Penny Lane / Die Ambivalenz einer sehr beschissenen Bohnensuppe.

Irgendwie Ilse Aichinger: Stockwerk mäßig ein Abstieg, für den Ausblick muss man sich aus dem Fenster lehnen © Kai von Kröcher, 2020

 

Ich sitz’ am Kai und seh’ die Möwen um die Kräne immer kreisen, bis ich weine. +++ Da sieht man jetzt mal, wie sehr man ohne den ganzen Photoshop-Firlefanz mittlerweile gar nicht mehr lebensfähig ist: Das Bild heute kommt nämlich ganz unbearbeitet direkt aus der Kamera – dafür sah der Moment (oben) in echt echt ein bisschen so aus wie ein Film früher mit Herbert Herrmann oder auch mit dem anderen, der war ja so ähnlich, nämlich Bernd Herzsprung. +++ Apropos ‚Herzsprung‘: In einem inspirativen, literativen Moment kurz nach dem Umzug hatte ich seinerzeit ein paar Zeilen Prosa auf einen Zettel gebracht, den geh‘ ich mal suchen. +++ Anderthalb Monate ohne Laptop waren zwar ganz entspannt; beinah wie früher, ein Film mit Bernd Herzsprung. Obwohl Herbert Herrmann auf Fotos mich heute doch eher an unseren Promiarzt erinnert, finden Sie nicht? Angeblich plant der ja, seine Praxis aufzugeben, das hat mir im Herbst mal ein Promi gesteckt. +++ Die Zeit jedenfalls, die einem sonst Facebook und Google und Photoshop wegfraßen, die hat man nun einfach mit seinem Sohn bei den Schwänen verbracht. Und jetzt, wo das Laptop zurück ist – weil übrigens ohne Quatsch Explosions- oder Feuergefahr bestand, jetzt hat man ein halbes neues Gerät in der Hand. Und da sich daher anscheinend die Identifikation oder so geändert hat, da kommt man dann nicht mehr in seine eigenen Programme und kann nicht mehr arbeiten – kreativ fühlt man sich da, das gebe ich offen zu: Man fühlt sich da eingeengt und -gezwängt wie in einem Kastenstand, falls Sie die klaustrophobische Metapher verstehen. +++ Das muss jetzt ganz schnell mal einer wieder in Ordnung bringen. +++ Ich habe den Zettel gefunden, wenigstens schreiben kann man mit meinem Laptop noch – das hätte auch meine Erika-Schreibmaschine seinerzeit hingekriegt: „Dieses kurze Stück Weg, wo der Blick sich öffnet, der Kanal liegt plötzlich da wie ein Fluss. Ich habe die Ufer gewechselt: Vom dritten Stock, Sonnenseite, in einen Nachkriegsbau mit Blick auf den Krankenhausparkplatz. Im Erdgeschoss eine Kita, die Kinder spielen manchmal im Hof. Auf dem Weg zu den Mülltonnen vorhin ging ich an einer der Gärtnerinnen vorbei, selbst noch ein halbes Kind. Ich habe mir ein Brötchen zum Frühstück gemacht: ein Brötchen mit Marmelade und stehe am Fenster.“

 

Überschrift inspired by: Penny Lane © The Beatles, 1967

Lyrics: Zwei Jungs am Hafen © Manfred Maurenbrecher, 1981

Wo ich wohne © Ilse Aichinger, 1963

Believe in Miracles / Ein kleiner Schritt für die Menschheit.

Herbstfotografie: „Am Fenster“ © Kai von Kröcher, 2019

 

Ach, auch mein Gefieder nässt der Regen, flieg ich durch die Welt. +++ Heute würde ich gerne mit Ihnen noch einmal über die Möwen von neulich sprechen. Das Besondere nämlich, am Wasser zu stehen und Möwen zu füttern – man kann Blickkontakt mit ihnen aufnehmen. Stücke von Brot, Kuchen und Kokain in die Luft werfen und mittels Gedankenübertragung, nee, das ist Quatsch. Aber man kann für die paar Minuten am Ufer tatsächlich eine Art Beziehung zu den Tieren aufbauen. Und während sie von Runde zu Runde immer enger um einem seinen Kopf herumfliegen, da muss man zwangsläufig an den Schwarzweißklassiker Die Vögel von Edgar Wallace denken – denn die Schnäbel zum Beispiel, wenn man die sich so aus der Nähe ansieht, da möchte man keinen von denen ins Auge bekommen. +++ Dänen lügen nicht. +++ Was mir dabei einfällt: Lance Armstrong war nie auf dem Mond, Ulle höchstens einmal auf ’nem Trip. +++ Hervorragender Joke! +++ Bei Kaiser’s Rewe am Kottbusser Tor haben sie im Untergeschoss übrigens Toilettenpapier ihrer Eigenmarke, das nennt sich Believe in Miracles – vielleicht sollte ich doch noch auf Werbetexter bzw. auf Produktnamenausdenker umsatteln. +++ Was mir später nämlich dann zu den Möwen noch einfiel, da waren doch am Ende noch diese zwei jungen Frauen mit ihren Analogkameras gekommen (Ihr seid solche Fucker berichtete). Ich stand mit dem Kopf inmitten des gierigen Vogelschwarms, zu meinen Füßen, im Wasser, geiferten Schwäne, Enten und Blesshühner nach einem Stück Rossmann Knabberstange für Kinder. Otto saß in seinem Buggy und sah sich die Sache aus einem gewissen Sicherheitsabstand heraus an. Ein ziemliches Tohuwabohu also, und die eine der analogen Frauen kroch knipsend über den Boden, hielt staunend kurz inne und meinte halb außer Atem: „Krass, die ganzen Viecher!“ +++ Ich fand das sehr auf den Punkt gebracht.

