Jakob der Lügner / Somewhere Over the Rainbow.

Fiktive Postkarten: U-Bhf. Prinzenstraße © Kai von Kröcher, 2026

 

 

I wish I knew these things when I was young. +++ Eine etwas pikante Frage vorweg: Haben Sie schon mal eine sogenannte Midlife Crisis gehabt? Das ist ja ein bisschen, wie wenn man früher mal Ectasy probiert und sich dann ständig gefragt hat, ob das Teil jetzt schon wirkt oder nicht. I tell you, wenn es erst mal so weit ist, wissen Sie aber so was von, ob das jetzt wirkt oder nicht. Und genau so müssen Sie sich das mit der Midlife Crisis vorstellen. Als würde einem an einem Bahnübergang die Schranke unverhofft auf den Kopf fallen: Im Prinzip kann ich nur davon abraten. +++ Die Postkarte heute drückt ein bisschen dieses Gefühl aus, trifft es aber nicht ganz. +++ Die Gegend um den Roederplatz drüben in Lichtenberg ist vermutlich ebenfalls nicht das, was man gemeinhin als Kleinod bezeichnet. Aber es steht da ein Zehngeschosser mit einem Regenbogen über die oberen Stockwerke gepinselt. Mit meinem Sohn neulich fuhr ich in der Straßenbahn Linie 16 Richtung Marzahn. Wir saßen uns in so einem Vierersitz gegenüber. Neben meinem Sohn, in Fahrtrichtung mir diagonal vis-à-vis, saß ein älterer Herr, der erinnerte mich intuitiv an Armin Mueller-Stahl und trug eine Werner-Lorant-Frisur. Über dem Plattenbau mit dem Regenbogen hatten sich die Kondensstreifen zweier Flugzeuge gekreuzt wie die Schwerter von Wilkinson früher. +++ Ich war ja eher immer Gillette; Wilkinson und ich kamen nie wirklich zusammen. +++ Als Kirsche auf der Sahne, oder wie man so sagt, hatte sich, es war Nachmittag. Ein halbvoller Vollmond hatte sich genau hinter das Kreuz geschoben. Wir saßen am Fenster, ich sagte zu meinem Sohn: „Guck mal, ein Regenbogen, darüber ein Kreuz und der Mond.“ Im Augenwinkel sah ich Armin Mueller-Stahl, wie er auf seinem Gangplatz unauffällig den Oberkörper verdrehte, um ebenfalls einen Blick oben nach draußen zu werfen. Ich sah, dass er stutzte. Dann beugte er sich ganz leicht nach vorn, tippte mir mit dem Finger schüchtern ans Knie und sagte dann leise: „Entschuldigen Sie, dass ich Sie anspreche.“ Kurze Pause. „Aber das ist kein Regenbogen – das kommt von den Flugzeugen.“ Wir sahen uns an. Natürlich habe er recht, meinte ich freundlich. Bloß, auf die Fassade unter dem Himmel sei doch ein Regenbogen gemalt. Wieder warf er einen prüfenden Blick aus dem Fenster, dann versank er im Boden. Das ging mir richtig ans Herz, ihm schien das unsagbar peinlich. +++ Landsberger Allee Ecke Rhinstraße mussten wir in den Ersatzbus umsteigen. Er war wohl unendlich froh, endlich aus dieser Straßenbahn rauskommen zu können, die restliche Fahrt hatte er jeglichen Blickkontakt vermieden. Ich sah ihm lange noch nach, wie er über die breite Straße ging, dann wurde er urplötzlich von einem Blitz getroffen. +++ Sehr geehrter Herr Mueller-Stahl, sollten Sie das zufällig hier lesen: das war doch alles nun wirklich nicht schlimm, Sie haben einfach nicht auf die Hauswand geachtet – das hätte echt ohne Quatsch jedem passieren können!

