Go for it, Baby / Eine rundum burleske und sympathische Geschichte.

Fiktives Vinyl: Hotel 3 Jahreszeiten – Mit dir ist alles nicht schön © Kai von Kröcher, 2022

 

Well, David, what shall I do? They wait for me in the hallway. +++ Irgendwann im Jahre ’84 ungefähr hatten wir uns bei meinem Kumpel, dem Russen, getroffen. Die Eltern lebten am Stadtrand und hatten einen Videorekorder. Wir grillten im Garten, verschiedene Leute diverser Geschlechter. Zum Einbruch der Dämmerung wollten wir einen Film gucken, irgendwas Spitzenmäßiges. Wie wir in der Videothek allerdings feststellten, gab es dabei ein Problem: Der Videorekorder der Eltern war kein landläufiger VHS, sondern – das traf uns vollkommen unvorbereitet – ein fucking Beta. Für Beta gab es fast keine Filme. So stießen wir schließlich auf einen Streifen mit dem, wie sagt man das halbwegs treffend, spießig-frivolen Titel Zur Sache, Schätzchen. In unseren Ohren klang das wie, da will ich offen sein, Unterm Dirndl wird gejodelt. +++ Erinnern Sie sich an den Song Postcard der Braunschweiger Band Blue Bamboo? Die spielten ja seinerzeit etwa auf Augenhöhe. Das Stück kam mir gerade in den Sinn, ich habe es damals geliebt. Wäre vielleicht eine Art Soundtrack zu meiner Postkartenserie. Hat das von Ihnen noch zufällig jemand auf Kassette? Mal für die Rubrik Bermudadreieck auf radioeins vorschlagen, muss man früh aufstehen. +++ Okay, wir haben den Film dann also mit dem Plan mitgenommen, uns intellektuell darüber zu erheben und lustig zu machen. Wie man halt damals so drauf war, ich sage nur: Uschi Glas! +++ Um die Sache hier abzukürzen, stand ich neulich auf dem Rückweg von meiner Streaming-Bücherei in der U-Bahn am Halleschen Toooooor. Ich wollte jetzt doch endlich mal wissen, ob der Typ in Zur Sache, Schätzchen tatsächlich „der schlaffe Harry“ hieß oder nicht. Und was das für ein Pullover war, den der immer anhatte. Der so dermaßen kratzte, dass er kurz seinen Kopf anhebt – dann aber sofort wieder so schlapp wird, dass er in sich zusammensinkt. +++ Okay. +++ Im Augenwinkel fiel mein Blick auf den Bildschirm – Berliner Fenster nennt sich das offiziell, eine Art Kurzmeldungs- und Werbeplattform. Jedenfalls, ich dachte, ich fasse es nicht. Wissen Sie, welches Buch sie in diesem Moment da gerade „besprachen“, das Cover erinnerte auf den ersten Blick an Emil und die Detektive von Erich Kästner? Der Roman hieß ganz ohne Quatsch Hotel 3 Jahreszeiten von – da müsste ich kurz mal googeln: Hotel Drei Jahreszeiten von Stefan Gärtner im Droschl-Verlag. Dreht sich anscheinend um eine Buchhändlerin und spielt in Hannover. +++ Um nochmal darauf zurückzukommen: Zur Sache, Schätzchen hat uns damals alle vom Hocker gehauen, intellektuell haben wir aus der Wäsche geschaut – Top 10 der irgendwie größten unerwarteten Überraschungen unseres noch jungen Lebens!

 

 

Überschrift inspired by: Go for it, Baby – englischer Titel von Zur Sache, Schätzchen für den US-amerikanischen Markt

Überschrift also inspired by: „Eine rundum burleske und sympathische Geschichte“ (Evangelischer Filmbeobachter über Zur Sache, Schätzchen)

Lyrics: Teenage Wildlife © David Bowie, 1980

Zur Sache, Schätzchen (Komödie mit Werner Enke, Uschi Glas, Henry van Lyck u.a.) © May Spils (Regie), D 1968

Unterm Dirndl wird gejodelt (Softsexfilmkomödie mit Konstantin Wecker u.a.) © Alois Brummer (Drehbuch, Regie), D 1973

Postcard © Blue Bamboo, ca. 1985

Bermudadreieck | radioeins | FM 95,8 MHz (Berlin und Potsdam) | montags bis freitags | 05:40 Uhr

Hotel Drei Jahreszeiten (Roman) © Stefan Gärtner/Droschl-Verlag, 2026

Emil und die Detektive (Kinderroman mit dem Umschlagillustration von Walter Trier) © Erich Kästner, 1929

Come As You Are / Zur Sache, Ceaușescu.

