And Time Goes By So Slowly / Nur nach Hause fahr’n wir nicht.

Fiktive Postkarten: Olympiastadion Berlin © Kai von Kröcher, 2024

 

My mother cried when President Kennedy died. +++ Wenn Sie zurückdenken an die WM ’74, vermutlich fallen Ihnen da zum Beispiel der Mann mit der Mütze, Neeskens‘ Elfmeter in der zweiten Minute, das Zeltdach von München, die Wasserschlacht Frankfurt ein. Aber erinnern Sie sich zufällig auch an den Balljungen, der beim Aufeinandertreffen DDR gegen Chile im Berliner Olympiastadion (1:1) damals am Spielfeldrand stand? Ich auch nicht – und da will ich Sie, um kurz einen Running-Gag des bekannten Diktators Pinochet zu zitieren. Da will ich Sie jetzt nicht groß auf die Folter spannen: Ganz ohne Quatsch nämlich war es Pierre Littbarski, der da bei dem Spiel einen Einsatz als Balljunge hatte. Den bringt man ja heute in erster Linie mit dem 1. FC Köln in Verbindung. Der zur Zeit der WM tatsächlich aber noch bei seinem ersten Verein, dem VfL Schöneberg, spielte. +++ Ziemlich genau, lassen Sie mich kurz überschlagen, fünfzig Jahre liegen zwischen dem Spiel und dem Foto (oben). In der Zeit ist eine Menge passiert, fürwahr: Zum Beispiel, ich weiß nicht, ob Sie das mitbekommen haben, gibt es die DDR so als Staat gar nicht mehr. Staub im Wind der Geschichte. Jürgen Sparwasser übrigens war, was ich nicht wusste, 1988 bei einem Gastspiel der Altherrenmannschaft des 1. FC Magdeburg in Saarbrücken von, laut Nachrichtendienst ADN, sportfeindlichen Kräften zum Verbleib in der BRD abgeworben worden. +++ Und apropos ‚Zeit‘: Bei meinem Streaming-Dienst Amerika-Gedenk-Bibliothek hatte ich mir neulich Die Zeitmaschine ausgeliehen. Mir macht das totalen Spaß, das ist so unbelievable-mäßig analog. Fast aus der Zeit gefallen, wie man so sagt. Manche würden sogar behaupten: Zeitverschwendung. Ich aber habe mir sogar schon im Kulturzentrum Marzahn etwas ausgeliehen, häufiger auch in der Stadtteilbücherei Steglitz. Die Zeitmaschine ist toll, wenn man auf liebenswert angestaubte Effekte steht. Gewundert hatte mich allerdings, dass der Streifen in Farbe ist. Das letzte Mal, dass ich ihn wohl im Fernsehen sah, muss demnach noch auf unserem Schwarzweiß-Gerät von Nordmende gewesen sein. Ich hatte auch gar nicht nachgesehen, von wann genau der eigentlich ist – und als die Hauptfigur George im Jahr 1966 halt macht, und man hört im Hintergrund so ein ohrenbetäubendes Kreischen, da dachte ich: ach so, die Beatles! War dann aber nur ein Atomkrieg…

 

 

Überschrift inspired by: Unchained Melody © The Righteous Brothers, 1965 (Cover)

Überschrift also inspired by: Nur nach Hause (Fußball-Hymne, Hertha BSC) © Frank Zander, 1993 (zur Melodie von Sailing)

Lyrics: Born in the 50s © The Police, 1978

Johannes Jacobus „Johan“ Neeskens (* 15. September 1951 in Heemstede, Nordholland; † 6. Oktober 2024 in Algerien), niederl. Fußballnationalspieler

Chile – DDR (1:1) | WM ’74 | 18. Juni 1974 | Berliner Olympiastadion | Zuschauer: 20.000

Augusto José Ramón Pinochet Ugarte (* 25. November 1915 in Valparaíso, Chile; † 10. Dezember 2006 in Santiago de Chile), chilenischer General und Diktator

Pierre Littbarski (* 16. April 1960 in West-Berlin), dt. Fußballspieler und Weltmeister

Jürgen Sparwasser (* 4. Juni 1948 in Halberstadt), dt. Fußballnationalspieler

Die Zeitmaschine (The Time Machine – Science-Fiction-Film mit Rod Taylor) © George Pal (Regie), USA 1960

 

Manic Street Preachers / Über glühende Kohlen gehen.

