Mein lieber Schwan / Fahrstuhl zum Schafott.

Ride a White Swan: Skoda Enyaq auf Parkplatz in Baad (Vorarlberg) © Kai von Kröcher, 2026

 

I think it’s strange you never knew. +++ Ja, gut – das ist natürlich schon klar, dass man Schwäne nicht mit Keksen füttert. Aber das neulich war halt nicht einfach so’n Postkarten-Schwan, wo die Verliebten eng umschlungen am Ufer stehen und beseelt darauf zeigen. Und die junge Frau, die sehe ich häufiger da alleine am Hafen. Ich habe mich manchmal gefragt, ob sie womöglich schwermütig ist. Doch jetzt wirkte sie auf recht positive Art verzweifelt. +++ Was ich bis vor wenigen Tagen noch nicht wusste: der Typ, dessen Oberkörper im Anschnitt das erste Album der britischen Band The Smiths ziert, ist derselbe, dessen Unterkörper auf dem Sticky Fingers-Cover der Rolling Stones in der Jeanshose mit dem Reißverschluss steckt. +++ Um den Schwan hatte sich eine Handvoll Krähen versammelt – die fingen schon an, auf ihn einzuhacken. Die Frau fragte uns nach etwas zu essen, dass der Schwan wieder zurück auf die Beine käme und davonfliegen könne. Wir aber hatten halt nur die Biscoteria Double Choc-Kekse. Damit stieg sie aufs Eis und marschierte vorsichtig zur Mitte. Was nicht ganz ungefährlich war, es hatte die Tage schon etwas getaut. Statt aber die Double-Choc-Kekse anzunehmen, verlor der armselige Schwan vollends seinen Verstand und drehte sich flatternd im Kreis, bis er ermattet zusammenbrach. +++ Sie kennen mich als Hardboiler, einen harten Hund. Heute am Kanal aber schoss mir ein kalter Schauer über den Rücken, als liefe im Abend-TV ein dysthopischer Endzeit-Schocker: Auf dem Eis saßen mehrere Schwäne, die unwiderruflich todgeweiht schienen. Ihre Hälse schlackerten kraftlos umher, und wenn sie versuchten zu gehen, taumelten sie wie betrunken oder auf Nowitschok – das Wasser ist bereits voller Leichen. +++ Wir sehen uns in Plötzensee!*

 

 

Überschrift inspired by: „Mein lieber Schwan!“ (Redensart – Ursprung in der Oper Lohengrin von Richard Wagner, 1850) 

Überschrift also inspired by: Fahrstul zum Schafott (Kriminalfilm mit Jeanne Moreau und Maurice Ronet) © Louis Malle (Drehbuch/Regie), F 1958  

Bildunterschrift inspired by: Ride a White Swan © T. Rex, 1970

Lyrics: Fade Into You © Mazzy Star, 1993

The Smiths © The Smiths, 1984 (Coverdesign by Morrissey)

Sticky Fingers © The Rolling Stones, 1971 (Coverdesign by Andy Warhol)

Joe Dallesandro (* 31. Dezember 1948 in Pensacola, Florida), US-amerikanischer Schauspieler

Strafgefängnis Plötzensee: Hinrichtungsstätte für den Vollstreckungsbezirk IV

* Grüße an Christian & Sven!

Up the Hill Backwards / The Greenhouse Effect.

Oktapolare Fotografie: Baad, Vorarlberg* – Porträt eines Berliner Jungen in den Bergen  © Kai von Kröcher, 2024

 

Die See ist schwer gereizt an diesem Winternachmittag, der Himmel wie mit altem Holz vernagelt. +++ Wie Sie wissen, hielt ich mich Mitte Juni bei meiner Nichte im österreichischen Teil des Allgäus auf. Dieses Alpenpanorama oben zum Beispiel, bestehend aus 110 Einzelaufnahmen, ist bei einer Auflösung von 300 dpi zwei Meter siebzig breit und achtzig Zentimeter hoch. Das interessiert, denke ich, den Leser allenfalls peripher, doch meinen in die Jahre gekommenen „Rechner“ zwang es nahezu in die Knie. +++ Ja, der oder das Laptop rechnete sich oftmals den sprichwörtlichen Wolf und brauchte etwa acht Stunden für das fervackte Bild, allein immer zum Zwischenspeichern. Man sollte das Foto aufblasen zu einem gigantischen Wandfries – über der Suhler Jagdhütte vielleicht, Fassade am Haus der Statistik. Während des zähneknirschenden Wartens irgendwann schoss mir aus vollkommen heiterem Himmel eine Geschichte von früher in den Sinn. Tauchte einfach so auf vor dem geistlichen Auge. +++ Da werde ich um die fünfzehn gewesen sein, mit meiner Band Regenmantel mit Manzur, Knille und Charles plus unserem Manager Todd Koslowski hatten wir uns nach einer Probe im leerstehenden Hühnerstall gegen Sonnabendspätnachmittag in den Linienbus 29 gesetzt und waren vom Dorf in die heimliche Großstadt BS – in der Bambule ein Punk-Konzert zu besuchen, genauer gesagt von den Bombed Bodies. Bis der Punk endlich abging, mäanderten wir kurz nach nebenan auf eine Coca-Cola in die Anarcho-Spelunke namens Treibhaus. Als Fünfzehnjährigem fehlt einem glücklicherweise jegliche Selbstreflexion, im Stimmbruch mit den halbpubertären Kumpels in einem Punkschuppen der heimlichen Großstadt zu sitzen und Cola zu trinken. Unbeirrt hingen wir an unserem Tisch und nippelten an den Gläsern. Da geschah etwas Unerwartetes, das bleibenden Eindruck hinterlassen und in unseren aktiven Wortschatz eingehen sollte. Vier versprengte, sogenannte Alternative in so Spätsiebziger-Alternativenklamotten betraten den Laden wie einen Saloon. Wie einen Saloon vielleicht eher nicht, aber egal. Setzten sich an den Nachbartisch, bestellten vier Bier. Und saßen da rum. Achtung, und jetzt kommt’s! Also, erstmal kam das Bier, das stand jetzt vor ihnen am Tisch. Und dann geschah erst einmal immer noch nichts. Plötzlich dann aber doch, da nämlich steht ein gestandener Punk unaufgeregt auf, schlurft zu den Alternativen, baut sich vor ihrem Tisch auf – und sagt schmucklos, doch beeindruckend nachdrücklich, diese neun Worte: „Wanzenpack, fünf Minuten für das Bier – und dann raus!“ +++ Ein Satz wie ein Keulenschlag, in Fels geritzt für die Ewigkeit.

 

Überschrift inspired by: Up the Hill Backwards © David Bowie, 1980

Überschrift also inspired by: The Greenhouse Effect © Plan B, 1989

Textauszug aus: Zur See (Roman, angeblich) © Dörte Hansen, 2022

Suhler Jagdhütte | Haus der Statistik | Hans-Beimler-Str. 70 | 1020 Berlin/Hauptstadt der DDR

Freizeitpunk © Regenmantel, 1979

Bombed Bodies: Braunschweiger Punkbank um Pedder Teumer mit Kat und Pelle (Vorgängerband von Daily Terror)

Bambule | Kastanienallee | Braunschweig

Da geht der Punk ab © Yasmin Gate, 2014

Treibhaus | Kastanienallee | Braunschweig

*) it’s so bad, it’s spelled with two A