Begierde / Rock gegen Timmy.

Fiktive Postkarten: Nordsee (Wiederseh’n macht Freude) © Kai von Kröcher, 2021/2026

 

Vielleicht war’n wir ja zu langsam – wer bringt mich jetzt zu den Ander’n. +++ Wie Sie ja wissen, streame ich seit nun doch schon einiger Zeit. Nicht nur, dass ich mir in der Bücherei Filme ausleihe. Neulich setzte ich mich abends sogar mit dem Laptop ins Bett und sah mir einen Krimi in der ARD-Mediathek an: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht. Bei dem Titel nämlich hatte etwas geklingelt. Die Episode spielt in Aachen, glaube ich. Worum es geht, habe ich vergessen. Weil ich zurzeit immer so müde bin, schlief ich direkt mittendrin ein. Aber jetzt kommt der Clou! Die Hauptfigur, Kommissarin Louise Bonì, ist trockene Trinkerin – eine Problematik, in Filmen nicht unbekannt. Auf jeden Fall sitzt sie irgendwann in einer Kneipe und trinkt einen Kaffee. Ein Namenloser sitzt ihr gegenüber am Tresen und trinkt Klaren und Bier. Und wenn Sie gut aufgepasst haben, wissen Sie, Kommissarin Bonì ermittelt in Aachen. Und da fährt sie nachts irgendwo durch den Wald und telefoniert mit einem Rainer, der aber legt auf. Und jetzt trinkt sie also allein in einer Kneipe Kaffee. +++ Was soll denn daran besonders sein? Sie sitzt nicht irgendwo und trinkt Kaffee – sie sitzt im club49 und trinkt einen Kaffee! Szene-Gaststätte der Herzen, Ohlauer Straße. Wer sich erinnert, war nicht dabei. Die Szene dauert insgesamt anderthalb Minuten. Sie ist, könnte man sagen, unspektakulär. +++ Ich erinnere mich, den Kaffee damals hatte höchstpersönlich ich ihr gemacht und dann hingestellt. Sternstunden der Filmgeschichte. Der Barmann im Bild allerdings ist ein anderer, ein Komparse, mein Double. Im wahren Leben hätte ich den auch gleich wieder rausgeworfen, wie der schon das Bier da hinstellt! Die Schauspielerin sagte mir seinerzeit auch nichts – aber es ist die, die in dem herausragenden, neuen Tatort aus Frankfurt die Ermittlerin spielt. Wo die im Keller sitzen: Dunkelheit hieß der, richtiger Knaller. +++ Der club49 im Film übrigens sieht ohne Quatsch ganz schön öde aus, der Barmann allein schon! Vielleicht, wie man sich Aachen vorstellt. Falls Sie sich Aachen immer schon einmal vorstellen wollten. Arbeitstitel damals: Begierde – Jäger in der Nacht. Das war mir ein bisschen peinlich, als mein Vermieter wissen wollte, was da bei mir im Laden gedreht wird.

 

Überschrift inspired by: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan) © ARD/Brigitte Maria Bertele (Regie), D 2016

Überschrift also inspired by: Timmy (* unbekannt), dt. Walfisch

Lyrics: Wer bringt mich jetzt zu den Anderen © Die Höchste Eisenbahn, 2016

club49 | Ohlauer Straße 31 | 10999 Berlin

Tatort – Dunkelheit (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan und Edin Hasanović) © ARD/Stefan Schaller (Regie), D 2025

Timmy © Die Höchste Eisenbahn, 2016

On the Front Page a Black and White Picture of / Manhattan’s Skyline.