Fiktive Postkarten: Digger, gib Handy! (S-Bhf. Wilhelmsruh) © Kai von Kröcher, 2026 (Rohdatei)

Fiktive Postkarten: Digger, gib Handy! (S-Bhf. Wilhelmsruh) © Kai von Kröcher, 2026 (Photoshop)

 

Earth below us, drifting, falling, floating weightless. +++ Am mittleren Vormittag bestieg ich, den Fotoapparat geschultert und Reiseziel vage Norden, den sagenumwobenen M41er Bus. Mir gegenüber saßen zwei kleine Kinder in voller Nationalmannschaftsmontur. Das Mädchen trug eine Brille. Und ein Heimtrikot mit Rückennummer. ‚Musiala wahrscheinlich‘, dachte ich so im Stillen und wartete, bis sie sich kurz einmal umdrehte. Moby hat, glaube ich, auch mal ein Album gemacht, auf dem die Zahl 19 prangte, Musiala hat die zehn. Um es nicht so spannend zu machen – das Mädchen trug das Trikot von Leroy Sané. Leroy Sané hatte ich von Anfang an irgendwie immer scheiße gefunden, pomadiger Lackaffe. Vom Mob wird er noch immer gelyncht. Hass ist kein gutes Ding: Seit ich dieses Mädchen heute gesehen hab, in ihrer reinen Fußballunschuld. Seither drücke ich Sané beide Daumen. Möge er in diesem Jahr die WM seines Lebens zu spielen! +++ Ich bin schon ein fairer Typ. +++ Teile der Überschrift beunruhigen Sie hoffentlich nicht – die Hintergrundstory dazu werde ich hier in einem Post der Zukunft nachliefern, das ist jetzt nicht wichtig. +++ Okay, ich war dann tatsächlich im Norden, da herrschte mitleidsloses Aprilwetter. Für die Fotos gar nicht so schlecht. Und als ich später zurück in der S-Bahn saß und meine Ausbeute im Schnelldurchlauf auf dem Kameramonitor durch-äh-laufen ließ, hatte ich eine Idee: Die Bilder sahen auch ohne Photoshop richtig gut aus. Ein Gefühl der Befreiung stellte sich ein. Diese ganze nervige Bildbearbeitung, das hatte doch mit Fotografie nichts mehr zu tun. Ich würde mir wahnsinnig viel Arbeit ersparen – und nebenbei noch ein erfolgreicher Nachwuchskünstler sein! +++ Von der WM habe ich mir bisher nur unmotiviert Schweiz gegen Katar gestern angesehen. Und obwohl ich alles, was mir mit Katar zusammenzuhängen scheint, als Lebensentwurf ablehne, hatte ich sofort meinen ersten Helden der Fifa-WM 2026 gefunden: den Torwart der katarischen Manschaft – auch wenn ich nicht weiß, wie der heißt. +++ Von Moby gibt es übrigens kein Album mit dem Namen 19, das war Adele! +++ Traut sich der Potus heute zu Deutschland gegen Curaçao? Die haben ja ohne Quatsch nur 148.000 Einwohner, das ist ein Stück kleiner als Braunschweig. Ich wünsche Curaçao ein gutes Spiel und drücke Leroy Sané fest die Daumen. +++ Let Love rule! +++ Aber so richtig geil sehen die Postkarten ohne Bearbeitung (oben) jetzt auch wieder nicht aus …

 

 

Überschrift inspired by: Come As You Are © Nirvana, 1991

Überschrift also inspired by: Zur Sache, Schätzchen (Filmkomödie mit Werner Enke, Uschi Glas u.a.) © May Spils (Regie), D 1968

