Heißer Sand und ein verlorenes Land / Damals bei uns daheim.

Oktapolare Fotografie: Heinrich-Heine-Straße © Kai von Kröcher, 2021

 

There’s no hiding in memory, there’s no room to avoid. +++ Was ich mit Weihnachten so für Musik verbinde? Im Ernst? Warum fragen Sie mich hier solche Sachen? +++ Aber interessant, wenn man zufällig und ganz nebenbei Dinge erfährt. Über Personen des öffentlichen Lebens zum Beispiel, die man für gewöhnlich reflexartig verspotten würde. Oder war Ihnen bekannt, dass Manfred Nidl ohne Quatsch sieben Sprachen spricht und seine Schlager in zwölf Sprachen gesungen hat? +++ Okay, Weihnachten Nummer eins wohl ganz klar Love Me Do von den Beatles! Gleich mit dem ersten Ton der Mundharmonika – das wird auf ewig gleichbedeutend mit dem Heiligen Abend für mich sein. Meine ein Stückchen ältere Schwester besaß schon einen kleinen Plattenspieler, als ich gerade zu laufen begann. Könnte vom Feeling her einer von Philips gewesen sein. Den baute sie an Weihnachten immer neben dem Weihnachtsbaum auf. Damit, und das fällt mir in diesem Moment erst auf, war sie tatsächlich der erste DJ in unserer Familie. Über den Heiligen Abend spielte sie sich durch ihre 7″-Singles-Sammlung: Love Me Do, hundertmal, von den Beatles, die waren damals der neueste Schrei. Dann Tommy Roe, glaube ich, mit dem Song Sheila – dazu ließ es sich gut auf dem imaginären Besenstiel durch die Stube galoppieren. Tiefstens eingebrannt ebenfalls Georgia on My Mind von dem auf anheimelnde Art erkältet klingenden Ray Charles – da krabble ich wie von Zauberhand sofort wieder als Nesthäkchen neben dem Tannenbaum über den pieksigen Perser, habe Kerzenduft um die Nase und stopf‘ mich mit Lebkuchen und Spekulatius voll. +++ Weiß nicht, warum heute das Bild mit der Heinrich-Heine-Straße – diese Art blaues Raster stört irgendwie. +++ Neben weiteren englischen Titeln gab es durchaus auch deutsche: Connie Francis beziehungsweise Mina an vorderster Stelle – Heißer Sand, ein Lied um einen verwegenen Tino oder so und um die Liebe, und dass es einmal schöner war. Geheimnisvoll arabisch-orientalisch, erzählt es von einer abenteuerlichen Begebenheit in einem unbekannten Land. Und löste damit das wohl erste Fernweh meines Lebens aus. +++ Aber wozu wollten Sie das jetzt eigentlich alles wissen? +++ Und wo wir hier gerade in solch besinnlicher Runde beisammen sind (und wenn mich mein Schultschetschenisch nicht allzu sehr an der Nase herumführt): Bei den Kadyrows zu Hause in Tsentaroi in der Region Kurchaloyevsky liegt in diesem Jahr Reinhard Meys Nein, meine Söhne geb’ ich nicht in der Christmas-CD-Edition auf dem Gabentisch.

 

Überschrift inspired by: Heißer Sand © Mina, 1962

Überschrift also inspired by: Damals bei uns daheim (Kindheitserinnerungen) © Hans Fallada, 1941

Lyrics: The Carpet Crawlers © Genesis, 1974

Freddy Quinn (* 27. September 1931 in Wien als Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl, später Nidl-Petz, auch Manfred Quinn), österr. Sänger und Schauspieler

Love Me Do © The Beatles, 1962

Sheila © Tommy Roe, 1962

Georgia on My Mind © Ray Charles, 1960 (Coverversion)

Heißer Sand © Connie Francis, 1966 (Coverversion)

Ramsan Kadyrow (* 5. Oktober 1976 in Tsentaroi, Region Kurchaloyevsky/UdSSR), tschetschenischer Bluthund

Nein, meine Söhne geb ich nicht © Reinhard Mey, 1986

Ende der Halbwertszeit / Die Nichte von van Nistelrooy.

