Sleepy Joe / Das Geburtshaus der Jenny von Westphalen.

Fiktives Vinyl: Ilse Paradies – Ei ohne Salz © Kai von Kröcher, 2006/2022

 

Wait until the shower cries for every drip breaks the ice. +++ Sagt Ihnen der Longplayer Ei ohne Salz noch etwas – von der Lichtenberger Band Ilse Paradies? Wenn mein Sohn bei mir ist und zur Schule muss, klingelt mein Wecker um 5:27 Uhr. Und wenn ich dann in der Küche stehe, Kaffee koche und Stullen schmiere, läuft im Erwachsenenradio die Rubrik Bermudadreieck. Da kann man sich Lieder wünschen, die einem persönlich auf eine Art etwas bedeuten, die sonst aber nirgends gespielt werden. Und neulich, da wollte Harry Otte aus der Grüntaler Straße im Wedding gern den Song Ei ohne Salz vom gleichnamigen Album der Gruppe Ilse Paradies hören. Politisch aufmüpfige Texte mit Blechbläsern und schrillem Gesang – einwandfrei: „Fetzig“, wie man als Musikjournalist sagen würde. Auf eine Art typisch für die Nachwendezeit: „Det könn‘ wa jetz ooch allet hier!“ +++ Das mit dem, dass man hier jetzt auch alles kann, das hab ich aus einer charmanten Geschichte von Alexander Osang. Kann mich nur nicht mehr richtig erinnern, die spielt irgendwie in der Kantine der Berliner Zeitung zu besagter Nachwendezeit: „Cappuccino, det könn‘ wa jetz ooch allet hier!“ +++ Wie auch immer, wenn man älter wird – und das wird man, ohne hier spoilern zu wollen, ganz unanfechtbar. Jedenfalls, wenn man älter wird, sitzt man, wenn alles planmäßig läuft, viel seiner verbleibenden Zeit in den einschlägigen Arztpraxen ab. Von daher möchte ich jetzt meine und die Popularität meines Blogs hier einmal nutzen, mich zu erklären und mich von aller Schuld reinzuwaschen. Warum ich kaum noch zu sehen bin im Moment. +++ Meine ständige Müdigkeit nämlich, die hat nicht allein mit dem Wecker um 5:27 Uhr zu tun: Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenunterfunktion, Blutarmut, reptiloider Puls, neurologische Ungereimtheiten – den Herzkasper vom Herbst gar nicht mal mitgezählt: Zurzeit bin ich durchaus ein Wrack. +++ Was allerdings ganz ohne Quatsch das Erstaunlichste ist, und womit ich mich unverhohlen brüsten möchte: Die letzte Untersuchung ergab einen Natriummangel wie momentan in der Ostsee. Tatsächlich muss ich jetzt immer ordentlich viel Salz in mich hineinschaufeln – Otto Normalverbraucher wird ja stets gerade das Gegenteil angeraten. +++ Und abends dann gehen, is it any wonder, um neune die Lichter aus…

 

Überschrift inspired by: Joseph „Joe“ Bidens Jr. (* 20. November 1942 in Scranton, Pennsylvania), US-amerikanischer Demokrat 

Überschrift also inspired by: Jenny Marx (* 12. Februar 1814 in Salzwedel als Johanna Bertha Julie Jenny von Westphalen; † 2. Dezember 1881 in London), dt. Sozialistin und Ehefrau Karl Marx‘

Lyrics: I Don’t Wanna © Sydney Minsky Sargeant, 2025

Bermudadreieck | radioeins | Mo. – Fr. | ca. 05:38 Uhr | UKW Berlin 95,8

Alexander Osang (* 30. April 1962 in Berlin), dt. Journalist

Fame © David Bowie, 1975

Moonage Daydream / Ei ohne Salz

Fiktives Vinyl: Ilse Paradies – Ei ohne Salz © Kai von Kröcher, 2006/2022

 

