erzählen wollen, nämlich, wie wir neulich mit Otto und meiner Nichte aus München den Bergen um die Ecke im Restaurant waren – und dass mir das Herz davon warm wird, sobald ich nur daran denke. +++ Und dass ich den Laden gerne promoten würde, weil das Essen so gut und doch fast nix los war. +++ Scheiße, gerade habe ich angeblich die 1-millionste Google-Suche getätigt und einen Amazon–Gutschein in Höhe von 500 € gewonnen: Wahrscheinlich hauen sie mich da wieder mal irgendwie übers Ohr, aber es juckt mir trotzdem verdammt in den Fingern! +++ 500 Ocken, alter Verwalter!!! +++ Dabei google ich doch gar nicht, sondern pflanze Bäume mit Ecosia, ich alter Gutmensch!

Überschrift inspired by: Jet Airliner © Steve Miller Band, 1977 (Cover)

Schön hausen (Roman) © Peter Brasch/Eulenspiegel Verlag, 1999 

Lyrics: Aliens © Die Höchste Eisenbahn, 2013

Otto © Man Behind Tree, 2015

Christian Kohlund (* 1950 in Basel), Schweizer Schauspieler

Die Schwarzwaldklinik (Fernsehserie mit Klaus-Jürgen Wussow, Gaby Dohm, Sascha Hehn, Eva Maria Bauer u.v.a.) © ZDF, D 1985 bis 1989

Graceland © Paul Simon, 1986

17 Seconds / The Man with the Child in his Eyes.

PALAST DER REPUBLIK / POTSDAMER ECKE KURFÜRSTENSTRAßE © KAI VON KRÖCHER, 2008/2006

‘Elliott, das Schmunzelmonster’, wir singen ‘Elliott, das Schmunzelmonster’ / ‘Elliott, das Schmunzelmonster’, wir singen ‘Elliott, das Schmunzelmonster’! (… nach der Melodie von Es gibt nur 1 Rudi Völler beziehungsweise Guantanamera) +++ Etwas vermessen hier die Ambition mit dem Vater-Blog; die meisten meiner Freunde und Bekannten haben längst schon ein bis drei oder mehr Kinder, manche davon (Kinder/d.Red.) sind mittlerweile fast dreißig. +++ Otto ist, Sie ahnen es schon: Otto ist jetzt auch aus dem Gröbsten raus, da machen wir sprichwörtlich drei Kreuze. Er zieht sich sogar schon die Hosen selbst an, naja, noch nicht ganz. Aber durchschaut hat er längst, worum es beim Windelwechseln geht – und hilft bereits eifrig mit. Allerdings, und da will ich ganz ehrlich sein. Nach den ersten Fortschritten beim Sprechen, und da sind wir schon sehr enttäuscht. Das lassen wir Otto auch deutlich spüren, sonst hat er es im späteren Leben mal schwer: die Aussprache ist immer noch undeutlich – ehrlich gesagt, versteht man kein Wort. +++ Immerhin hatten wir schon etwas geliebäugelt mit einem ersten Vorstellungsgespräch bei einer der internationalen Fondsbanken: “Otto”, hatte ich ihm eindringlich geraten: “das wahre Geld liegt im spekulativen Geschäft!” +++ Die beiden Fotos jedenfalls (oben), die hatte ich fast im Affekt kombiniert: ‘Irgendwie passen sie gut’, dachte ich so. Und irgendwie nicht. +++ Kindheit ist eine verlorene Zeit, ich sagte es neulich schon. +++ Letzten Samstag, ich hängte mantra-mäßig die Wäsche auf. Da schoss mir ein Satz durch den Kopf, ich dachte, das sei vielleicht eine witzige Frage für den oder das Blog: “Was macht eigentlich Neneh Cherry?” +++ Okay. +++ Die beiden Fotos jedenfalls, die gehören zusammen wie die blau-weiße Hertha und der FC Union. Und wissen Sie was: das verbindende Element, der Missing Link ist das Fahrrad. +++ Mal ganz ohne Quatsch, und das meine ich wirklich ernst: Vor kurzem fing Otto zu lächeln an – erst noch ein bisschen unsicher, jetzt schon ganz souverän. Manchmal sogar erinnert es mich ein bisschen an das Schmunzeln von Elvis Presley, dem Sänger. In den ersten Wochen nach der Geburt nämlich, und da erzähle ich natürlich nichts Neues. Da schreit ein Baby, wenn es was braucht. Und wenn es nichts braucht, schläft es. Das ist halt schon von der Natur her so eingerichtet; für einen als Helikopterelternteil fühlt sich das immer ein bisschen undankbar an. Vom Feeling her kommt man sich vor wie ein Dienstleister: Kein ‘Bitte’, kein ‘Danke’ – nur vorwurfsvolles Geschrei, wenn etwas nicht passt. Und nun kommt’s: Wenn einem der kleine Otto jetzt ein bedingungslos offenes Lächeln schenkt, das bringt Eisen zum Schmelzen, das sage ich Ihnen!!! +++ Ich hängte Samstag am Vormittag also die Wäsche auf. +++ Die Geschichte langweilt Sie jetzt schon zu Tode, Sie fragen sich: ‘Wie geht es weiter mit Otto? Wird er später einmal in Aktionärsversammlungen sitzen, sie vielleicht sogar leiten?’ +++ Ich hängte also die Wäsche auf. Ich dachte, ich poste im Blog mal die Frage, was Neneh Cherry heute so macht. Das stellte ich mir sehr lustig vor, ich hatte seit Jahren nicht mehr an Neneh Cherry gedacht. Nebenbei lief bei radioeins die Wissenschaftsendung mit dem Karko W. Sky, da kam später ein Song, den fand ich ganz interessant: ‘Trip Hop vielleicht’, dachte ich so. Gesang eine Mischung aus der Band Paula und dem Man With the Child in His Eyes von Kate Bush. +++ Kong war das, ein brandneuer Song von Neneh Cherry, Sie ahnten es schon: Duplizität der Ereignisse! +++ Etwas noch viel Erschreckenderes passierte mir am Sonntag mit dem Ort Paradise in Kalifornien, doch darüber möchte ich schweigen.