 

Überschrift inspired by: Jakob der Lügner (Literaturverfilmung nach Jurek Becker) © Frank Beyer (Regie), DDR/ČSSR 1974

Überschrift also inspired by: Jakob der Lügner (Literaturverfilmung nach Jurek Becker) © Peter Kassovitz (Regie), USA/F/HU 1999

Überschrift also inspired by: Over the Rainbow (aus: Der Zauberer von Oz) © Harold Arlen (Komposition), E. Y. Harburg (Text), 1939

Lyrics: Rein Me In © Sam Fender & Olivia Dean, 2025

Armin Mueller-Stahl (* 17. Dezember 1930 in Tilsit/Ostpreußen), dt. Schauspieler, Maler, Musiker und Schriftsteller

Werner Lorant (* 21. November 1948 in Welver; † 20. April 2025 in Wasserburg am Inn), dt. Fußballspieler und -trainer (1860 München u.a.)

 

Sleepy Joe / Das Geburtshaus der Jenny von Westphalen.

Fiktives Vinyl: Ilse Paradies – Ei ohne Salz © Kai von Kröcher, 2006/2022

 

Wait until the shower cries for every drip breaks the ice. +++ Sagt Ihnen der Longplayer Ei ohne Salz noch etwas – von der Lichtenberger Band Ilse Paradies? Wenn mein Sohn bei mir ist und zur Schule muss, klingelt mein Wecker um 5:27 Uhr. Und wenn ich dann in der Küche stehe, Kaffee koche und Stullen schmiere, läuft im Erwachsenenradio die Rubrik Bermudadreieck. Da kann man sich Lieder wünschen, die einem persönlich auf eine Art etwas bedeuten, die sonst aber nirgends gespielt werden. Und neulich, da wollte Harry Otte aus der Grüntaler Straße im Wedding gern den Song Ei ohne Salz vom gleichnamigen Album der Gruppe Ilse Paradies hören. Politisch aufmüpfige Texte mit Blechbläsern und schrillem Gesang – einwandfrei: „Fetzig“, wie man als Musikjournalist sagen würde. Auf eine Art typisch für die Nachwendezeit: „Det könn‘ wa jetz ooch allet hier!“ +++ Das mit dem, dass man hier jetzt auch alles kann, das hab ich aus einer charmanten Geschichte von Alexander Osang. Kann mich nur nicht mehr richtig erinnern, die spielt irgendwie in der Kantine der Berliner Zeitung zu besagter Nachwendezeit: „Cappuccino, det könn‘ wa jetz ooch allet hier!“ +++ Wie auch immer, wenn man älter wird – und das wird man, ohne hier spoilern zu wollen, ganz unanfechtbar. Jedenfalls, wenn man älter wird, sitzt man, wenn alles planmäßig läuft, viel seiner verbleibenden Zeit in den einschlägigen Arztpraxen ab. Von daher möchte ich jetzt meine und die Popularität meines Blogs hier einmal nutzen, mich zu erklären und mich von aller Schuld reinzuwaschen. Warum ich kaum noch zu sehen bin im Moment. +++ Meine ständige Müdigkeit nämlich, die hat nicht allein mit dem Wecker um 5:27 Uhr zu tun: Vitamin-B12-Mangel, Schilddrüsenunterfunktion, Blutarmut, reptiloider Puls, neurologische Ungereimtheiten – den Herzkasper vom Herbst gar nicht mal mitgezählt: Zurzeit bin ich durchaus ein Wrack. +++ Was allerdings ganz ohne Quatsch das Erstaunlichste ist, und womit ich mich unverhohlen brüsten möchte: Die letzte Untersuchung ergab einen Natriummangel wie momentan in der Ostsee. Tatsächlich muss ich jetzt immer ordentlich viel Salz in mich hineinschaufeln – Otto Normalverbraucher wird ja stets gerade das Gegenteil angeraten. +++ Und abends dann gehen, is it any wonder, um neune die Lichter aus…

 

Überschrift inspired by: Joseph „Joe“ Bidens Jr. (* 20. November 1942 in Scranton, Pennsylvania), US-amerikanischer Demokrat 

Überschrift also inspired by: Jenny Marx (* 12. Februar 1814 in Salzwedel als Johanna Bertha Julie Jenny von Westphalen; † 2. Dezember 1881 in London), dt. Sozialistin und Ehefrau Karl Marx‘

Lyrics: I Don’t Wanna © Sydney Minsky Sargeant, 2025

Bermudadreieck | radioeins | Mo. – Fr. | ca. 05:38 Uhr | UKW Berlin 95,8

Alexander Osang (* 30. April 1962 in Berlin), dt. Journalist

Fame © David Bowie, 1975