Berlin-Hasenheide/Neue Welt: Thinking of Hans Baluschek © Kai von Kröcher, 2007

 

Dependent on above, searching for the Dead Sea scrolls. +++ Heute wurde ich wach. Es war dunkel, der Sohn neben mir lachte im Schlaf kurz auf, was ich zunächst für ein Schluchzen hielt. Die Wanduhr im anderen Zimmer würde bald viermal schlagen – da lag ich nun also im Dunkel der Nacht und grübelte spontan über Christoph Daum nach. Ob er seine Spieler seinerzeit tatsächlich über glühende Kohlen hat laufen lassen, und ob ich das auch machen würde – über glühende Kohlen laufen. +++ Das Bild heute, ich hatte es gestern beim Erstellen einer Sicherungskopie entdeckt. Ich mag diese alten Bilder, fast keine Bearbeitung mit Photoshop. Analog aufgenommen, glaube ich, mit der Rollei 6×6 auf Mittelformat-Diafilm, anschließend gecrossed. Kam mir damals irgendwie schräg vor. Im Sinne von schief, nicht im Sinne von abgefahren: stürzende Linien, die Autos nicht perfekt in der Symmetrie. +++ Ich bin Ihnen noch eine Geschichte schuldig mit dem Kraftwerk Gottes und Aperol Spritz. +++ Man schmeckt auf dem Bild förmlich den Morgentau. Anfang März 2007 auf dem Parkplatz der Neuen Welt – einstmals berühmt als Vergnügungsschankgarten, heute Bauhaus, Bowling, Denny-Boys Biomarkt. +++ Gestern war ich mit dem Sohn in Friedenau durch die Ceciliengärten geschlendert, am Rande sprachen wir über Hans Baluschek. Der hatte zeitweilig eine Ehrenwohnung dort bewohnt, bevor der Faschismus ihm als entarteten marxistischen Künstler jegliche Ehren absprechen sollte. Mein Bild mit den zwei Autos erinnerte mich später am Abend an ihn. +++ Jetzt will ich Sie aber nicht länger auf die Folter spannen: Das Kraftwerk Gottes, die Kirche am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf nämlich – auf dem Wege zur U-Bahn letztens hatten besagter Sohn und ich kurz davor innegehalten. Eine Tafel klärte uns über die Neue Sachlichkeit und die Ähnlichkeit auf zur Architektur des Kraftwerkes Klingenberg. Da hörten wir in der Ferne eine Rollstuhlfahrerin hysterisch herumschreien. Sie kam uns langsam entgegengerollt, das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Wortlos schauten wir uns mit diesem Die-hat-doch-auch-einen-an-der-Klatsche-Blick an: „Tod den Grünen, Tod den Grünen, Tod den Grünen!!!“, brüllte sie, dabei besessen mit dem Oberkörper auf- und abwippend. Sie hatte uns längst ins Visier genommen – und als sie an uns vorüberzog, funkelte sie mich linkisch von unten an: „Du bist doch ganz bestimmt auch gespritzt!“

 

Überschrift inspired by/Lyrics: So Why So Sad © Manic Street Preachers, 2001

Überschrift also inspired by: Christoph Daum (* 24. Oktober 1953 in Zwickau; † 24. August 2024 in Köln), dt. Fußballtrainer

Hans Baluschek (* 9. Mai 1870 in Breslau; † 28. September 1935 in Berlin), dt. Maler, Grafiker und Schriftsteller, gehörte der Berliner Secession an

Kirche am Hohenzollernplatz, Berlin-Wilmersdorf – genannt „das Kraftwerk Gottes“