Überschrift inspired by: Seventeen Seconds © The Cure, 1980

Überschrift also inspired by: The Man With the Child In His Eyes © Kate Bush, 1978

Lyrics: Pete’s Dragon (dt.: Elliott, das Schmunzelmonster) © Don Caffey (Regie), USA 1977

Rudi Völler, dt. Fußballer, Trainer und Manager (*1960 in Hanau)

7 Seconds © Youssou N’Dour/Neneh Cherry, 1994

Kong © Neneh Cherry, 2018

1987 © Paula, 2014

Otto (*15.9.2018, Berlin, Urban-Krankenhaus)

The Fall / Paris au Printemps.

JÜDISCHES MUSEUM © KAI VON KRÖCHER, 2018

FRANZ-KÜNSTLER-STRAßE © KAI VON KRÖCHER, 2018

TAZ-REDAKTION, RUDI-DUTSCHKE-STRAßE © KAI VON KRÖCHER, 2018

TAZ-DACHGARTEN, RUDI-DUTSCHKE-STRAßE © KAI VON KRÖCHER, 2018

DUTSCHKE- ECKE CHARLOTTEN © KAI VON KRÖCHER, 2018

… and now there’s someone to protect, someone you cannot reject. +++ Eigentlich hatte ich die ganze Zeit schon schreiben wollen, ich alter Witzbold, wir ziehen Otto streng nach der nationalsozialistischen Erziehungsverordnung von ’36 auf: Wenig Körperkontakt, lange schreien und allein schlafen lassen – und so weiter und so fort. Das steht da anscheinend tatsächlich so drin, aber – na klar! – die nationalsozialistischen Leitlinien von ’36 gelten ja heutzutage nicht mehr. +++ Die Bilder heute, die sind vom Spaziergang am Sonntagnachmittag – mit der Gewordenen (und taz-Redakteurin im Ruhe-Modus) auf dem Weg in die taz-Redaktion: der letzte Tag vor dem Umzug ins neue Gebäude. +++ Kinderwagen Walks-Fotografien sozusagen, ich find sie nicht schlecht. +++ Beim Jüdischen Museum, den Fotos (oben), da dachte ich eben: “Schön, dass heute, am Jahrestag der Reichskristallnacht vor 80 Jahren, wieder grölende Speckhirne in unseren Straßen aufmarschieren”, dieselben Stiefel, derselbe Hass – sozusagen als Mahnung! +++ Seit anderthalb Wochen übrigens besitzt Otto eine eigene Steuer-ID. “Otto”, sage ich: “Otto, am besten steigst du direkt bei diesem Cum-Ex-Dingens ein, oder wie das heißt, da kriegst du die Steuer zurück!” +++ Haha, war wieder lustig…

Überschrift almost inspired by: Hit the North © The Fall, 1987

Überschrift also inspired by: Paris au Printemps © P.I.L., 1981

Lyrics: Rocket Brothers © Kashmir, 2003

9. November 1918: Ausrufung der Republik

9. November 1938: “Deutsche wehrt euch – kauft nicht bei Juden!”

9. November 1989: The Fall of the Berlin Wall

Ha!-Ha!-Ha! © Ultravox, 1977

Miles & more / Slaughter on 10th Avenue.

