Begierde / Rock gegen Timmy.

Fiktive Postkarten: Nordsee (Wiederseh’n macht Freude) © Kai von Kröcher, 2021/2026

 

Vielleicht war’n wir ja zu langsam – wer bringt mich jetzt zu den Ander’n. +++ Wie Sie ja wissen, streame ich seit nun doch schon einiger Zeit. Nicht nur, dass ich mir in der Bücherei Filme ausleihe. Neulich setzte ich mich abends sogar mit dem Laptop ins Bett und sah mir einen Krimi in der ARD-Mediathek an: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht. Bei dem Titel nämlich hatte etwas geklingelt. Die Episode spielt in Aachen, glaube ich. Worum es geht, habe ich vergessen. Weil ich zurzeit immer so müde bin, schlief ich direkt mittendrin ein. Aber jetzt kommt der Clou! Die Hauptfigur, Kommissarin Louise Bonì, ist trockene Trinkerin – eine Problematik, in Filmen nicht unbekannt. Auf jeden Fall sitzt sie irgendwann in einer Kneipe und trinkt einen Kaffee. Ein Namenloser sitzt ihr gegenüber am Tresen und trinkt Klaren und Bier. Und wenn Sie gut aufgepasst haben, wissen Sie, Kommissarin Bonì ermittelt in Aachen. Und da fährt sie nachts irgendwo durch den Wald und telefoniert mit einem Rainer, der aber legt auf. Und jetzt trinkt sie also allein in einer Kneipe Kaffee. +++ Was soll denn daran besonders sein? Sie sitzt nicht irgendwo und trinkt Kaffee – sie sitzt im club49 und trinkt einen Kaffee! Szene-Gaststätte der Herzen, Ohlauer Straße. Wer sich erinnert, war nicht dabei. Die Szene dauert insgesamt anderthalb Minuten. Sie ist, könnte man sagen, unspektakulär. +++ Ich erinnere mich, den Kaffee damals hatte höchstpersönlich ich ihr gemacht und dann hingestellt. Sternstunden der Filmgeschichte. Der Barmann im Bild allerdings ist ein anderer, ein Komparse, mein Double. Im wahren Leben hätte ich den auch gleich wieder rausgeworfen, wie der schon das Bier da hinstellt! Die Schauspielerin sagte mir seinerzeit auch nichts – aber es ist die, die in dem herausragenden, neuen Tatort aus Frankfurt die Ermittlerin spielt. Wo die im Keller sitzen: Dunkelheit hieß der, richtiger Knaller. +++ Der club49 im Film übrigens sieht ohne Quatsch ganz schön öde aus, der Barmann allein schon! Vielleicht, wie man sich Aachen vorstellt. Falls Sie sich Aachen immer schon einmal vorstellen wollten. Arbeitstitel damals: Begierde – Jäger in der Nacht. Das war mir ein bisschen peinlich, als mein Vermieter wissen wollte, was da bei mir im Laden gedreht wird.

 

Überschrift inspired by: Kommissarin Louise Bonì – Jäger in der Nacht (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan) © ARD/Brigitte Maria Bertele (Regie), D 2016

Überschrift also inspired by: Timmy (* unbekannt), dt. Walfisch

Lyrics: Wer bringt mich jetzt zu den Anderen © Die Höchste Eisenbahn, 2016

club49 | Ohlauer Straße 31 | 10999 Berlin

Tatort – Dunkelheit (Fernsehkrimi mit Melika Foroutan und Edin Hasanović) © ARD/Stefan Schaller (Regie), D 2025

Timmy © Die Höchste Eisenbahn, 2016

One Of These Days / Netflix Couch Potato (Part two)

Shine a Light: Mein Sohn damals als Licht-Double (52 mm/f 5.6) © Kai von Kröcher, 2023

 

