Verdammt lang her / Künstler in die Produktion.

Fiktives Vinyl: Kurz Kurz spielt Schumann © Kai von Kröcher, 2021/2022

 

And it seems to me you lived your life. +++ Sagt Ihnen der Kärcher-Laden am Ende der Körtestraße etwas? Eine Art Flagship-Store für Profigeräte: Hochdruckreiniger, Kehrmaschinen, pipapo. Mein Sohn liebt diesen Laden, und oft stehen wir davor. Es ist nie jemand drin, das ist seltsam. Keine Kundschaft, kein Personal. Im Schaufenster aber sind Spielzeug-Miniaturen von Schneeräumgefährten und Kehrwagen, Hochdruckreinigern, Bohnermaschinen aufgebaut – und wäre da drinnen jemals einer zu sehen gewesen: wir hätten längst mal gefragt, ob man die Teile auch kaufen kann. +++ Ist der Joke mit Lang Lang etwas zu flach? Vielleicht wäre „Hochtief“ ein viel geilerer Künstlername gewesen – aber das Cover zumindest ist super. +++ Seit einiger Zeit suche ich die Nähe zum saudischen Königshaus – womit ich heute spontan aber in die Runde platzen möchte, ist etwas anderes. Das ist jetzt auch gar nicht ironisch gemeint oder so. Weil, und da baue ich auf die Schwarmintelligenz. Jedes Mal nämlich, wenn ich hier an meinen brillanten Texten feile, mit denen man kein einziges Kind ernährt. Da frage ich mich, ob ich meine Zeit nicht sinnvoller oder wenigstens lukrativer, falls Sie verstehen. Da ich aber mehr so der BEAR-Typ bin (Ihr seid solche Fucker berichtete), stehe ich vor diesem einen Leben wie die Kuh vorm neuen Scheunentor. +++ Soll also heißen, ich suche gerade latent eine Anstellung, kann aber vor Wald keine Bäume sehen – und vielleicht kommen an dieser Stelle ja Sie jetzt ins Spiel?! +++ Seit ein paar Wochen jedenfalls stehen Schilder im Schaufenster da in dem Kärcher-Laden: Die Spielzeuge im Fenster seien nur Deko und nicht zu verkaufen. Damit wäre die Sache nun auch endlich geklärt. Und drinnen hängt ein großer Flachbildschirm-Fernseher an der Wand, da läuft immer ein Nachrichtensender. Und vorgestern – wir stehen so auf der Straße vorm Schaufenster, drinnen flimmern lautlos die Bilder. Da berichteten sie anscheinend gerade über eine nagelneue Rex-Gildo-Verfilmung. Ben Becker mimt darin Rex‘ Liebhaber, und es wurmte mich doch schon einigermaßen, dass wir draußen nichts hörten.

 

Überschrift inspired by: Verdamp lang her © BAP, 1981

Überschrift also inspired by: Künstler in die Produktion

Lyrics: Candle in the Wind © Elton John, 1973

Lang Lang (* 14. Juni 1982 in Shenyang, Provinz Liaoning, China), Pianist

Robert Schumann (* 8. Juni 1810 in Zwickau, Königreich Sachsen; † 29. Juni 1856 in Endenich, Rheinprovinz), Komponist, Musikkritiker; Dirigent

Kärcher: Hersteller von Reinigungsgeräten und -systemen mit Hauptsitz in Winnenden, Baden-Württemberg

Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen / Welcher Gehirnhälften-Typ sind Sie.

Fiktives Vinyl: Andy Morricone – Angekommen im System © Kai von Kröcher, 2008/2022

 