Überschrift also inspired by: Nicolae Ceaușescu (* 26. Janua 1918 in Scornicești, Königreich Rumänien; † 25. Dezember 1989 in Târgo- bzw. Tirgoviște, SR Rumänien), neostalinistischer Diktator der Sozialistischen Republik Rumänien

Lyrics: Major Tom (Coming Home) © Peter Schilling, 1983 (engl. Version)

18 © Moby, 2002

Leroy Sané (* 11. Januar 1996 in Essen), dt. Fußballspieler

Mahmud Abunada (* 5. Februar 2000), katarische Nummer 1

19 © Adele, 2008

FIFA WM 2026 | Gruppe E | Deutschland – Curaçao | Houston/Texas | 19:00 MESZ | ab 18:00 Uhr ARD

Let Love Rule © Lenny Kravitz, 1989

 

Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen / The Greatest Summer Fairytale of all Time.

Fiktive Postkarten: Gruß aus Des Moines (Iowa) © Kai von Kröcher, 2026

 

Tomorrow comes with one desire – to take me away, oh, it’s true. +++ Morgen geht sie also los, mit ganz großen Schritten. Und Heidi fasst dem Jürgen von hinten – aber irgendwie will die WM einen in diesem Jahr nicht so recht hinter dem Ofen hervorlocken. Wegen Potus und Infiltrino und dreihunderttausend Partien. Doch eines will ich Ihnen sagen: Letzten Samstag stehe ich bei Edeka Lenkeit an der Kasse, der liegt ungefähr auf der Grenze zwischen Britz und Mariendorf gegenüber dem Britzer Garten. Gar nicht so uninteressante Architektur übrigens – für ein neues „Quartier“ tatsächlich nicht schlecht. Jedenfalls stehe ich da mit meinem Kefir in der Hand an der Kasse, und wie ich da so mäandere, fällt mein Blick auf die Titelseite der Bild. Und gar nicht mal groß, fast eher so beiläufig, steht da rechts oben die Meldung: „Lennart Karl verletzt – WM-Traum geplatzt“, oder so ähnlich. Und ob Sie es mir glauben oder auch nicht – aber ich dachte, jetzt übergebe ich mich hier spontan. +++ Die Postkarte (oben) kam gestern per US-Airmail ins Haus geflattert: Hatte Gene Hackman seinerzeit nicht versprochen, sollte er jemals in Des Moines sein, keine Karte zu schreiben? +++ Vielleicht kennen Sie diesen Adlerkopf da an der Einfahrt zum Flughafen Tempelhof: Eagle Square nennt sich der Vorplatz da. Der Kopf jedenfalls gehörte einst, Sie wissen es, zu einer viereinhalb Meter hohen Adler-Statue auf dem Dach der Empfangshalle. Allerdings hat der Adler damals erstaunlicherweise kein Hakenkreuz in seinen Krallen gehalten, sondern ganz bescheiden die Weltkugel. +++ Und als wäre das nicht schon genug an brandheißen News: Die Sängerin Titiyo nämlich ist keinesfalls – wie die meisten von uns wohl immer geglaubt hatten. Die Sängerin Titiyo jedenfalls ist nicht etwa Eagle-Eye Cherrys Halbschwester, sondern die Halbschwester väterlicherseits seiner (Eagle-Eye Cherrys/Anm.d.Red.) Halbschwester – und damit genau genommen seine Stiefschwester!