 

Überschrift inspired by: Believe in Miracles („Toipa“, 3-lagig) © Rewe, 2019

Überschrift also inspired by: „Ein kleiner Schritt für mich, ein großer Schritt für die Menschheit“ © Neil Armstrong, 1969

Bildunterschrift inspired by/Lyrics: Am Fenster © City, 1977

Die Vögel („The Birds“) © Alfred Hitchcock (Regie), USA 1963

Dänen lügen nicht © Otto Waalkes, ca. 1975

Außer Atem („À bout de souffle“) © Jean-Luc Godard (Drehbuch/Regie), F 1960

D’yer Mak’er / The Deaf Ones from Kottbusser Tor.

Urbanhafen im Herbst (Sonnenuntergang) © Kai von Kröcher, 2019

 

It’s so cold in the air, put the bud in my ear. +++ Der Post gestern war noch nicht sonderlich lange in die Umlaufbahn eingetaucht, sagt man das so? Er war jedenfalls noch nicht allzu lange „draußen“, da fiel mir schon siedend heiß ein: Maker’s Mark hat überhaupt keinen Schraubverschluss, sondern eher einen kleinen Korken. Dass er aber Maker’s Mark heißt, das wollte mir noch immer nicht einfallen. Und dass er angeblich kein Kentucky Straight Bourbon ist, sondern irgendwas anders – das lässt jetzt auch nicht gerade auf besonders viel Insiderwissen schließen, aber egal. +++ Hauptsache, die Quote stimmt. +++ Sex. +++ Heute also wieder mal ein Herbstfoto: Ich werde diesen Ausblick vermissen, aber Leben heißt Veränderung – das sagt schon die Deutsche Wohnen. +++ Was ich sonst noch erzählen wollte: Otto hört gerne Radio – beim Frühstück fordert er mich immer auf, das Transistorgerät einzuschalten. Besonders gut gefiel ihm heute der Bombay Bicycle Club. +++ Auf der Straße heute winkte er übrigens mehrmals Tauben zu. Eine saß schlaftrunken am Kottbusser Damm an einem Fenster im ersten Stock – sich sanft in den Halbschlaf dösend, den Kopf eingemummelt im aufgeplusterten Gefieder. „Drecksviecher“, dachte ich schamvoll – zu Otto sagte ich voller Verständnis: „Die wird sich ihr Dasein auch nicht ausgesucht haben!“ +++ Toll allerdings ist dieser riesige Taubenschwarm da am Kottbusser Tor, der zieht über dem Hochbahnhof seine Kreise. Aufgescheucht jedesmal, nehme ich an, wenn ein U-Bahnzug einfährt. +++ Erinnert mich immer an den Film Birdy; der Soundtrack war, glaube ich, von Peter Gabriel, kann das sein? +++ Deswegen bin ich noch lange kein schlechter Mensch! +++ Besser gefielen mir heute aber die Möwen, die ich mit Otto unten am Urbanhafen fütterte: Ich warf Stücke von Rossmann-Kinderknabberstangen in die Lüfte, die Möwen führten unglaublich geschickt in der Luft ihre Manöver vor: Im Flug können sie auf einem Bierdeckel wenden und mit dem Schnabel blitzschnell Stücke von Rossmann-Kinderknabberstangen wegschnappen. Auf einmal knieten zwei jungen Frauen hinter uns auf dem Boden und schossen Analogfotos mit ihren Analogkameras und waren begeistert. +++ Und während unbescholtene Leser mit banalen Sonnenuntergangsfotos hier und harmlosen Vogelgeschichten eingelullt werden, wird hinter verschlossenen Türen längst schon an wegweisenden neuen Bildern gearbeitet, zumindest über sie nachgedacht. +++ Der oder das Blog hier fungiert demnach als eine Art Tarnkappenbomber, er lenkt von den falschen Tatsachen ab. +++ Das Bild ist sprachlich so was von schief, das könnte von Edmund Stoiber sein.

 

Überschrift inspired by: D’yer Mak’er © Led Zeppelin, 1973

Überschrift also inspired by: Kottbusser Tor | 10999 Berlin

Lyrics: Eat, Sleep, Wake © Bombay Bicycle Club, 2019

Maker’s Mark, Kentucky Straight Bourbon – seit 1959 in Loretto/Kentucky gebrannt

Birdy © Alan Parker (Regie), UK 1984

Edmund Stoiber (*1941 in Oberaudorf/Oberbayern), dt. Wortakrobat und Politiker