Fresh-faced imbeciles laughing at me, I’ve been laughing myself. +++ Verstehen Sie mich nicht falsch: Braunschweig hatte gewiss seine Besonderheiten – als Braunschweiger zum Beispiel ging man gern „auf die Gurke“, das lässt sich nicht übersetzen. Auf der Tourismusbörse Berlin aber, und wir nähern uns langsam nun endlich dem Showdown! Auf der Tourismusbörse lief ich in eine Aufzeichnung fürs Fernsehen, das war eine andere Welt. Und während der Stargast in gewienerten Lederschuhen bereits auf das Scheinwerferlicht zusteuerte – da erhob die Moderatorin dramatisch die Stimme und kündigte an: „Und hier ist er nun, meine Damen und Herren, Sie kennen ihn alle – Roy Black!“ Und am Bühnenrand stand, jetzt wird es spannend – in seiner Verbeugung jäh unterbrochen, im schwarzen Zwirn: Rex Gildo. Er lachte verlegen, dann alles wieder auf Anfang: „Und hier ist er nun, meine Damen und Herren, Sie kennen ihn alle – Roy Black!“ Und wieder im Scheinwerferkegel, wie eben schon einmal: Rex Gildo. +++ Das ging dann noch einige Male so, ganz ohne Quatsch – und ehrlich gesagt habe ich mittlerweile vergessen, was ich mit der Geschichte erzählen wollte. +++ Heute früh bin ich leider wieder in einen gar nicht so uninformativen Prokrastinationsstrudel geraten: „Das könnte dich auch interessieren – welcher Gehirnhälften-Typ bist du?“ Okay, ich scheine der BEAR-Typ zu sein. Optimale Karrieremöglichkeiten bieten sich mir in folgenden Bereichen: Künstler, Tänzer, Sportler, Musiker, Fotograf, Modedesigner, Kinderbetreuer, Krankenschwester, Tierpfleger, Ministerium, Verkehrsbetrieb, Bauarbeiter, Landwirt, Lehrer, Kleinunternehmer.

 

Überschrift inspired by: Back in the USSR © The Beatles, 1968

Überschrift also inspired by: Welcher Gehirnhälften-Typ bist du – Prokrastinationsfalle im Internet

Lyrics: The Best Years of Our Lives © Steve Harley & Cockney Rebel, 1975

Abends in der Hong-Kong-Bar / Vulnerable Person.

Fiktives Vinyl: Vulnerable Person – Abends in der Hong-Kong-Bar © Kai von Kröcher, 2020/2022

 

You’re such a wonderful person but you got problems. +++ Um noch einmal auf Rex Gildo und das Ding mit der ITB zurückzukommen, der Internationalen Tourismusbörse in West-Berlin: 1988 hatten wir in Braunschweig kein Fernsehen und auch keine Stars. Natürlich hatten wir Fernsehapparate, so meine ich das nicht – bloß gab es kein Fernsehen in dem Sinne, dass da irgendwo mal etwas gedreht worden ist, was man dann abends in Leute heute oder so in der „Glotze“ sehen konnte. Dass da ein Fernsehteam über den Bohlweg oder den Kohlmarkt gelaufen ist und einen befragt hat: Was halten Sie von der Gasumlage. Leute heute gab es damals natürlich noch nicht, aber das ist ja jetzt ganz egal. +++ Interessant an der Band Vulnerable Person übrigens ist gar nicht zuletzt, dass man den Namen gleich ob in Deutsch oder in Englisch aussprechen kann, wenn ich nicht irre – probieren Sie’s einfach mal aus! +++ Jedenfalls hatten wir kein Fernsehen, und Stars gab es in Braunschweig nur in dem Rahmen, wie ich höchstselbst einer war: Außerhalb der Grenzen der Löwenstadt, zum Beispiel in Gifhorn. Da erkannte einen niemand mehr auf der Straße, und unbehelligt konnte man sein an Ereignissen gar nicht so armes Dasein fristen. +++ Und jetzt war ich da mit dem Reisebüro Schmidt aus Wolfenbüttel also auf der ITB in Berlin, als Begleiter auf Schnupperkurs, sozusagen. Und eigentlich hatte mir niemand eine Aufgabe gegeben – außer, auf der Transitstrecke die Mitfahrenden durchzuzählen. Ziellos schlenderte ich über das Messegelände, und als dann da plötzlich an einer Ecke ein bisschen Trubel war und Scheinwerfer und so aufgebaut waren, da blieb ich ganz einfach stehen: So etwas hatte ich noch nicht gesehen, das übertraf alles, was ich bisher, äh, okay. +++ An dieser Stelle hier sollte jetzt wieder der Cliffhänger auftauchen, ich fände das gut!

 

Überschrift inspired by: Abends in der Hong-Kong-Bar © Vulnerable Person, 2022

Lyrics: Breaking Glass © David Bowie, 1977

Love As A Weapon / Liebe im Zweiten.