 

 

Überschrift inspired by: Zitat aus der Radioreportage des Endspiels der Fußballweltmeisterschaft am 4. Juli 1954 in Bern zwischen den Nationalmannschaften der Bundesrepublik Deutschland und Ungarns von Herbert Zimmermann

Überschrift also inspired by: 2026 FIFA World Cup | Mexiko / USA / Kanada | 11. Juni – 19. Juli 2026

Überschrift also inspired by: Deutschland. Ein Sommermärchen (Dokumentation über den Weg der deutschen Nationalelf bei der WM 2006) © Sönke Wortmann (Regie), D 2006)

Lyrics: Save Tonight © Eagle-Eye Cherry, 1997

Helmut Rahn (* 16. August 1929 in Essen; † 14. August 2003 ebenda), dt. Fußballspieler, Schütze des Siegtreffers im WM-Endspiel gegen Ungarn 1954

Polonäse Blankenese © Gottlieb Wendehals, 1981

Gianni Infantino (* 23. März 1970 in Brig, Wallis), schweizerisch-italienisch-libanesischer FIFA-Präsident

Lennart Karl (* 22. Februar 2008 in Gelnhausen/Hessen), dt. Fußballspieler

Mississippi Burning (Südstaatendrama mit Gene Hackman, Willem Dafoe u.a.) © Alan Parker (Regie), USA 1988

Des Moines (214.133 Einwohner) – Hauptstadt des US-Bundesstaates Iowa

Flughafen Tempelhof (Neubau) – erbaut von 1936 bis 1941 durch Ernst Sagebiel vom Reichsluftfahrtministerium 

Ernst Sagebiel (* 2. Oktober 1892 in Braunschweig; † 5. März 1970 in Starnberg), dt. Architekt 

Eisack Haayes / Gentleman of the Year.

 

Fiktive Postkarten / Fiktives Vinyl: Genosse Stalin grüßt Heimberg © Kai Heimberg, 2018 (Foto) / Kai von Kröcher, 2022/2026 (Gestaltung)

 

Wenn Sie jemals in Des Moines sind – schicken Sie mir bitte keine Karte!“ +++ Okay. +++ Um es zur Abwechslung mal kurz zu machen: Wir saßen nie gemeinsam in einer U-Bahn, glaube ich. Haben dafür, unter Schweinen, eine der heißesten Tassen Kaffee dieser Welt miteinander getrunken. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gentleman of the Year – alles Gute, Kai Heimberg! +++ Am selben Tag Geburtstag wie Marilyn Monroe – das muss man auch erstmal bringen! +++ … and if Rick Maschke is six then you are seven!

 

Überschrift inspired by: Theme From Shaft © Isaac Hayes, 1971 

Überschrift also inspired by: Gentleman of the Year © Beatsteakes, 2014

Filmzitat: Frances McDormand als Mrs. Pell in: Mississippi Burning – Die Wurzel des Hasses

Mississippi Burning (Südstaatendrama mit Gene Hackman, Willem Dafoe u.a.) © Alan Parker (Regie), USA 1988

Des Moines (Hauptstadt des US-amerikanischen Bundesstaates Iowa, 214.133 Einwohner)

If Then Now – Bildband mit und über künstliche(r) Intelligenz © Ulla Selmer & Kai Heimberg, 2024

Monkey Gone to Heaven © Pixies, 1989

Marilyn Monroe (* 1. Juni 1926 in Los Angeles; † 4. August 1962 in Brentwood, Los Angeles), US-amerikanische Schauspielerin, Filmproduzentin und Fotomodell 

Spontane menschliche Selbstentzündung / Ist das Leben nicht schön.

Fiktive Postkarten: Geburtstagsgrüße vom Landwehrkanal © Kai von Kröcher, 2024/2026

 