Fiktives Vinyl: Cindy Incidentswert – Gefahren des Ruhms © Kai von Kröcher, 2014/2022

 

I had so many breakthroughs but you, my love, were kind. +++ Auf dem Spaziergang zum Einkaufen neulich kam mir morgens eine gemischte Group Pubertierender entgegen. Ein großer Pausbäckiger gockelte vorne heraus: „Das ist die Nichte von van Nistelrooy!“ – ein Abgehängter hinten reckte den Hals: „Von wem?!“ +++ Wie Sie bemerkt haben werden, bin ich gerade dabei, manchem meiner fiktiven Plattencover – dieser fotografischen Serie, die mein vielleicht wichtigster Durchbruch werden soll. Da habe ich teilweise noch einmal Hand angelegt, der Sache einen nicht unerheblichen Feinschliff verpasst: Eines meiner absolut liebsten Motive übrigens (oben) – ich könnte Ihnen gar nicht beschreiben, was dieses Bild alles erzählt. +++ Mein Sohn hatte sich letztens gewünscht, den nächsten Tag mal mit der S7 nach Potsdam zu fahren. Es schüttete in Strömen, aber Potsdam gefiel uns beiden ganz gut – wir flanierten durchs Nauener Tor und gönnten uns Zuflucht in einem Japanischen Restaurant. +++ Der anerkennend „tschetschenischer Bluthund“ genannte Ramsan Kadyrow will die ehemalige DDR ja zeitnah der Sowjetunion rückübertragen, und sein Vorschlag erfüllt mich, ehrlich gesagt, wie sagt man – mit Wehmut. +++ Das Foto (oben) hatte ich damals im damals schon ehemaligen Bezirk Rostock aufgenommen, und ich kann Ihnen gar nicht beschreiben, was dieses Bild alles erzählt. +++ Aber lustig: Der Bandname („Cindy Incidentswert“/Anm.d.Red.) ist mittlerweile schon derart antiquiert, da werden die jungen Leute bald nichts mehr mit anfangen können.

 

Überschrift: Ende der Halbwertszeit © Kai von Kröcher, 2023

Überschrift also inspired by: Ruud van Nistelrooy (* 1. Juli 1976 in Oss, Provinz Nordbrabant), niederl. Fußballprofi und Trainer

Lyrics: Time © David Bowie, 1973

Cindy Incidentally © Faces, 1973

Hako Ramen | Brandenburger Str. 47 | 14467 Potsdam

Partielle Finsternis / Smash.

Fiktives Vinyl: Gerrit Kadyrow – Ihr immer mit eurem Sex © Kai von Kröcher, 2008/2022

 

Standing in the door of the Pink Flamingo, crying in the rain. +++ Das war ja schon irgendwie komisch: Den „alten“ Gesundbrunnen, wenn man das überhaupt so sagen darf. Der alte Gesundbrunnen, so wie ich ihn gekannt und geliebt habe – das waren ja auch nur Behelfsbauten der Nachkriegszeit. Eine chemische Reinigung hat es gegeben, wenn ich mich recht erinnere. Ich glaube, auch einen „Chinesen“ – und die Musik-Kneipe White Wedding natürlich! Vor Augen habe ich auch einen Schrauber, der mit dutzenden alten DS handelte – der Göttin! +++ Der noch einmal ältere Gesundbrunnen, wie Otto Nagel ihn vielleicht noch gezeichnet hat, der noch verschwundenere Gesundbrunnen – alles längst gar nicht mehr wahr. +++ Die partielle Sonnenfinsternis gestern empfand ich als Eingriff in meine Persönlichkeitsrechte, ich habe nicht daran teilgenommen. +++ Und erst der Bahnhof Gesundbrunnen selbst – ein verwunschener Traum! Der hatte ja zwei oder drei uralte Bahnsteige, von denen wurde nur noch der eine genutzt, wegen der Mauer. Alles andere überwuchert, dazu die alte S-Bahn. +++ An dieser Stelle möchte ich an meine beiden Petitionen erinnern: „Baureihe 483/484 FUCK OFF!“ – und nicht zu vergessen die Petition, eine Tötung Bolsonaros als Möglichkeit in Betracht zu ziehen. +++ Okay – der neue Bahnhof Gesundbrunnen ein beschissener Klotz, das Gesundbrunnen-Center eine architektonische Ohrfeige. Über die Leute da mag man nichts sagen, als erstes streunte einer mit Ramsan-Kadyrow-Bart umher, im Vergleich zu dem tschetschenischen Original aber weitaus weniger freundlich-gemütlich. Und dann stand mir halt tatsächlich der Anton Hofreiter gegenüber. Vom Typ her meinem Lieblingsdeutschlehrer in seinen Cordhosen damals verblüffend ähnlich – und ich dachte, der Hofreiter wird das kaum sein, eher ein Doppelgänger. Deshalb habe ich den nicht angeschaut, weil den das natürlich nervt. +++ Das Jugendwort des Jahres übrigens, Sie haben es gestern gehört: das Jugendwort ist in diesem Jahr „Smash“ – eine Nachrichtensprecherin im Radio erklärte das in etwa mit „Sexhaben“.

