Im Namen des Volkes / Halloween in Ostberlin.

Fiktive Postkarten: Kathreiner-Haus, Potsdamer Straße (Berlin/West) © Kai von Kröcher, 2026

 

Just around the corner, half a mile to heaven. +++ „Kann ich Ihnen helfen?“ Ein junger Typ in einer Art Overall stellte sich gestern an der Potsdamer Straße freundlich lächelnd vor mich hin. Ich war gerade dabei, das Postkartenmotiv (oben) zu schießen. Ein Fragezeichen in den Augen, sagte ich: „Nein.“ Sicher nur wieder einer dieser Verwirrten, die einen hinter der nächsten Ecke von der Seite angesprungen kommen. „Vielleicht wollen Sie ja noch bessere Fotos machen? Ich bin der Hausmeister der kompletten Straße!“ Schulterzuckend ließ ich den Blick an dem Gebäude hinaufgleiten und sagte: „Ach so, aber eigentlich brauche ich einfach nur genau diese Wand – trotzdem besten Dank!“ +++ Das sogenannte Kathreiner-Haus wurde Ende der 1920er Jahre im Stile der Neuen Sachlichkeit erbaut, zurzeit steckt es in einem Moskitonetz. Wofür es aber übrigens nichts kann: Schräg vis-à-vis, vielleicht etwa so in einhundert Metern Luftlinie links außerhalb des Bildrandes – da hatte einst, in den dunklen Jahren, Roland Freisler als oberster Strafrichter des Volksgerichtshofes gewirkt. +++ So sehr, wie mich Tamara Danz und die Gruppe Silly irgendwie nie wirklich hatten ansprechen wollen, so sehr hatte ich gestern dann doch ihren Song aus der Überschrift (rechts) als Dauerohrwurm in, genau, meinen Ohren. +++ Nennen Sie mich einen hartherzigen Erziehungsberechtigten, aber meinem Sohn trichtere ich tagtäglich ein: „Du kannst gerne tun, was du willst – aber lass mich bitte mit diesem ganzen Halloween-Scheiß in Ruhe!“ +++ Vielleicht ein gruseliger Zufall – aber Roland Freisler hätte exakt gestern Geburtstag gehabt …

 

Überschrift inspired by: Roland Freisler (* 30. Oktober 1893 in Celle; † 3. Februar 1945 in Berlin), dt. Jurist

Überschrift also inspired by: Halloween in Ostberlin © Silly, 1993

Lyrics: Just Around the Corner © Cock Robin, 1987

Otto Nagel / Die verlorenen Seelen vom U-Bhf. Schönleinstraße.

On the Wood Way: Tag der Einheit an der Holzmarktstraße © Kai von Kröcher, 2021

 

Und man lässt sich einfach treiben, will nichts mehr sehen. +++ Mein jüngstes Patenkind geht auf das Otto-Nagel-Gymnasium in Biesdorf, und so kaufte ich mir neulich einen antiquarischen Bildband über den Maler und Ehrenbürger Berlins. Wo einen die Inspiration halt immer so trifft. Die Bilder darin konzentrieren sich dabei auf Nagels Schaffensphase während des Dritten Reichs: Durch die Nationalsozialisten war er mit einem Atelierverbot belegt worden, er durfte demnach also in seinem eigenen Atelier nicht mehr malen – von so etwas hatte ich bis dahin noch nie was gehört. Wie auch immer, Nagel zog in den späten Dreißigerjahren bis zum Ende des Krieges stattdessen mit seiner Staffelei durch die Berliner Straßen und malte die Stadt sozusagen an den Vorabenden ihrer Zerstörung. +++ Das Buch hatte ich mir irgendwann einmal mit meinem Sohn und Klimarebellen angeschaut, und seitdem hat er abends manchmal keine Lust auf ein Kinderbuch, sondern möchte lieber noch einmal die Werke seines Namensvetters Nagel durchblättern. +++ Teile der Überschrift mögen Sie vielleicht verunsichern, die Zeile (oben) war mir heute beim Eintauchen in die Parallelwelt des Heimatbahnhofs Schönleinstraße in den Sinn gekommen. +++ Im Radio spielen sie heute Songs von Interpreten immer im Wechsel mal aus dem Osten, mal aus der BRD: Silly habe ich irgendwie nie gemocht, aber vom Titel her passt das an dieser Stelle recht gut. +++ Das Foto (oben) habe ich heute im Otto-Nagel-Style draußen geschossen, als ich mittags wie so oft an der Jannowitzbrücke herumlungerte.

 

Überschrift inspired by: Otto Nagel (* 27. September 1894 in Berlin-Wedding; † 12. Juli 1967 in Berlin-Biesdorf), Berliner Maler und Schriftsteller, Kommunist und u.a. auch Freund und Nachlassverwalter von Zille und Käthe Kollwitz

Überschrift also inspired by: Die verlorenen Kinder © Silly, 1989

Lyrics: Am Abend mancher Tage © Lift, 1979

Otto Nagel – Berliner Bilder © Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, 1979

Otto-Nagel-Gymnasium, Marzahn-Hellersdorf

Die weiße Taube oder das nasse Dreieck (Roman) © Otto Nagel/Wedding-Bücher, Berlin 2017

Tag der Deutschen Einheit, 3. Oktober 2021