The music that they constantly play – it says nothing to me about my life. +++ Über die Redaktion erreichen mich ab und zu Briefe, die sich nach dem Dunkel meiner persönlichen Seite erkundigen: Was hat mich im Leben geprägt, war ich einmal verliebt, hatte ich einen Hund. Üblicherweise lasse ich diese Post unbeantwortet. Heute aber, weil diese eine Sache, von der ich in wenigen Augenblicken erzählen werde, so weit entfernt liegt. Und dennoch wie frisch vor mir ausgehoben. Und sie mich dieser Tage unverhofft noch einmal berührte wie die Keratinfaser einer Gänsefeder. +++ Sagt man das so? +++ Allein aus diesem Grund möchte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen – eine Geschichte, die einen flüchtigen Blick auf den Menschen hinter der medialen Fassade um mich herum zulassen wird. +++ Eine Freundin von mir, nennen wir sie der Einfachheit halber Xxxx Xxxxx (ohne Bindestrich), hat heute Geburtstag. Als Fortschrittsverweigerer alter Schule gestaltete ich letzte Woche eine fiktive Postkarte für sie, berechnete den idealen Einwurfzeitpunkt und brachte sie Samstagmittag schließlich zum Briefkasten. Als ich mir das Motiv mit der U-Bahn über dem Landwehrkanal länger ansah, fühlte ich mich in die Vorweihnachtszeit des Jahres 1997 zurückversetzt. Die letzten Tage vor Weihnachten haben in ihren besten Momenten immer etwas besinnlich Leuchtendes, finden Sie nicht? +++ Mit meinen Einkäufen aus dem Kaufhaus des Westens saß ich in der U1 zum Kottbusser Tor, um mich herum ebenfalls mit Geschenken bepackte Mitbürger. Vielleicht kam ich mir vor wie James Stewart in Ist das Leben nicht schön?, das lässt sich heute allenfalls mutmaßen. Und dann jedenfalls sah ich sie. Auch mit Geschenken bepackt, saß sie auf der Bank ein paar Plätze weiter links. In einem Anflug verwegener Todesignoranz stand ich auf, und bepackt schob ich mich durch die bepackte Crowd ihr entgegen. +++ Das ist jetzt fast dreißig Jahre her – kann es nicht sein, werden Sie fragen: Kann es nicht sein, dass sie rechts anstatt links von ihm gesessen hat? +++ Nein, kann es nicht. +++ Sie musste irgendwo bei mir in der Gegend wohnen, ich hatte sie häufiger schon auf der Straße gesehen. Auf meiner Geburtstagskarte (oben) schreibe ich ihr, streng genommen sei sie die einzige Frau, die ich jemals im öffentlichen Raum angesprochen habe. Und dass ich im Leben vielleicht ruhig ein wenig mutiger hätte sein dürfen – was denken Sie?

 

Überschrift inspired by: spontane menschliche Selbstentzündung (Mythos)

Überschrift also inspired by: Ist das Leben nicht schön? (It’s a Wonderful Life – Tragikkomödie mit James Stewart) © Frank Capra (Regie), USA 1946

Lyrics: Panic © The Smiths, 1986

Memento meno / Das Bildnis der Amalie Zuckerkandl.

Fiktive Postkarten: Berlin Skyline (Warschauer Brücke) © Kai von Kröcher, 2026

 

Dein Arzt hat gesagt es ist okay, aber alles tut weh. +++ Nee, das seien dann wohl die Wechseljahre, hatte die Ärztin gemeint. Mit einem Augenzwinkern, weil ich doch immer so müde bin – dann aber doch irgendwie ernst gemeint. +++ Komisch, von Bosse gibt es ja ein paar Lieder, die finde ich ziemlich gut. Und dann eine gar nicht so unerhebliche Anzahl, die sind fast schon zum Fremdschämen. +++ Denken Sie eigentlich manchmal über das Leben nach? Die Jelbi-Mobilitätsstation, zum Beispiel? Ich für mein‘ Teil denke oft an Ulf Poschardt. +++ Okay, letztes Namedropping für heute: Grüße gehen raus an den Fotografen, Kupferstecher und jungschen Hund Carsten Klindt – picture this, Carsten Klindt! +++ Die Ansichtskarte (oben) heute mal ohne den obligatorischen weißen Rand – ist legitim! Üblicherweise führt mich der Schulweg von Kreuzberg nach Friedrichshain früh morgens mit meinem Sohn immer hier über die Brücke. Vielleicht liegt die Müdigkeit einfach auch daran, dass ich jetzt immer in grauer Vorzeit aufstehen muss. +++ Demnächst übrigens werde ich mal eine Frage an die Schwarm-Intelligenz da draußen hier posten – nur, dass es Sie nicht kalt erwischt!