Fiktive Postkarten: Berlin Skyline (Teufelsberg – A View To A Thrill) © Kai von Kröcher, 2026

 

The web of wicked ways is worse than all of us. +++ Kann man so sagen. +++ Mich jedenfalls belastet dieser im Raum stehende Rassismusvorwurf gar nicht mal unerheblich. Denn natürlich liegt es nicht an der Nationalität: ein deutsches Kind würde ganz sicher genauso poltern. Na gut, mein Sohn vielleicht nicht, eine rühmliche Ausnahme – aber grundsätzlich schon. +++ Ich würde den Fall gerne noch einmal für Sie rekonstruieren. Ich befand mich also auf einem spontanen Spaziergang zum Teufelsberg. Ein wunderbarer Samstagvormittag, und als ich die Teufelsseestraße hinunterschlenderte, lag Stille über der Gegend. Ich fragte mich allen Ernstes, was ich wohl anstellen müsste, in einer der Villen dort am Rande des Waldes zu wohnen: Ob ich mir von meinen bescheidenen Postkarten einen solchen Luxus jemals würde leisten können? +++ Irgendwann stand ich dann also oben auf jenem mystischen Teufelsberg. Die Sonne schien diffus durch einen milde stimmenden Wolkenschleier. Außer mir auf dem Hügel nur noch ein unauffälliger Typ mit einem Modellflieger. Regelrecht überwältigt war ich vom Ausblick und von der Ruhe dort oben. +++ Fairerweise muss ich gestehen, ich bin mir gar nicht ganz sicher, ob es sich tatsächlich um den Teufelsberg handelte, auf den ich gestiegen war: Die verfallenden Abhöranlagen der US-Streitkräfte waren sprichwörtlich zum Greifen nahe – lagen dann aber trotzdem doch eher auf der benachbarten Bergkuppe. +++ Es war jedenfalls toll, einwandfrei. Unter mir ringsum ein nicht enden wollendes Meer aus grünem Grunewald. Nach Osten hin der Anblick der Stadt mit ihren signifikanten Türmen. Weit hinten am südöstlichen Horizont glitzerten startende Flugzeuge des BER in der Sonne. Alles, was hier zu hören war, waren tatsächlich die Glocken im Tal. +++ Und an dieser Stelle kommen die Ceaușescus ins Spiel. Genau genommen eine unheilvolle Erinnerung an meinen alten Freund Trampel-Joe. Eine Art Panikattacke stellte sich ein – ich wollte plötzlich beim Leben von Wolfgang Kubicki nie mehr in mein Zuhause nach Kreuzberg zurück. +++ Wie unser Sozialkundelehrer, Herr Mazzega, früher scherzhaft zu fragen pflegte: „Alle Klarheiten beseitigt?!“ +++ Oder war es Paul Maul? Oder Fau Pohl? Vielleicht werde ich langsam verrückt …

 

 

Überschrift inspired by: Manhattan Skyline © a-ha, 1986

Bildunterschrift inspired by: A View To A Kill © Duran Duran, 1985

Lyrics: Web of Wicked Ways © The Sound, 1987

The Return of la Bestia Negra / À l’aéroport d’Amsterdam.

Fiktive Postkarten: Tempodrom am Anhalter Bahnhof © Kai von Kröcher, 2026

 

Walking in nature, look around you, shut down your phone. +++ Ist das denn überhaupt noch interessant, was die Postkarte gestern mit Amsterdam zu tun hatte? Tatsächlich hatte das Foto nur bedingt etwas mit Amsterdam zu tun: Vorletzte Woche irgendwann war ich auf dem Weg zum Flughafen BER, mein Fleisch & Blut in Empfang zu nehmen. Der aber saß in Amsterdam fest, seine Mutter schickte mir eine Eilmeldung aufs Handy. Irgendwie hatte der Flieger den Anschluss nach Berlin verpasst, und nun mussten sie eben eine Nacht in Amsterdam dranhängen. In dem Augenblick saß ich gerade schon in der U7 nach Rudow. Ich stieg also aus und nahm halt den 171er Bus zurück Richtung Hermannplatz – interessiert Sie das eigentlich wirklich? +++ Ich persönlich finde die Geschichte ein bisschen öde. +++ Bei Gelegenheit aber könnte ich Ihnen erzählen, wie ich mich am Tag drauf wieder zum Berlin-Brandenburg International „Willy Brandt“ aufmachte und, weil ich etwas früh dran war, mir an der HEM-Tankstelle in Schönefeld an der Stadtgrenze zu Berlin ein Kinder Bueno kaufte. Das hört sich erstmal auch nicht besonders knisternd an, aber warten Sie ab! +++ Die Tankstelle können Sie sich ansehen, wenn Sie auf diesen Satz hier klicken. +++ Wo waren wir stehengeblieben? Ich stand also an der Kasse und wollte gerade mein Kinder Bueno bezahlen, als ein Autofahrer herein kam und meinte, die Zapfsäule mit dem Super Plus ginge nicht. Die Kassiererin erklärte ihm, ihnen sei das Super Plus ausgegangen, sie müsse da mal ein Schild dran machen. +++ Wahrscheinlich denken Sie immer noch, die Geschichte sei total fad. +++ Ich zahlte also mein Kinder Bueno, fuhr zum Flughafen und schloss meinen Sohn in die Arme. Das mit dem Super Plus hatte ich da längst wieder vergessen. Und nun raten Sie aber mal, was die Agenturen – und das stimmt wirklich, das ist Wort für Wort wahr! Am nächsten Tag nämlich brachten die Nachrichtenagenturen die Meldung, der HEM-Tankstelle in Schönefeld an der Waltersdorfer Chaussee sei am gestrigen Tage das Super Plus ausgegangen!