URBANKRANKENHAUS © KAI VON KRÖCHER, 2018

Mögen hätten wir schon wollen, aber trauen haben wir uns nicht dürfen. +++ Leben heißt Veränderung – getreu dem alten Slogan der Immobiliengentrifizierungsbranche heute mal etwas ganz Raffiniertes: das Urbankrankenhaus, neu interpretiert! +++ Naja. +++ Ist einem im Prinzip auch gar nicht so richtig bewusst: Karl Valentin, wenn ich’s recht in Erinnerung habe. Brüstet man sich auch nicht so mit. Karl Valentin jedenfalls, berühmter Sohn der Stadt München – nach dem Krieg irgendwie in Vergessenheit geraten und dann elendig verrecken lassen worden. +++ Könnte man googeln mit Ecosia: das sind die, die für soundsoviele Suchanfragen jeweils neu irgendwo einen Baum pflanzen. Andere holzen Bäume ja lieber ab, aber Schwamm drüber. Ecosia hat angeblich schon über eine Million neuer Bäume gepflanzt. +++ Find ich nicht schlecht, ehrlich gesagt – ich würde mir zwar lieber noch einen zweiten SUV kaufen, aber Bäumepflanzen ist auch gut. +++ Haben Sie auch den Verdacht, mir fällt heute nichts ein? Wir haben hier eine Haushaltshilfe für die ersten Wochen – zahlt alles der Staat, die blöde Sau. Die Haushaltshilfe geht jedenfalls einkaufen, kocht und macht sauber. Und nebenbei unterhält sie sich gerne mit einem. Und ich himself als alter Eigenbrötler schau dann nervös auf meine Akkuanzeige, weil ich das Ladegerät nicht dabei habe. Jedenfalls lenkt das ein bisschen ab, aber Leben heißt schließlich Veränderung – und nun hab’ ich vergessen, was ich im Innersten eigentlich sagen wollte. +++ Zum Glück fällt es mir gerade doch noch ein – in sprichwörtlich letzter Minute: Der große Moment ist gekommen, und Laura Guidi hat ihr Album fertiggestellt – viele Flugmeilen irgendwo zwischen Berlin und London sind dafür verbraucht worden: The Point – morgen Abend im Monster Ronson’s ist Record Release. Halb neun geht es los. Otto sagt, der Papa hat Ausgang! Ich freue mich schon…

 

Slaughter On 10th Avenue © Mick Ronson, 1974

Lyrics: Mögen hätten wir schon wollen © Karl Valentin, (?)

The Point © Laura Guidi, 2018

Monster Ronson’s | Warschauer Straße 34 | Berlin-Friedrichshain

Dream it, don’t be it / The Art of Pretending to Swim.

A ROOM WITH A VIEW © Kai von Kröcher, 2018

Kann nichts sagen, Angst / Deutschland total kaputt / Kindheit: Vatter Pils, Mutter Putzen. +++ Oder so, keine Ahnung. +++ Das Bild heute – weil, ich habe mir ja vorgenommen, hier keine Babyfotos mehr posten zu wollen. +++ “Mögen hätten wir schon wollen, aber trauen haben wir uns nicht dürfen”: in den 70ern hing das als Poster aus dem Musäum in München in meinem Zimmer. +++ Wie auch immer – jedenfalls ist das heute hier endlich mal wieder ein Blick aus dem Urbankrankenhaus, Geburtenabteilung: Ottos Zimmer, damals vor einer Woche. +++ Mähr wollte ich gar nicht sagen.

 

Überschrift in diesem Fall inspiriert durch: Rose Tint My World © Richard O’Brien/Rocky Horror, 1974

Überschrift außerdem inspiriert durch: The Art of Pretending to Swim © Villagers, 2018

Bildunterschrift: A Room With a View © James Ivory (Regie), UK 1985

Lyrics: Grönemeyer kann nicht tanzen © Wiglaf Droste & Bela B., 1989

Mögen hätten wir schon wollen, aber trauen haben wir uns nicht dürfen © Karl Valentin

Valentin-Karlstadt-Musäum | Im Tal 50 | 80331 München