 

Überschrift inspired by: Don’t Fear the Reaper © Blue Oyster Cult, 1976

Überschrift also inspired by: Bildnis der Amalie Zuckerkandl (Gemälde, unvollendet) © Gustav Klimt, ca. 1914

Lyrics: 3 Millionen © Bosse, 2009

Warschau, die Stadt © Fee Reega, 2014

Ulf Poschardt (* 25. März 1967 in Nürnberg), dt. Punk und Journalist

Picture This © Blondie, 1978

 

Jakob der Lügner / Somewhere Over the Rainbow.

Fiktive Postkarten: U-Bhf. Prinzenstraße © Kai von Kröcher, 2026

 

 

I wish I knew these things when I was young. +++ Eine etwas pikante Frage vorweg: Haben Sie schon mal eine sogenannte Midlife Crisis gehabt? Das ist ja ein bisschen, wie wenn man früher mal Ectasy probiert und sich dann ständig gefragt hat, ob das Teil jetzt schon wirkt oder nicht. I tell you, wenn es erst mal so weit ist, wissen Sie aber so was von, ob das jetzt wirkt oder nicht. Und genau so müssen Sie sich das mit der Midlife Crisis vorstellen. Als würde einem an einem Bahnübergang die Schranke unverhofft auf den Kopf fallen: Im Prinzip kann ich nur davon abraten. +++ Die Postkarte heute drückt ein bisschen dieses Gefühl aus, trifft es aber nicht ganz. +++ Die Gegend um den Roederplatz drüben in Lichtenberg ist vermutlich ebenfalls nicht das, was man gemeinhin als Kleinod bezeichnet. Aber es steht da ein Zehngeschosser mit einem Regenbogen über die oberen Stockwerke gepinselt. Mit meinem Sohn neulich fuhr ich in der Straßenbahn Linie 16 Richtung Marzahn. Wir saßen uns in so einem Vierersitz gegenüber. Neben meinem Sohn, in Fahrtrichtung mir diagonal vis-à-vis, saß ein älterer Herr, der erinnerte mich intuitiv an Armin Mueller-Stahl und trug eine Werner-Lorant-Frisur. Über dem Plattenbau mit dem Regenbogen hatten sich die Kondensstreifen zweier Flugzeuge gekreuzt wie die Schwerter von Wilkinson früher. +++ Ich war ja eher immer Gillette; Wilkinson und ich kamen nie wirklich zusammen. +++ Als Kirsche auf der Sahne, oder wie man so sagt, hatte sich, es war Nachmittag. Ein halbvoller Vollmond hatte sich genau hinter das Kreuz geschoben. Wir saßen am Fenster, ich sagte zu meinem Sohn: „Guck mal, ein Regenbogen, darüber ein Kreuz und der Mond.“ Im Augenwinkel sah ich Armin Mueller-Stahl, wie er auf seinem Gangplatz unauffällig den Oberkörper verdrehte, um ebenfalls einen Blick oben nach draußen zu werfen. Ich sah, dass er stutzte. Dann beugte er sich ganz leicht nach vorn, tippte mir mit dem Finger schüchtern ans Knie und sagte dann leise: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche.“ Kurze Pause. „Aber das ist kein Regenbogen – das kommt von den Flugzeugen.“ Wir sahen uns an. Natürlich habe er recht, meinte ich freundlich. Bloß, auf die Fassade unter dem Himmel sei doch ein Regenbogen gemalt. Wieder warf er einen prüfenden Blick aus dem Fenster, dann versank er im Boden. Das ging mir richtig ans Herz, ihm schien das unsagbar peinlich. +++ Landsberger Allee Ecke Rhinstraße mussten wir in den Ersatzbus umsteigen. Er war wohl unendlich froh, endlich aus dieser Straßenbahn rauskommen zu können, die restliche Fahrt hatte er jeglichen Blickkontakt vermieden. Ich sah ihm lange noch nach, wie er über die breite Straße ging, dann wurde er urplötzlich von einem Blitz getroffen. +++ Sehr geehrter Herr Mueller-Stahl, sollten Sie das zufällig hier lesen: das war doch alles nun wirklich nicht schlimm, Sie haben einfach nicht auf die Hauswand geachtet – das hätte echt ohne Quatsch jedem passieren können!