 

Überschrift inspired by: FC Bayern München – Real Madrid 4:3 (Champions League, Viertelfinalrückspiel)

Überschrift also inspired by: Amsterdam © Jacques Brel, 1964

Lyrics: Let It Transform You © Yael Naim, 2025

Jeder Mensch ist Ausländer, fast überall / Die Nachrichten.

Fiktive Postkarten: Berlin (Zeitungsviertel) © Kai von Kröcher, 2024

 

Down on the street those men are all the same. +++ Was siedendheiß gegen Mittag mir heute ins Auge stach, ich saß gerade in der S-Bahn zur Storkower Straße: Irgendwo hatte ich geschrieben, Katja Ebstein sei als Karin Ilse Überall zur Welt gekommen. Natürlich entspricht das so aber gar nicht den Fakten. Geboren worden ist Katja Ebstein vielmehr als Karin Ilse Witkiewicz – der spätere Nachname stammt von dem Regisseur Klaus Überall, den sie im Jahr 1979 heiraten sollte. Und was mir dann ebenfalls heute erst aufgefallen ist: Ilse Paradies / Karin Ilse Überall: das kann doch kein Zufall sein?! +++ Wo die Fäden der internationalen Lügenpresse zusammenlaufen (siehe Postkarte, oben): Wie letztens erwähnt, bin ich vom Feeling her einem Schwarm Tsetsefliegen zum Opfer gefallen. Eine der wenigen Einladungen, die ich in letzter Zeit wahrgenommen habe – das trug sich genau hier zu, im alten Zeitungsviertel Berlins. Wo tatsächlich im wahrsten Sinne die Nachrichten herkommen. To cut a long story short, setzte sich später an diesem Abend eine Washington-Korrespondentin kurz an unseren Tisch, die war extra aus Anlass der Feier aus „den Staaten“, wie ich gern sage, nach Berlin rübergeflogen. Und der wir als offensichtliche Nichtjournalisten exotisch vorgekommen sein müssen. Natürlich wollten wir von ihr wissen, ob sie Zugang zum Oval Office habe, und ob das wirklich so klein sei, wie immer behauptet. Ja, das sei wirklich so klein. Und dann meinte sie, der Donald Trump (amtierender Präsident der Vereinigten Staaten/Anm.d.Red.) sei in natura ebenfalls gar nicht so, wie er im Fernsehen landläufig rüberkommt. An dieser Stelle geriet ich in Panik: Sollte er in Wirklichkeit etwa ein total dufter Typ sein, mit dem man sich gern mal gemeinsam Wer weiß denn sowas? mit Kai Pflaume und dem Typ mit der Glatze angucken würde? Diesem Typen, der grundsätzlich sofort auf dem Bildschirm erscheint, sobald man den Fernseher einschaltet? Und von dem Teile der Bevölkerung wahrscheinlich dennoch nicht wissen, wie er eigentlich heißt? +++ Aber ich schweife ab. +++ Bernhard Hoecker heißt der: einsneunundfünfzig groß, aber nicht auf den Kopf gefallen – und vor allem nicht verwandt mit dem rechtsextremen Politiker Björn Höcke. +++ Nein, mit Donald Trump zusammen würde man sich keinesfalls gern Wer weiß denn sowas? ansehen wollen. Sie (die US-Korrespondentin/Anm.d.Red.) meinte eigentlich nur, Trump sehe im Fernsehen wesentlich fitter aus, als er in echt wirklich ist. In Wirklichkeit sei er ein alter Mann, der allein nicht mal vernünftig auf seinen Hocker hinter dem Schreibtisch kommt. +++ „Stümperig“ – mit spppitz’m Stein und hinten „ich“, wie man in meiner Hometown BS sagen würde. +++ [stümperich].