Fiktives Vinyl: Zeitenwende – Iss den Kadaver, solange er warm ist © Kai von Kröcher, 2008/2022

 

Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut. +++ Gestatten Sie mir eine Frage persönlicher Natur: Warum interessiert es Sie, was ich von Princess Chelsea halte? +++ Ist doch egal, eigentlich. +++ Ehrlich gesagt, habe ich nicht mal zu Karl May eine Meinung, ich habe ihn nie gelesen. Aber ich will Ihnen mal eine Geschichte erzählen, die hat mit der Sache allerdings nichts zu tun. +++ Die Band heute ist relativ frisch, ihr Name lässt es erahnen: Wie man auf einen so ekelerregenden Albumtitel aber kommt, das bleibt mir ein Rätsel. +++ Als Kind nämlich, und dazu muss man vielleicht wissen, das war mir als Steppke aber nicht klar: Einer der größten, wenn auch dem breiten Publikum weitgehend unbekannt – einer der großen Söhne meiner Geburtsstadt nämlich ist Friedrich Gerstäcker, ein Abenteuerschriftsteller, dessen eine Tochter, Marie, später einen Onkel Ricarda Huchs heiraten sollte – was Sie vermutlich gar nicht gewusst haben. Meine Großmutter jedenfalls hatte mir einmal Bücher von Gerstäcker geschenkt. Seine Romane trugen so Titel wie Die Regulatoren in Arkansas, aber so richtig überspringen hatte der Funke damals nicht wollen. +++ Hatte ich die Geschichte mit Roy Black auf der Funkausstellung damals eigentlich schon zu Ende erzählt? Die läuft ja zurzeit gerade, die IFA (Internationale Funkausstellung Berlin/Anm.d.Red.). Scheint heute zu enden, falls Sie noch hingehen möchten: Genau genommen aber ging es doch eher um Rex Gildo auf der ITB damals, wenn ich nicht irre. +++ Okay. +++ Gerstäcker jedenfalls hatte ich nie gelesen, und die Bücher von damals, die habe ich heute natürlich nicht mehr. Und als ich das letzte Mal in meiner Geburtsstadt war und mit dem Auto so herumfuhr, da dachte ich: Mal schauen, was der alte Gerstäcker so macht. In den südlichen Outskirts von Braunschweig nämlich gibt es ein sehr schönes Schlösschen mit dem englischen Namen Schloss Richmond. Englische Aussprache, weil nach Richmond Park an der Themse benannt. Lange Rede, kurzer Sinn: Ein sehr schönes Schloss, und in den Nebengebäuden zu meiner Zeit war ein Gerstäcker-Museum beheimatet, in dem ich nie war – als Angry Young Man interessiert man sich für so etwas nicht. +++ Jetzt wollen wir langsam die Kurve hier kriegen, ich will heute meine Webseite nämlich mal ausmisten. +++ Als ich also eines der letzten Male oder so in der Löwenstadt war und mit dem Auto umherfuhr. Da bin ich da hin, die Wolfenbütteler Straße entlang. An der Wolters-Brauerei vorbei, die mächtige Eisenbahnunterführung durch. Dann die faschistische Müllerschule, so was gibt es tatsächlich. Und kurz dann vorm Stadtrand das wirklich sehr schöne Schloss Richmond – der perfekte Cliffhänger, wenn man so will!

 

Überschrift inspired by: Love As A Weapon © Little Scream, 2016

Überschrift also inspired by: Mit dem Zweiten sieht man besser (Slogan) © ZDF/Agentur Serviceplan, 1999

Überschrift also inspired by: Liebe in Zeiten © Erdal Bronko, 2022

Lyrics: Der letzte Song (Alles wird gut) © Kummer feat. Fred Rabe, 2021

Fitzcarraldo (mit Klaus Kinki, Claudia Cardinale) © Werner Herzog (Drehbuch/Regie/Produktion), D 1982

I Love My Boyfriend © Princess Chelsea, 2018

Karl Friedrich May (* 25. Februar 1842 in Ernstthal; † 30. März 1912 in Radebeul), dt. Schriftsteller

Friedrich Wilhelm Christian Gerstäcker (* 10. Mai 1816 in Hamburg; † 31. Mai 1872 in Braunschweig), dt. Schriftsteller

Fiesta Mexicana © Rex Gildo, 1972

Du bist nicht allein © Roy Black, 1965

IFA | Internationale Funkausstellung | Messegelände unter dem Funkturm | Berlin | 2. – 6. September 2022

Fachschule für die Aufstiegsfortbildung von staatlich geprüften Technikern für Müllereiverfahrenstechnik und Mühlenbau, Braunschweig

Uwe Kliemann / All Along the Watchtower.