 

Überschrift inspired by: Jakob der Lügner (Literaturverfilmung nach Jurek Becker) © Frank Beyer (Regie), DDR/ČSSR 1974

Überschrift also inspired by: Jakob der Lügner (Literaturverfilmung nach Jurek Becker) © Peter Kassovitz (Regie), USA/F/HU 1999

Überschrift also inspired by: Over the Rainbow (aus: Der Zauberer von Oz) © Harold Arlen (Komposition), E. Y. Harburg (Text), 1939

Lyrics: Rein Me In © Sam Fender & Olivia Dean, 2025

Armin Mueller-Stahl (* 17. Dezember 1930 in Tilsit/Ostpreußen), dt. Schauspieler, Maler, Musiker und Schriftsteller

Werner Lorant (* 21. November 1948 in Welver; † 20. April 2025 in Wasserburg am Inn), dt. Fußballspieler und -trainer (1860 München u.a.)

 

Brutal Youth / This Monkey’s Gone to Heaven.

Fiktive Postkarten: Grüße aus Lichterfelde © Kai vo Kröcher, 2026

Fiktive Postkarten: Grüße aus Lichterfelde © Kai vo Kröcher, 2026

 

Back in town all by myself I should go dancing. +++ Was für ein schöner Ausflug am Sonntag. Man sollte die Vormittage nicht allzu lange verdaddeln, aber haben Sie sich schon mal über die Wörter unheimlich und heimlich Gedanken gemacht? Ist unheimlich nicht eigentlich das eigentlich Heimliche? +++ Den so genannten Mäusebunker hatte ich all die Jahre nie wirklich entdecken können für mich, ein mystischer Ort. Im Prinzip liegt er offen für jedermann da, ein paar Schritte entfernt von der Bushaltestelle – und doch versteckt wie ein Maya-Tempel aus einer versunkenen Welt: das Gelände ist abgesperrt, überwacht wie ein Atommüll-End- oder Zwischenlager. +++ Wäre es, apropos, jetzt nicht an der Zeit, technologieoffen und konsequent auf Atomkraft zu setzen? +++ Tja, und schon haben wir wieder Montag …

 

Überschrift inspired by: Brutal Youth © Elvis Costello, 1994

Überschrift also inspired by: Monkey Gone to Heaven © Pixies, 1989

Lyrics: Javelin © Kevin Morby, 2026

Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin der Charité, ehemals Zentrale Tierlaboratorien der Freien Universität Berlin

Begierde / Rock gegen Timmy.

Fiktive Postkarten: Nordsee (Wiederseh’n macht Freude) © Kai von Kröcher, 2021/2026

 

Vielleicht war’n wir ja zu langsam – wer bringt mich jetzt zu den Ander’n. +++ Wie Sie ja wissen, streame ich seit nun doch schon einiger Zeit. Nicht nur, dass ich mir in der Bücherei Filme ausleihe. Neulich setzte ich mich abends sogar mit dem Laptop ins Bett und sah mir einen Krimi in der ARD-Mediathek an: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht. Bei dem Titel nämlich hatte etwas geklingelt. Die Episode spielt in Aachen, glaube ich. Worum es geht, habe ich vergessen. Weil ich zurzeit immer so müde bin, schlief ich direkt mittendrin ein. Aber jetzt kommt der Clou! Die Hauptfigur, Kommissarin Louise Bonì, ist trockene Trinkerin – eine Problematik, in Filmen nicht unbekannt. Auf jeden Fall sitzt sie irgendwann in einer Kneipe und trinkt einen Kaffee. Ein Namenloser sitzt ihr gegenüber am Tresen und trinkt Klaren und Bier. Und wenn Sie gut aufgepasst haben, wissen Sie, Kommissarin Bonì ermittelt in Aachen. Und da fährt sie nachts irgendwo durch den Wald und telefoniert mit einem Rainer, der aber legt auf. Und jetzt trinkt sie also allein in einer Kneipe Kaffee. +++ Was soll denn daran besonders sein? Sie sitzt nicht irgendwo und trinkt Kaffee – sie sitzt im club49 und trinkt einen Kaffee! Szene-Gaststätte der Herzen, Ohlauer Straße. Wer sich erinnert, war nicht dabei. Die Szene dauert insgesamt anderthalb Minuten. Sie ist, könnte man sagen, unspektakulär. +++ Ich erinnere mich, den Kaffee damals hatte höchstpersönlich ich ihr gemacht und dann hingestellt. Sternstunden der Filmgeschichte. Der Barmann im Bild allerdings ist ein anderer, ein Komparse, mein Double. Im wahren Leben hätte ich den auch gleich wieder rausgeworfen, wie der schon das Bier da hinstellt! Die Schauspielerin sagte mir seinerzeit auch nichts – aber es ist die, die in dem herausragenden, neuen Tatort aus Frankfurt die Ermittlerin spielt. Wo die im Keller sitzen: Dunkelheit hieß der, richtiger Knaller. +++ Der club49 im Film übrigens sieht ohne Quatsch ganz schön öde aus, der Barmann allein schon! Vielleicht, wie man sich Aachen vorstellt. Falls Sie sich Aachen immer schon einmal vorstellen wollten. Arbeitstitel damals: Begierde – Jäger in der Nacht. Das war mir ein bisschen peinlich, als mein Vermieter wissen wollte, was da bei mir im Laden gedreht wird.