 

Überschrift inspired by: Alle Menschen sind Ausländer, fast überall – antirassistischer Slogan (Deutschland, 1990er Jahre) 

Überschrift also inspired by: Die Nachrichten (Roman) © Alexander Osang, 2002

Lyrics: Candy © der Itschie-Bob feat. Kate Pierson, 1990

Klaus Überall (* 23. November 1924 in Osnabrück; † 29. Oktober 2008 in Bad Wiessee), dt. Regisseur

Deutsche Presse Agentur (dpa) | Markgrafenstraße 20 | 10969 Berlin

To Cut a Long Story Short © Spandau Ballet, 1980

Wer weiß denn sowas? (Quizsendung im Vorabendprogramm, Moderation: Kai Pflaume) © ZDF, D seit 2025

[stümperich] – kernostfälisch für altersschwach, klapperig (Region: Hannover / Hildesheim / Braunschweig)

Limelight / Elf Freunde müsst ihr sein.

Fiktive Postkarten: The Best Windy Pouches In Town © Kai von Kröcher, 2026

 

Theater, Theater, der Vorhang geht auf, dann wird die Bühne zur Welt. +++ Das darf doch wohl alles nicht wahr sein – mir unbegreiflich: Kaum hatte ich gestern meine investigative Hintergrundgeschichte zu „Litti“ auf Facebook verlinkt, da posteten auch schon 11FREUNDE eine Meldung auf Facebook zu ihm. Ehrlich gesagt, war ich regelrecht etwas geschockt. Als hätte ich bei 11FREUNDE abgeschrieben, das mag ich nicht auf mir sitzen lassen. +++ Ganz davon ab: Was wusste Katja Ebstein – und was wusste sie nicht? +++ Ich habe dann schnell mal nachgeschaut: Bei meinem Facebook-Post hieß es da „vor 40 min“, bei den 11 Freunden „vor 35 min“. Wenn man also noch meine ausführliche Recherche zugrunde legt, ich war nämlich einen Tag zuvor zufällig schon auf Littbarski gestoßen. Und wenn sich meine Texte vielleicht auch anhören wie kurz einmal ausgerotzt, so steckt doch akribische Arbeit darin. +++ Das nur zu meiner Erklärung, weil – dieser Schock hatte mich doch extrem frustriert. +++ Als hätte man gerade einen Impfstoff entwickelt gegen, sagen wir mal, Covid-19, genau. Und dann tritt da so ein Experte ans Podium und sagt, trinken Sie doch einfach Sagrotan! +++ So sieht’s mal aus. +++ Bevor ich’s vergesse: Die Meldung zu Litti gestern besagt, in Köln wird es wohl ein Theaterstück über Littbarskis Leben geben, in dem spielt er selbst alle Rollen – ob auch den Balljungen bei DDR gegen Chile, kann ich nicht sagen.

 

Überschrift inspired by: Limelight (Rampenlicht, Melodram) © Charlie Chaplin (Drehbuch, Musik, Regie), USA 1952

Überschrift also inspired by: Elf Freunde müsst ihr sein (Jugendbuch) © Sammy Drechsel, 1955

Lyrics: Theater © Katja Ebstein, 1980

11FREUNDE – Magazin für Fußballkultur, Berlin (gegr. 2000) 

Katja Ebstein (* 9. März in Gierlachsberg, Provinz Schlesien als Karin Ilse Witkiewicz), dt. Schlagersängerin

Café Obergfell | Alt-Lichtenrade 140 | 12309 Berlin

Cut Grass, long the Death / Der Konrad Lorenz des Berliner Undergrounds.