Fiktives Vinyl: Ilka Isopescu – Es wird dich nie wieder verlassen © Kai von Kröcher, 2012/2021

 

Me with nothing to say and you in your autumn sweater. +++ Natürlich war die Geschichte längst nicht zu Ende, die mit Rex Gildo unter dem Funkturm seinerzeit. +++ Oha! Eine dieser brillanten Überleitungen schon wieder, für den der oder die Leser das oder den Blog so abgrundtief lieben. +++ Kommt. +++ Irgendwie werde ich mich nie dran gewöhnen: All Along the Watchtower ist im Original nicht von Jimi Hendrix.

 

Überschrift inspired by: Uwe Kliemann (* 30. Juni 1949 in Berlin), dt. Abwehrspieler u.a. bei Hertha BSC, Spitzname wegen seiner 1,96 m liebevoll „Funkturm“

Überschrift also inspired by: All Along the Watchtower © Bob Dylan, 1967

Lyrics: Autumn Sweater © Yo La Tengo, 1997

Hunde / You Were Perverted, too.

Fiktives Vinyl: Hunde – Die Wahrheit zerstört dich © Kai von Kröcher, 2017/2022

 

I don’t know how you were diverted, you were perverted too. +++ Hatte ich jemals von der Internationalen Tourismus Börse 1988 unter dem (West-)Berliner Funkturm erzählt? Mein Leben rauscht hier gerade vorbei in Überschallgeschwindigkeit. +++ Glauben Sie an den Zufall? Die Schlagzeile hier vom 31. Juli? Die letzte Überschrift vor dem Finale? Ich hatte die Beatles gehört, eine berühmte Band aus den Sechzigern. Song aus der Feder George Harrisons. No one alerted you. Und anschließend fällt prompt die von ihren Mannschaftskameradinnen „Poppi“ genannte Spielführerin aus. Und der Pokal geht nach England – im Gesamtkontext vollkommen gerechtfertigt. +++ Wir schreiben also das Jahr 1988, ich stecke offensichtlich gerade in einer Orientierungskrise. Und lebe noch irgendwo in der Metropolregion zwischen Harz und Heide. Und weil ich mir so langsam mal überlegen soll, was ich beruflich später mal werden will – da erzähle ich jedem, ich steige nun in der Tourismusbranche ein. Mache einen Probetag in einem Reisebüro in der Stadt Wolfenbüttel. Lessing war dort als Bibliothekar tätig, in Wolfenbüttel – allerdings vor meiner Zeit. +++ Das Plattencover der Band Hunde habe ich heute vormittag entworfen, wie finden Sie es? +++ Jedenfalls begleitete ich einen Reisebus zur ITB nach Berlin. Auf der Transitstrecke machten wir Halt an der Raststätte Theeßen, anschließend zählte ich durch, ob wir auch niemanden in der DDR vergessen hatten. Das war mein Auftrag – ansonsten spazierte ich allein auf dem Messegelände herum und sah mir die Probe zu einer Fernsehaufzeichnung mit Rex Gildo an: diese Geschichte birgt Zündstoff.

 

 

Überschrift inspired by: Die Wahrheit zerstört dich © Hunde, 2022

Überschrift also inspired by/Lyrics: While My Guitar Gently Weeps © The Beatles, 1968

Monolithen © Tom Liwa, 2000

Gotthold Ephraim Lessing (* 22. Januar 1729 in Kamenz; 15. Februar 1781 in Braunschweig), Dichter der Aufklärung

Rex Gildo (* 2.Juli 1936 als Ludwig Franz Hirtreiter in Straubing; † 26. Oktober 1999 in München), dt. Schauspieler und Schlagersänger