You walk past a cafe but you don’t eat when you’ve lived too long. +++ Kommt ja jetzt echt nicht oft vor, dass ich ins Kino geh‘. Als Spätgebärender schon mal erst recht nicht. Immer noch toll, dieses International – Sozialismus von der erhabenen Seite. Und als im Großen Saal gestern das Licht ausging, da hatte ‚man‘ fast seine Irritation schon vergessen. Dieses Stutzen darüber, dass an der Kinokasse da unten, nicht nur vom Feeling her. Dass da fast in der Mehrzahl Omas und Opas gestanden hatten. +++ Ich will jetzt heute viel in diesen Text hineinpacken, das mal vorweg. Und dabei ist mir das Genre der Filmrezension doch eher, wie sagt man – rutschiges Parkett? +++ Sehr schöne Platte da oben übrigens: Ei ohne Salz von Ilse Paradies. In seiner trockenen Eleganz vergleichbar vielleicht, wenn auch ganz anders: Station to Station, das Album von David Bowie – einem Künstler, über den es heute zu reden gilt. +++ Moonage Daydream, eigentlich kann ich gar nicht viel darüber sagen: Großartiger Film, Sound- und Bildgewitter – dachte ich gestern, halb im Glücksrausch versunken. +++ Der Autor Detlef Kuhlbrodt hatte da mal etwas Kluges gesagt. Das war bei ’ner Lesung, und da war dann noch so ’n anderer Typ gemeinsam mit ihm auf dem Podium, ein irgendwie etwas jüngerer. Der hatte gemeint, er habe David Bowie bis dato gar nicht gekannt. Habe sich aus gegebenem Anlass nun aber durch die Alben gehört – jetzt wisse er, worum es geht. Und Kuhlbrodt meinte, das wisse er eben nicht. Und das fand ich gut. Das wäre dann ja, sagen wir mal, als würde ich mich durch die Platten von Zarah Leander hören oder von Walther von der Vogelweide. Und dann wüsste ich plötzlich, wie das damals alles so war. +++ Nein, nein, mein Freund! +++ Als kleiner Steppke war ich ja ganz zuerst, wenn ich das noch richtig zusammenkriege: David-Cassidy-Fan – und natürlich T. Rex! Bis mein großer Bruder sich ’73 dann Aladdin Sane selber zu Weihnachten schenkte. Ganz modern über einen Plattenversand damals, analoger Online-Handel sozusagen: Oft waren die Cover am Rand dann etwas eingedrückt, das war immer sehr ärgerlich – aber so fing das an mit David Bowie und mir. +++ Time zum Beispiel werde ich auf meiner Beerdigung spielen, aber bitte nicht nachmachen! +++ Eigentlich redet Bowie die meiste Zeit in dem Film, und das ist auch gut so. Ich würde mir ungern zum Beispiel einen Film ansehen mit Kubicki, wo der die ganze Zeit labert. Oder Andrea Nahles. Oder anderthalb Stunden Friedrich Merz, alter Gevatter! +++ Arbeitstitel zu dem Plattencover heute da oben war übrigens immer Golden Years, wegen des BMWs. +++ Zum Beispiel hatte ich immer gehadert – Josef hadert, der alte Witz. +++ Jedenfalls habe ich immer mit mir gehadert, dass ich ja nur wie ein verwöhntes, dickes Kind herumsitzen musste – und alles was wichtig war, das war mir vom großen Bruder portionsweise serviert worden: Bowie, Stones, Lou Reed, Blondie, Ramones, Television, Kubrick, was es da alles so gab. Dass ich nichts von alleine. Und Bowie spricht nämlich auch über seinen älteren Bruder, den Halbbruder Terry, eine tragische Figur. Der jedenfalls habe ihn an viele Sachen herangeführt, die er (Bowie/Anm.d.Red.) sonst nicht kennengelernt hätte: „Wie ältere Brüder das halt tun“, oder so ähnlich, sagt Bowie. +++ Muss man vielleicht gar nicht hadern…

 

Überschrift inspired by: Moonage Daydream (Dokumentation) © Brett Morgen (Drehbuch/Regie), UK/D 2022

Überschrift also inspired by: Ei ohne Salz © Ilse Paradies, 2022

Lyrics: Rock ’n‘ Roll Suicide © David Bowie, 1972

Kino International | Premierenkino der DDR, eröffnet 1963 | Karl-Marx-Allee 33 | Berlin-Mitte

Station to Station © David Bowie, 1976

Morgens leicht, später laut: Singles © Detlef Kuhlbrodt/Suhrkamp Verlag, 2007

Tränen lügen nicht © Michael Holm, 1974 (Soleado-Cover)

Rock Me Baby © David Cassidy, 1972

Metal Guru © T. Rex, 1972

Aladdin Sane © David Bowie, 1973

Time © David Bowie, 1973

Golden Years © David Bowie, 1976

Wilde Maus (mit u.a. Josef Hader) © Josef Hader (Drehbuch/Regie), AT/D 2017

Terence ‚Terry‘ Burns (* 5. November 1937 in Royal Tunbridge Wells/Kent, England; † 16. Januar 1985 in London), Halbbruder von David Bowie