Fiktive Postkarten: Vom Feeling her Frühlingsgefühle (Berlin-Buckow) © Kai von Kröcher, 2026

 

and when she said she’d be a movie queen nobody laughed. +++ Mir unbegreiflich. +++ Der ganz heiße Scheiß im Moment sind Frühlingsspaziergänge – alles andere macht einen nur unnötig fertig …

 

Überschrift inspired by: Cut Grass © Arya Zappa, 2019

Überschrift also inspired by: Konrad Lorenz (* 7. November 1903 in Wien; † 27. Februar 1989 ebenda), österr. Zoologe, Medizin-Nobelpreisträger, Verhaltensforscher

Lyrics: Emma © Hot Chocolate, 1974

Ferry Cross The Mersey / We had a hedge back home in the suburb.

Fiktive Postkarten: Berlin-Oberschöneweide © Kai von Kröcher, 2026

 

Warum, das bleibt für dich ungeklärt, doch Billy weiß genau, wo er hingehört. +++ Apropos: Die Schwäne letztens sind laut Friedrich-Löffler-Institut nun ganz offiziell an der Vogelgrippe verendet. Stand bei Facebook irgendwo in der Zeitung, und natürlich kamen sofort Kommentare, es habe gar keine toten Schwäne gegeben – wir würden doch nur noch verarscht. Mit dem Packeis sind auch die Schwankadaver mittlerweile tatsächlich verschwunden, doch heute immerhin trieb noch ein Kormoran als Nachzügler tot im Landwehrkanal. +++ Die Geschichte zu dem Foto (oben) – da würde ich gerne etwas länger ausholen: An diesen ersten Frühlingstagen gerade möchte man nicht in der Wohnung bleiben und sich fühlen wie einer, der sein Leben verpasst. Also nahm ich die Kamera, ließ mich Bruce-Springsteen-mäßig treiben im M41er Bus. Später die Fähre von Baumschulenweg rüber nach Wilhelmstrand (Oberschöneweide). Über Oberschöneweide kann man sich dieses und jenes erzählen, aber ein Szenebezirk ist es nicht. +++ Da will ich ehrlich mit Ihnen sein. +++ Überall waren Menschen in ihren Gärten, niemand schien sich an mir zu stören. Auch ich fühlte mich nicht durch die Menschen gestört. Unter der Minna-Todenhagen-Brücke fühlt man sich kurz wie im nächsten Moment überfallen und ausgeraubt, rein so vom Feeling her – doch außer der Frau mit dem Kindersitz auf dem Rad sah ich dort niemanden, der mich im Ernst hätte ausrauben können. Die Minna-Todenhagen-Straße selbst ist dann eine Art „Cut“, sie trennt die Kleingartenanlage Am Freibad von der Kleingartenanlage Grüne Aue. In der Kleingartenanlage Grüne Aue habe ich das Postkartenmotiv oben aufgenommen. Und plötzlich fühlte sich doch jemand gestört. Was ich denn fremde Gärten fotografiere und so. Ich sagte, ich fände das gut: die Gärten, die Bäume, die Stromtrasse. Er aber war völlig außer sich und ließ sich gar nicht beruhigen: „Mir ist das unbegreiflich!“ Ich wollte gerade noch denken, ich verstünde manche Sachen ja auch nicht, aber da hatte er sich schon umgedreht, hatte noch einmal „Mir unbegreiflich!“ geflucht – dann war er hinter der Hecke verschwunden.

 

Überschrift inspired by: Ferry Cross The Mersey © Gerry And The Pacemakers, 1964

Überschrift also inspired by: Lost in the Supermarket © The Clash, 1979

Lyrics: So © Keimzeit, 1988/1990

Hungry Heart © Bruce Springsteen, 1980

Fiktive Postkarten, anonyme Kuverts / If you love somebody set them free.