 

Überschrift inspired by: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan) © ARD/Brigitte Maria Bertele (Regie), D 2016

Überschrift also inspired by: Timmy (* unbekannt), dt. Walfisch

Lyrics: Wer bringt mich jetzt zu den Anderen © Die Höchste Eisenbahn, 2016

club49 | Ohlauer Straße 31 | 10999 Berlin

Tatort – Dunkelheit (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan und Edin Hasanović) © ARD/Stefan Schaller (Regie), D 2025

Timmy © Die Höchste Eisenbahn, 2016

Берлинская правда / Doch wo dein Baum mit deinem Haus war, stand ein Edeka.

Fiktive Postkarten: Auferstanden aus Ruinen (ehem. Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße) © Kai von Kröcher, 2021

 

Das gehört niemand außer ihnen, und all die, die es brauchen, wissen nicht, dass es es gibt. +++ Hm. +++ Jahrelang hatte ich diesen Song als eine Art Konsum- und Gesellschaftskritik verstanden: wir hier unten, die da oben. Und alles gehört niemandem außer Lidl und Aldi. Was natürlich auch daran lag, dass der Sänger so nuschelt – was ich, nebenbei gesagt, aber ganz gut finde. +++ Okay, falls Sie übrigens nach meinen letzten Posts hier geschockt waren. Dann haben Sie vielleicht den Hauch einer Ahnung, wie ich mich gestern gefühlt haben muss, als ich in den sogenannten „Sozialen“ die Kommentare einiger hundert Berliner Zeitungs-Leser, äh, gelesen habe: Es ging da um den Unfall mit dem E-Scooter am Wochenende am Buckower Damm. Der war da mit einem Auto zusammengeprallt. Und ja, man kann E-Scooter scheiße finden. Und ja, die sind zu zweit auf dem Roller gefahren, und E-Scooter-Fahrer sind eh total nervig. Und ja, sie sind anscheinend bei Rot über die Kreuzung. Aber ein 14jähriges Mädchen ist dort ums Leben gekommen, das hatte Eltern. +++ Der überwiegende Teil der Kommentarschreiber jedenfalls war der Meinung, das Mädchen sei selbst schuld. Einer schrieb, das sei ihr „recht geschehen, der alten Pissgöre.“ Ich will Sie hier ja echt ungern mit politischen Schlaumeiereien anöden – aber ist das die Meinungsfreiheit, von der Holger Friedrich und seine Gefolgschaft immer sprechen?

 

 

Überschrift inspired by: Berliner Zeitung – 1945 gegründet und 1953 dem Zentralkomitee der SED unterstellt, Herausgeber seit 2019: Holger und Silke Friedrich

Überschrift also inspired by: Vergangenheit © Die Höchste Eisenbahn (feat. Judith Holofernes), 2012

Lyrics: Aliens © Die Höchste Eisenbahn 2013