 

Überschrift inspired by: Partielle Sonnenfinsternis – gestern Mittag über der BRD

Überschrift also inspired by: Smash – Jugendwort des Jahres 2022

Lyrics: Say Hello, Wave Goodbye © Soft Cell, 1981

Otto Nagel (* 27. September 1894 in Berlin-Wedding; † 12. Juli 1967 in Berlin-Biesdorf), deutscher Maler – seit 1970 postum Ehrenbürger von Berlin

White Wedding © Billy Idol, 1982

Citroën DS: Modellreihe der frz. Automobilmarke Citroën, gebaut vom 4. Oktober 1955 bis zum 24. April 1975

Anton Gerhard „Toni“ Hofreiter (* 2. Februar 1970 in München), deutscher Politiker und Biologe

Ramsan Achmatowitsch Kadyrow (* 5. Oktober 1976 in Zentoroi, Tschetscheno-Inguschische ASSR), russischer Politiker und Präsident der Teilrepublik Tschetschenien

Blockbuster / What Becomes of the Brokenhearted.

Fiktives Vinyl: Reisebüro – Im Auge der Schöpfung © Kai von Kröcher, 2013/2022

 

The world on your shoulders, the love of your mother, the fear of the future. +++ Was passiert eigentlich mit dem Internet in einem Atomkrieg? Ist dann alles einfach finito, Maschina kaputt, als hätte man nie gelebt – oder wird dieser/-ses Blog hier die Zeit überdauern? +++ Sie werden lachen, aber solche Fragen stellt man sich heutzutage. Neulich in der Passage, also im Kinosaal 4 unten im Keller. Der schlimmste Mensch der Welt war gefühlt ja im Frühjahr gestartet. Und in der norwegischen Originalfassung wahrscheinlich eh nicht der Blockbuster. Vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch zum Cineasten, fänd‘ ich okay. In der Vorabendauffürung über den Daumen immerhin aber acht Zuschauer. Massive, gemauerte Stützpfeiler – nehmen viel von dem abgedunkelten Raum ein. Dafür aber sicher – im Zweiten Weltkrieg vermutlich ein Luftschutzkeller. Ich dachte versonnen: Was, wenn der Film zu Ende ist – und man kommt dann da hoch, und alles dem Erdboden gleich? +++ Das Album der Gruppe Reisebüro heute – ein Schelm, wer an Kubrick Kubicki dabei denkt, den alten Stammtischproleten: Ich wäre gern tot und eine Fotografie (hinter dem Tresen meiner Lieblingsbar). Eigentlich hätte ich beinah gedacht, über die Monate hätten wir bald an die einhundert der besten Schallplatten aller Zeiten hier vorgestellt. Müsste man einfach mal zählen – dürften aber, naja. Doch irgendwann muss Schluss damit sein, Kunst sollte nicht langweilen. +++ Das hatte vielleicht etwas verwirrend geklungen, gestern. Dass da am Ende im Film eine Standfotografin auftaucht. Das war jetzt kein Missgeschick, kein Fehler vom Kameramann oder so. Aus Versehen die Standfotografin mit im Bild, nein, nein: die Hauptfigur im Film arbeitet am Schluss als Standfotografin, das wollte ich klarstellen. Sonst denken Sie noch, was ist das denn für’n Film!

 

Überschrift inspired by: Block Buster! © The Sweet, 1973

Überschrift also inspired by: What Becomes of the Brokenhearted © Jimmy Ruffin, 1966

Lyrics: The Love of Richard Nixon © Manic Street Preachers, 2004

Jenseits von Eden © Nino de Angelo, 1983

Verdens verste menneske (dt. Der schlimmste Mensch der Welt) © Joachim Trier (Regie, Drehbuch), N/F/S/DK, 2021

Brian Connolly (* 5. Oktober 1945 in Govanhill, Glasgow/Schottland; † 9. Februar 1997 in Slough, Berkshire/England), Sänger der Sweet

Passage-Kino | Karl-Marx-Straße 131 | Berlin-Neukölln

Hochtief / Atom Heart Mother.

Fiktives Vinyl: Regina Novakovich – Vor- und Nachteil eines taktischen Atomschlags © Kai von Kröcher, 2013/2022

 

It’s gonna get fast, just keep a level head and remind to interchange past.

 

Überschrift inspired by: Lang Lang (* 14. Juni 1982 in Shenyang, Provinz Liaoning, China), Pianist

Überschrift also inspired by: Atom Heart Mother © Pink Floyd, 1970

Lyrics: Inamorato © Thus Love, 2022