Spuk im Hochhaus / Scary Monsters (and Super Creeps).

Fiktive Postkarten: Früh morgens am Roederplatz © Kai von Kröcher, 2026

 

I′m the dandy highwayman you’re too scared to mention. +++ Als ich beim Einkaufen an der Kasse gestern gerade durch war, wenn Sie verstehen, was ich genau damit meine. Plötzlich jedenfalls fiel mir siedend heiß ein, ich hatte ja doch wieder gar keine Süssigkeiten gekauft – für die Kinder, die später verkleidet bei mir vor der Tür stehen würden. Da hatte ich dann – flapsig ausgerückt – definitiv keinen Bock mehr, noch einmal zurück in den Laden zu gehen, um hin und hergerissen vor den Regalen zu stehen und schließlich irgendeinen ungesunden Scheißdreck zu kaufen. Und so ging ich ohne Bonbons und Schokolade nach Hause, warf mit latent schlechtem Gewissen die ARD-Sportschau an. Um zehn machte ich das Farbfernsehgerät aus und legte mich schlafen – wenn bis hierher keiner gekommen war, würde nun wohl auch niemand mehr klingeln. +++ Wann bin ich dieser verbitterte alte Mann geworden, um den die Kinder einen Bogen machen? Für die es eine Mutprobe darstellt, die sich auf Deutsch gesagt einpissen, wenn sie an meine Tür klopfen? War das ein schleichender Prozess, oder kam das von einem Tag auf den anderen? +++ Übrigens glaube ich nicht, dass der junge Mann an der Potsdamer Straße vorgestern ein Irrer war. Natürlich war er auch keinesfalls Hausmeister der ganzen Straße, wie sollte das gehen? Da hatte er sich einfach falsch ausgedrückt. Er wird wohl zuständig sein für die zwei trutzigen Bauten zwischen Pallasstraße und U-Bhf. Kleistpark. Die auf der westlichen Seite, wo man den kalten Atem eines Roland Freislers spürt. Und weil er da tagein und tagaus seine adoleszenten Stunden am Totschlagen ist – da dachte er sich, als er mich da fokussiert auf dem Gehweg herumkriechen sah: Wie interessant musste es sein, Seite an Seite mit einem Fotografen durch die endlosen Flure und Stockwerke seiner Dienstgebäude zu stromern. +++ Apropos „irre“: Oft in den zurückliegenden Jahren habe ich mich häufig gefragt – ist es die Stadt, die perfide aus Nah und Fern alle Verrückte anlockt wie eine angebundene Ziege den Komodowaran. Oder werden die Menschen dann doch eher erst hier von der Stadt einfach alle verrückt gemacht? +++ Also, sind die Leute schon vorher bescheuert, oder werden sie das erst nach und nach, wenn sie hier sind? +++ Denken Sie mal drüber nach …

 

Überschrift inspired by: Spuk im Hochhaus (Kinderfernsehserie mit Katja Paryla, Heinz Rennhack u.a.) © Günther Meyer (Regie), DDR 1982

Überschrift also inspired by: Scary Monsters (And Super Creeps) © David Bowie, 1980

Lyrics: Stand and Deliver © Adam and the Ants, 1981

Roland Freisler (* 30. Oktober 1893 in Celle; † 3. Februar 1945 in Berlin), dt. Jurist

Insane in the Brain © Cypress Hill, 1993

 

Im Namen des Volkes / Halloween in Ostberlin.

Fiktive Postkarten: Kathreiner-Haus, Potsdamer Straße (Berlin/West) © Kai von Kröcher, 2026

 

Just around the corner, half a mile to heaven. +++ „Kann ich Ihnen helfen?“ Ein junger Typ in einer Art Overall stellte sich gestern an der Potsdamer Straße freundlich lächelnd vor mich hin. Ich war gerade dabei, das Postkartenmotiv (oben) zu schießen. Ein Fragezeichen in den Augen, sagte ich: „Nein.“ Sicher nur wieder einer dieser Verwirrten, die einen hinter der nächsten Ecke von der Seite angesprungen kommen. „Vielleicht wollen Sie ja noch bessere Fotos machen? Ich bin der Hausmeister der kompletten Straße!“ Schulterzuckend ließ ich den Blick an dem Gebäude hinaufgleiten und sagte: „Ach so, aber eigentlich brauche ich einfach nur genau diese Wand – trotzdem besten Dank!“ +++ Das sogenannte Kathreiner-Haus wurde Ende der 1920er Jahre im Stile der Neuen Sachlichkeit erbaut, zurzeit steckt es in einem Moskitonetz. Wofür es aber übrigens nichts kann: Schräg vis-à-vis, vielleicht etwa so in einhundert Metern Luftlinie links außerhalb des Bildrandes – da hatte einst, in den dunklen Jahren, Roland Freisler als oberster Strafrichter des Volksgerichtshofes gewirkt. +++ So sehr, wie mich Tamara Danz und die Gruppe Silly irgendwie nie wirklich hatten ansprechen wollen, so sehr hatte ich gestern dann doch ihren Song aus der Überschrift (rechts) als Dauerohrwurm in, genau, meinen Ohren. +++ Nennen Sie mich einen hartherzigen Erziehungsberechtigten, aber meinem Sohn trichtere ich tagtäglich ein: „Du kannst gerne tun, was du willst – aber lass mich bitte mit diesem ganzen Halloween-Scheiß in Ruhe!“ +++ Vielleicht ein gruseliger Zufall – aber Roland Freisler hätte exakt gestern Geburtstag gehabt …

 

Überschrift inspired by: Roland Freisler (* 30. Oktober 1893 in Celle; † 3. Februar 1945 in Berlin), dt. Jurist

Überschrift also inspired by: Halloween in Ostberlin © Silly, 1993

Lyrics: Just Around the Corner © Cock Robin, 1987