Fiktive Postkarten: Berlin – Gruß aus der Schlange © Kai von Kröcher, 2024

 

If I had a box just for wishes and dreams that had never come true. +++ Vielleicht hätte ich gern mal eine Wohnung in der Schlange. Ein bisschen wie das Kraft-durch-Freude-Seebad Prora auf Rügen. Lässt sich zumindest echt schwer fotografieren. Im Hauptgebäude allein gibt es wohl 1064 Wohnungen – ob man da dann für alle auch die Pakete annehmen muss? +++ „Würden Sie, nebenbei gesagt, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?“ (Kurt Hager, 1987) +++ Letzte Woche hatte ich Montag endlich mal wieder einen Zahnarzttermin. Nachdem ich dem Schlächter vom Bülowbogen leider etwas sehr spät aus den, wie sagt man, Fängen entwichen war. Jedenfalls habe ich jetzt eine Zahnärztin gefunden, die mich nicht anschreit. Die praktiziert mittlerweile ungefähr dort, wo nach der Wende am Kollwitzplatz das Café Westphal war. +++ Okay. +++ Auf dem Weg dorthin fiel mir ein Schwarzweiß-Foto ein, das bei meinem Freund F. an der Wand in der Uckermark hängt: In den Achtzigerjahren hatte der Fotograf Christian Thiel die Fassade einer profanen HO-Trinkgaststätte am Wasserturm eingefroren, heute ein prosaisches Thai-Restaurant, zwischen Pasternak und Hausbar gelegen. Ich also machte spontan einen Bogen, fotografierte das Bild aus etwa der gleichen Perspektive mit dem Handy nach. Dann ging ich zur Praxis. Und siehe da, Girocard formally known as EC-Karte, Krankenversichertenkarte und Personalausweis waren allesamt weg, hatten vorher im Handy gesteckt. Zurückgelaufen, nüschte, direkt die EC-Karte sperren lassen. +++ Stunden später, am Nachmittag, traf ich mich an der Ecke Ankerklause verschwörerisch mit einer jungen Frau, die hatte alles gefunden. Vorm Pasternak, wo sie arbeitet. Nicht einmal einen Finderlohn wollte sie annehmen – das Karma gebe ihr das irgendwann einmal auf anderem Wege zurück. +++ Am Samstag holte ich meinen Sohn von einem Kindergeburtstag in Friedrichshain ab. Auf dem Weg zurück bekamen wir eine Nachricht von seiner Mutter, sie habe im Prinzenbad ihr Portemonnaie verloren. Es sei aber tatsächlich gefunden und abgegeben worden, und ob ich es mit Otto vielleicht abholen könne. Sie würde mir eine Vollmacht schicken. Ich schrieb zurück, was ich in so einem Fall immer zurückschreibe: „Ich bin ja kein Schwein!“ +++ Aber natürlich wäre die Geschichte unbefriedigend, hätte ich ihr kurz darauf nicht auch dieses hier noch geschrieben: „Scheiße, jetzt habe ich schon wieder meine ganzen Karten verloren, ich kann mich nicht einmal mehr ausweisen!“ +++ Und natürlich wäre die Geschichte noch immer keine gute Geschichte, hätte der Briefträger mir gestern keinen anonymen Umschlag mit der Schrift einer älteren Frau durch den Türschlitz gesteckt …

 

Überschrift inspired by: Fiktive Postkarten (Fotoserie) © Kai von Kröcher, seit 2021

Überschrift also inspired by: If You Love Somebody Set Them Free © Sting, 1985

Lyrics: Time in a Bottle © Jim Croce, 1972

Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße (umgangssprachlich Schlange), West-Berliner Wohnkomplex der 70er Jahre mit weltweitem Alleinstellungsmerkmal

Kurt Hager (* 24. Juli 1912 in Bietigheim; † 18. September 1998 in Berlin), dt. Politiker der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

Born in the G.D.R. © Sandow, 1988

Mother of Pearl / Da wird ja der Hund in der Chinapfanne verrückt.