Heute ist wieder einer der verdammten Tage, die ich kaum ertrage, und mich ständig selber frage. +++ Das wird Sie vielleicht wundern, aber ich streame jetzt auch. Normalerweise muss ich ja nicht immer ganz vorn mit dabei sein, dafür bin ich bekannt. Nicht die Atombombe reiten, wenn sie in knapp 10.000 Metern ausgeklinkt wird. Aber zumindest streame ich jetzt. +++ Die Geschichte mit dem Fotoshoot und dem verschollenen Telezoom: Es war ein grauer Tag Ende Oktober vor so ungefähr zweieinhalb Jahren. Porträts einer Frau für deren Webseite sollte ich machen. Für die Aufnahmen hatte sie einen Institutsrohbau im nordöstlichsten Ortsteil Buch organisiert. Mit meinem Sohn hatte ich ausgemacht, dass er mir als Assistent etwas zur Hand geht. +++ Als ich vor Jahren einmal im Krankenhaus lag – das hatte damals zuerst ja ziemlich dramatisch ausgesehen, sich im Verlauf meines Aufenthaltes aber als eher harmlos relativiert. Jedenfalls teilte ich das Zimmer mit einem jüngeren Typen, den hatte es wesentlich schlimmer erwischt. Er litt eh schon an Diabetes, nun war auch noch irgendein Krebs, glaube ich, dazugekommen. Seine Tages- und Lebensplanung im Allgemeinen erschien mir alles andere als spontan: Bevor etwas bei ihm auf den Teller kam, bestimmte er anhand irgendwelcher Tabellen immer erst einmal die exakte Nährstoffzusammensetzung oder so. Den ganzen Tag saß seine Freundin an seinem Bett, und gemeinsam zerbrachen sie sich den Kopf und rechneten sich einen sogenannten Wolf. Als er entlassen wurde, gaben die Ärzte ihm mit auf den Weg, er solle sich unbedingt erstmal schonen. Da sah er mich an und meinte verschwörerisch: „Kein Problem, ich bin ein Netflix-Couch-Potato!“ Wir schrieben das Jahr 2016, und ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon er sprach. +++ Mein Sohn jedenfalls freute sich sehr auf die Fotos, und motiviert bis in die Haarspitzen trugen wir mein Kamera-Equipment nach unten zur Straße. Kurz darauf kam die Frau in ihrem Honda Civic um die Ecke gebogen und sammelte uns ein für die Weltreise nach Buch. In ihrem Kofferraum sah es aus wie auf dem Wertstoffhof, meine Ausrüstung verschwand zwischen Einwegflaschen aus Kunststoff und anderem Müll. +++ Um Sie nicht länger auf die Folter zu spannen: Natürlich boykottiere ich nach wie vor Netflix und Disney Plus und was es da alles so gibt, doch bin ich auch nicht mehr der beinharte Verfechter des linearen TV – vor nun längerer Zeit schon hatte ich mir einen Bibliotheks-Ausweis geholt, Streaming 3.0! Da leihe ich mir jetzt immer Flatrate-mäßig Filme aus, die ich im Kino verpasst habe, und die ich schon immer mal sehen wollte. Für heute habe ich mir Bastian Günthers One Of These Days besorgt. Den hatte ich zwar schon – is‘ klar! – bei seiner Premiere gesehen, doch längst ist die Erinnerung daran zu einem klaustrophobischen Farbrausch in Gelb zusammengeschmolzen. +++ Jedenfalls waren wir gerade beflügelt dabei, in den fahrenden Pfandautomaten zu klettern, da sagte sie auch schon übertrieben mitfühlend zu meinem Sohn: „Waaaaas – du musst da jetzt mitkommen und die ganze Zeit mit uns rumhängen?! Das ist doch total langweilig! Naja, vielleicht finden wir irgendwas zum Spielen für dich …“ +++ Was ist eigentlich der Unterschied zwischen One of those Nights und One of these Days – außer, dass das eine stockfinster ist und das andere hell? Und ist Ihnen überhaupt einmal aufgefallen, dass das englische brilliant wesentlich logischer über die Lippen geht als das deutsche brillant? +++ Erst einige Monde nach dem Fototermin in Berlin-Buch brauchte ich mein 80 – 200er Telezoom wieder, doch nun war es nirgendwo mehr zu finden. Ich weiß nicht, wie oft insgesamt ich die üblichen Ecken der Wohnung durchsucht habe – und so sehr ich auch hoffte, das Objektiv blieb verschwunden: Vielleicht hatte ich es irgendwo in den Winkeln des Rohbaus stehengelassen, vielleicht war es vom Schwarzen Loch ihres Kofferraums verschluckt worden.

 

 

Überschrif inspired by: One Of These Days (Filmdrama) © Bastian Günther (Drehbuch/Regie), D 2020

Überschrift also inspired by: Netflix, US-amerikanischer Streaming-Anbieter, seit 1997

Bildunterschrift inspired by: Shine a Light (Konzertfilm) © Martin Scorsese (Regie), USA 2008

Bildunterschrift also inspired by: Shine a Light © The Rolling Stones, 1972

Lyrics: Sie ist weg © Die Fantastischen Vier, 1995

Book of Brilliant Things © Simple Minds, 1984

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