Fiktive Postkarten: Chinapfanne am Alex (Muttertag-Edition) © Kai von Kröcher, 2018/2025

 

In flesh of ash and silent movies I walked that boulevard again. +++ Nun hat es wohl doch noch geklappt mit dem Muttertag, alle kalendarischen Wirrungen scheinen beseitigt. +++ Das Foto hatte ich am 31. Januar 2018 „geschossen“, wie man flapsig so sagt. Der Tagesspiegel hat dann am darauffolgenden 20. Februar darüber berichtet. Nicht über mein Foto, sondern über den vietnamesischen Imbiss-Betreiber Hai Phan-Vam. Die Schweizer Agentur Velvet nämlich hatte zur 68. Berlinale ein Plakat entworfen, das den Berliner Bären an obiger Imbiss-Oase zeigt. Was mir im Moment meines Fotos natürlich ebensowenig bewusst war wie dem Imbiss-Betreiber Hai Phan-Vam himself. +++ Die Berliner Zeitung schob dann übrigens noch am 15. März selbigen Jahres einen Bericht über Hai Phan-Vam und seinen Imbiss hinterher. +++ Allen Müttern nur das Beste zum Muttertag – und lassen Sie uns alle Mensch bleiben!

 

Überschrift inspired by: Mother of Pearl © Roxy Music, 1973

Überschrift also inspired by: Chinapfanne am Alex am Haus der Statistik (Karl-Marx-Allee)

Lyrics: I Want to Be a Machine © Ultravox, 1977

Imbiss-Oase | Karl-Marx-Allee 1 | 10178 Berlin

68. Berlinale vom 15. – 25. Februar 2018

Once Upon a Time in the West / Honolulu-Strand-Bikini.

Fiktive Postkarten: Reuter West (Siemensstadt) © Kai von Kröcher, 2024

 

In my mind and in my car, we can’t rewind, we’ve gone too far. +++ Die Meldung des Tages explodierte heute Vormittag in den sozialen Netzwerken, wenn Sie verstehen: Der Gentleman of the Year, gemeinsam mit seiner geheimnisvollen La Selmer – heute Abend zu Gast live bei radioeins aus dem Bikini Berlin. Die zwei haben einen Fotoband herausgegeben, der Hammer-erstklassige Porträts präsentiert (Ihr seid solche Fucker berichtete). Der Haken daran: die Bilder darin gibt es in Wirklichkeit gar nicht; zumindest nicht die Locations und Menschen. Um es intellektuell auszudrücken, was durchaus meine Leidenschaft ist: Die Aufnahmen sind allesamt Kompositionen, die anhand sowohl künstlerischer als auch und vor allem künstlicher Intelligenz entstanden. +++ In meiner Fotokunst dagegen, wenn ich ausnahmsweise auch einmal von mir sprechen darf, steckt die KI nach wie vor in den Kinderschuhen: Auf der fiktiven Postkarte (oben) hatte ich sie eingesetzt, eine angeschnittene Straßenlaterne aus dem Foto zu löschen. Schaut man genauer hin, fällt die Retusche recht dilettantisch aus. +++ Das nur am Rande. +++ Nach meinem Schnappschuss gestern hatte es mich, aus welchem verwegenen Grunde auch immer, übrigens an den Jakob-Kaiser-Platz gezogen. Überraschenderweise war dort alles massenhaft voll von und mit Polizei. Ich glaube, sie hatten da einen Toten, den sie mit einer Art Leinensack vor neugierigen Blicken abzuschirmen versuchten. Demonstrativ ließ ich die Hände von meiner Kamera und verschwand wie ein Maulwurf direkt wieder zurück in die U-Bahn. +++ La Selmer und besagter Kai Heimberg sind heute ab 19:35 Uhr live in der Sendung, theoretisch könnte man auch selber im Studio vorbeischauen – das aber nur ohne Gewehr (Spaß muss sein).

 

Überschrift inspired by: Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il West, Italo-Western) © Sergio Leone, I/USA 1968

Überschrift also inspired by: Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini © Club Honolulu, 1960 (Cover)

Lyrics: Video Killed the Radio Star © The Buggles, 1979

Gentleman of the Year © Beatsteaks, 2014

Bikini-Haus Berlin | Budapester Straße 38 – 50 | Berlin-Charlottenburg

radioeins – Frequenz: 95,8 MHz (Berlin, terrestrisch)